Zeitung Heute : Die Infrastruktur in den Köpfen

Der Tagesspiegel

Von Bernd Ulrich

Wenn der deutsche Außenminister an diesen Ostertagen wieder das tut, was er schon über die Weihnachtsfeiertage tat – nämlich mit den Kontrahenten des Nahostkonflikts telefonieren – dann fragt man sich, was er ihnen wohl sagt. Und was er von ihnen hört. Denn was zurzeit in Israel und Palästina geschieht, liegt jenseits dessen, was man noch unter vernünftigen Menschen kommunizieren und telefonieren kann. Das alles wird langsam, aber sicher in einem ganz buchstäblichen Sinne verrückt.

Jassir Arafat flippte eben in einem Interview aus, bei dem der Akku seines Telefons und offenbar auch sein eigener immer schwächer wurde. Er fuhr die bekannte CNN-Interviewerin Christiane Amanpour an: „Seien Sie ruhig!“, und: „Warum machen Sie diese Fehler?“ Aufschlussreich ist weniger, dass Arafat aus dem Rahmen fiel, sondern an welcher Stelle des Interviews: Als Amanpour ihn fragte, ob er fähig sei, die Gewalt der Selbstmordattentate zu stoppen. Diese Frage ist keineswegs unverschämt oder despektierlich, sie trifft nur genau ins Mark. Arafats Verlogenheit besteht seit jeher darin, im Dunkeln zu lassen, ob er die Gewalt nicht stoppen kann oder nicht will. Selbst jetzt – in dieser dramatischen und für sein Volk schicksalhaften Situation – kann er davon nicht lassen.

Dabei liegt die Antwort auf die Frage, ob er nicht kann oder nicht will, mittlerweile klar zutage: beides. Des Terrorismus verdächtige Palästinenser lässt Arafat meist Monate lang frei herumlaufen, während er es zu Ostern wieder zuließ, dass angebliche Kollaborateure gruppenweise massakriert wurden.

Doch was das