Zeitung Heute : Die Illusion vom sauberen Krieg

STEPHAN ISRAEL

BELGRAD .Das gilt auch für die wieder häufigeren Versuchsballons mit den Vorschlägen für eine friedliche Lösung an Bord.Dafür wird am Mittwoch der Besuch des weißrussischen Staatspräsidenten Lukaschenko zelebriert.Die beiden Autokraten sind sich einig in der Analyse der Lage.Milosevic wirkt beim ersten öffentlichen Auftritt seit Monaten munter wie eh und je.Die langen Bombennächte und die Zerstörung seines Landes scheinen ihm nichts anhaben zu können.Es herrscht Bunkerstimmung im Reich von Slobodan Milosevic.Ihm bereiten die zerstörten Brücken und Fabrikanlagen in seinem Reich keine schlaflosen Nächte.Er war noch nie ein Mann der Emotionen.

Der einsame Präsident weiß, daß die Zeit auf seiner Seite steht.Er kann warten und auf wachsende Dissonanzen im westlichen Lager hoffen.Dort glauben immer mehr Zweifler am kriegerischen Kurs der NATO, dem einsamen Herrscher noch einmal die Hand reichen zu müssen.Milosevic setzt auf den Zeitpunkt, da man wieder mit ihm verhandeln will.Am Verhandlungstisch ist er in seinem Element.Dort kann er dazu beitragen, den Konflikt, den er einst losgetreten hat, zu lösen.Am Ende wird er wieder als Mann des Friedens dastehen.Das würde gutgehen bis zur nächsten Krise.Milosevic braucht Krisen und Konflikte, um weiter über sein ruiniertes Volk herrschen zu können.Schließlich hat er in seiner Karriere schon drei Kriege vom Zaun gebrochen.In Montenegro fürchtet man sich vor dem Tag, an dem eine Lösung für das Kosovo unter Dach und Fach ist.Dann hätte Milosevic freie Hand für den Putsch gegen den westlich orientierten Präsidenten der kleinen Schwesterrepublik Serbiens.Auch in Belgrad fürchten sich Regimekritiker vor dem Tag, an dem die NATO ihre Intervention stoppt und Slobodan Milosevic noch immer an der Macht ist.

Wer mit dem Autokraten von Belgrad verhandelt, hat von vornherein verloren.Milosevic scheut keine Verluste, wenn es darum geht, an der Macht bleiben zu können.Er hält auf seinem selbstmörderischen Kurs ein ganzes Volk als Geisel.Zeigen sich seine Gegenspieler kompromißbereit, wird das als Schwäche ausgelegt - und die wird gnadenlos ausgenutzt.Die westliche Allianz hat klare Bedingungen an eine Beendigung der Luftangriffe geknüpft.Von diesen Bedingungen sollte der Westen jetzt nicht abrücken.Das Klischee entspricht in diesem Fall der unbequemen Realität: Milosevic versteht nur die Sprache der Gewalt.Kann der aggressive Nationalismus mit faschistoider Prägung jetzt nicht gestoppt werden, wird auf dem Balkan auf Jahre hinaus kein Frieden einkehren.Der Autokrat von Belgrad darf nicht mehr Teil einer Lösung sein, denn er ist das Problem selber.

Vor zehn Jahren hätte es im Kosovo-Konflikt noch "gute" Lösungen gegeben.Auch vor zwei oder drei Jahren wäre ein friedlicher Ausweg vielleicht noch möglich gewesen.Doch heute stehen nur noch ähnlich ungünstige Varianten zur Auswahl.Der Westen kann die Luftangriffe fortsetzen und hoffen, daß Milosevic einlenkt.Die Aussicht auf Erfolg ist eher gering.Die NATO-Planer haben fälschlicherweise geglaubt, mit einem "sauberen" Krieg aus der Luft die Auseinandersetzung gewinnen zu können.Nur besiegt, sagen selbst einsame Stimmen in Belgrad, habe Serbien eine Chance für einen Neuanfang.Die Entscheidung für Bodentruppen scheint angesichts der Deportationen und der Greueltaten im Kosovo unausweichlich.Sonst werden die vertriebenen Albaner wohl für immer als Flüchtlinge im Exil bleiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben