Zeitung Heute : Die Industrie der Piraten

Es wurde offenbar Lösegeld gezahlt, und Frankreich schickte seine Kriegsmarine – die Befreiung der Jacht „Le Ponant“ aus den Händen von Piraten war teuer. Ein deutscher Fachmann macht vor, dass es so weit gar nicht hätte kommen müssen

Frank Bachner[Hamburg]

Einzelheiten will er erst die Angehörigen wissen lassen, bevor die Öffentlichkeit erfährt, wie alles vor sich ging, aber seinen Dank an die Beteiligten hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Freitagmittag bereits verkündet. Er richtet ihn an die „Streitkräfte und alle Staatsdienste, die es ermöglicht haben, dass diese Geiselnahme schnell und ohne Zwischenfälle beendet wurde“.

Die vor einer Woche von somalischen Piraten gekaperte französische Luxusjacht „Le Ponant“, die 30 Geiseln an Bord, sind gerettet. Zwei Millionen Dollar Lösegeld sollen gezahlt worden sein. Sechs der insgesamt zwölf Piraten wurden anschließend gefangen genommen, die anderen sechs sind wohl entkommen. Bei einem darauffolgenden Hubschraubereinsatz der Franzosen – Frankreich hatte seine Kriegsmarine und Eingreiftruppen in Marsch gesetzt, aber eine Verhandlungslösung angestrebt – sind offenbar drei Menschen zu Tode gekommen, acht wurden verletzt. Der zuständige somalische Gouverneur konnte oder wollte nicht sagen, ob es sich dabei um Piraten handelt.

Die 88 Meter lange „Le Ponant“ war am 4. April auf einer Überführung ohne Passagiere vor der somalischen Küste gekapert und zu einem Piratenhafen im autonomen Puntland entführt worden. An Bord befanden sich 22 Franzosen, sechs Philippiner, ein Kameruner und eine Ukrainerin. Ihnen scheint es gut zu gehen. Fischer aus dem Ort Eyl, 500 Kilometer nördlich von Mogadischu, sagten, dass sie die Geiseln am Freitag gesehen haben. „Sie haben gewunken.“

 750 Kilometer von Paris, 6500 Kilometer von der somalischen Küste entfernt, im Dorf Fredenbeck in der Nähe von Hamburg, sitzt ein Mann im Büro seines Reihenhauses, er hat seinen Laptop aufgeklappt, klickt eine Seekarte mit roten und grünen Kreuzen an. Das Gebiet des Golfs von Aden. Die roten Kreuze markieren Piratenangriffe im zweiten Halbjahr 2007. Sechs rote Kreuze. Die grünen sind Angriffe seit Januar 2008. Acht insgesamt, eines der Kreuze markiert die „Le Ponant“. Der Mann heißt Wilhelm Probst. Er hat kurz geschnittene graue Haare, unter seinem schwarzen T-Shirt sind muskulöse Oberarme zu erkennen. Er ist 50 Jahre alt, aber er macht problemlos 70 Liegestütze. Früher, als er noch Kampfschwimmer war, pumpte er locker 150 Mal. Wilhelm Probsts heutiger Job ist es, Schiffe vor Piraten zu schützen. „Wären Sicherheitsexperten an Bord der ,Le Ponant’ gewesen, hätten die Piraten wahrscheinlich abgedreht“, sagt er.

Der Golf von Aden, Somalias Küste – Probst weiß genau, wie gefährlich dieses Gebiet ist. Zum Beispiel kennt er die Details eines Angriffs vom 1. April – kurz bevor die „Le Ponant“ gekapert wurde. Piraten in drei Speedbooten beschossen einen Tanker mit Raketen und Kalaschnikows. Das Schiff wechselte den Kurs, erhöhte die Geschwindigkeit und entkam. Und Probst weiß noch viel mehr. Seit sieben Jahren arbeitet er als maritimer Sicherheitsexperte. Er ist einer von ganz wenigen in Deutschland.

Vor gut einem Jahr – ein ausländischer Milliardär hatte ihn engagiert – begleitete Probst eine 60-Meter-Jacht auf einer Tour vom Mittelmeer zu den Malediven und zurück. Sie fuhren im gleichen Gebiet, in dem die Besatzung der „Le Ponant“ auf ihre Angreifer traf. Probst war nicht allein, er arbeitet mit einem Team, vier Mann insgesamt, zuständig für die Sicherheit eines 50-Millionen-Schiffs und einer 13-köpfigen Besatzung. Vier ehemalige Kampfschwimmer, alles Spezialisten, keiner unter 40 Jahren alt, alle ausgebildet für die Verteidigung von Schiffen. „Vier Mann reichen aus“, sagt Probst. Dass sie mit 10 000 Euro teuren Nachtsichtgeräten, Ferngläsern und Entfernungsmessern arbeiten, erzählt er im Plauderton. Was er im Ernstfall sonst noch einsetzen könnte, verschweigt er. Probst grinst: „Wir können uns wehren“, sagt er bloß. Was er damals – bei der Begleitung des Milliardärsschiffes – dazu brauchte, war schon an Bord, als er mit seinen Leuten eintraf.

Es war weit nach Mitternacht, sagt Probst, zwei Leute standen am Pier im Hafen von Port Said, Ägypten, die Gegend war ansonsten menschenleer. Einer der beiden zeigte auf eine Plastiktüte in seiner Hand. Ich habe ein Geschenk für den Kapitän, habe er gesagt. Er müsse es ihm persönlich überreichen. Und dann: Wie viele Leute sind an Bord? Wo fahrt ihr hin? Sind Sicherheitsleute dabei? Probst wimmelte ihn ab. In seinem Rücken versuchte zur gleichen Zeit der zweite Mann über die Reling des Schiffs zu klettern. Er sah nicht, dass Probsts Kollege im Schatten am Heck stand und ihn erwartete. Der Mann löste sich aus der Dunkelheit und drängte den Fremden zurück.

„Eine typische Situation“, sagt Probst. „Piraten versuchen immer, ein Schiff auszuspähen, bevor sie dann auf hoher See angreifen.“ Er ist sich ziemlich sicher, dass auch die „Le Ponant“ ausgespäht worden ist. Die Observation kann auch auf hoher See passieren, durch Boote von Einheimischen zum Beispiel. Die schippern dann scheinbar harmlos vorbei.

Südlich von Aden hatte die Jacht Kontakt mit einem verdächtigen Boot. Ein Fischkutter, 20 Stunden lang habe der sich an die Jacht geheftet. Er sei nähergekommen, drehte wieder ab, kam wieder näher, immer alles auf Sichtweite. Probst beobachtete den Begleiter durch sein Fernglas, und er sah, dass die Jacht ebenfalls beobachtet wurde. Probst schlug Alarm, die Wachen wurden verstärkt, demonstrativ zeigten sich die Sicherheitsleute an Deck. Der Kutter drehte ab, die Jacht erreichte unbehelligt die Malediven. Erst auf der Rückfahrt, wieder im Golf von Aden, hatte Probst ein ähnliches Erlebnis.

Dieser Auftrag war sein vorerst letzter an Bord eines Schiffes. Die meiste Zeit über sitzt Probst in seinem Büro. Ein weißgetünchter Raum, an den Wänden eine Weltkarte, eine riesige Schiffsskizze und ein Foto mit drei getarnten Kampfschwimmern – einer davon ist Probst – in einem Hubschrauber, kurz vor einem Anti-Terror-Training. Das Foto ist 14 Jahre alt.

Viele von Probsts Kontakten stammen aus dieser Zeit. Dazu kommen noch öffentliche Quellen und eigene Erfahrungen. Die Mixtur hat er in einem Report zusammengefasst, der ständig aktualisiert wird. Auf 300 Seiten hat er alle Seegebiete und Wasserwege dieser Welt nach ihrer jeweiligen Gefahrenlage analysiert.

Diese Informationen sind die Grundlage für die Routenanalyse und Bedrohungsszenarien, die er für seine Kunden ausarbeitet. Reeder, Schiffseigner, Jachtbesitzer, sie alle kommen zu ihm. Wenn er der „Le Ponant“ eine Routenanalyse erstellt hätte, sagt Probst, „dann wäre die Crew nicht sozusagen im Schlaf überrascht worden“. Am besten aber wäre es immer noch gewesen, Profis mitzunehmen. Er meint: die Profis, die er mitbringt.

Diese Profis leben von ihrer Unauffälligkeit. Probst und seine Leute tragen an Bord die gleiche Kleidung wie die Crew. Sie gliedern sich ein und respektieren die Besatzung. Das ist ein entscheidender Punkt, denn Sicherheitsleute gelten auf den Schiffen erstmal als Fremdkörper. Keiner kennt sie, keiner kann sie einschätzen, sie geben in Bedrohungssituationen Anweisungen oder Empfehlungen.

Anweisungen? In engen Grenzen, sagt Probst, er lässt eine Handkante durch die Luft fahren: „Das Wort des Kapitäns ist Gesetz.“ Er schreit jetzt fast. „Alles passiert in Absprache mit dem Kapitän.“ Ein Streit um Eitelkeiten und Zuständigkeiten, während Piraten in Schnellbooten heranrauschen, das wäre katastrophal. Bei Gegenwehr muss die Besatzung sowieso in einem sicheren Raum verschwinden, sie hat mit Scharmützeln nichts zu tun.

2007 gab es 263 offiziell registrierte Piratenangriffe weltweit, Schiffe zu kapern ist zur Industrie geworden, einer Raub- und Lösegeldindustrie. Regierungen beginnen, darauf zu reagieren – Mitte April findet in Daressalam eine Konferenz von 20 Anrainern des Indischen Ozeans zum Piratenunwesen statt –, und der Schutz der Schiffe ist zu einem Geschäftsfeld für Sicherheitsfirmen geworden.

Es gibt kleine wie Probsts „Staff Maritim“ und große wie die britische „Anglo Marine Overseas“, die vor einigen Jahren 300 ehemalige britische Elite-Soldaten eingestellt haben soll. Die Männer sollen Angehörige eines nepalesischen Bergvolkes sein, den Gurkhas, die Piraten außer Gefecht setzen können sollen, ohne Waffen zu benutzen. Die in der Schweiz registrierte Firma Marine Risk Management wiederum bietet Ex-Söldner als Schiffsbegleitung an, angeblich innerhalb von 24 Stunden überall auf der Welt einsetzbar, um gestohlene Schiffe zurückzuerobern. Probst sagt, es gibt Leute, die in Rambomanier auftreten, die lässig Befehle erteilen wollen und nur auf den nächsten Nahkampf warten. „Private Schiffseigner wollen solche Leute nicht.“ Deshalb, vermutet er, verzichten viele Jachtbesitzer lieber ganz auf Sicherheitspersonal.

Der Milliardär, der Probst engagierte, hatte zuvor in den USA, Australien und England nach Sicherheitsleuten gesucht, er hatte Angebote abgelehnt. Zu Probst kam er über eine Empfehlung und weil sein Sicherheitsoffizier Probsts Buch gelesen hatte. „Kampfschwimmer der Bundesmarine, Innenansichten einer Elitetruppe“.

Wenn Probst einmal nicht vor seinem Computer sitzt und Analysen schreibt, hangelt er sich in einem Klettergarten vorwärts. Mit seinen Leuten trainiert er dann, 15 Meter hohe Bordwände zu entern.

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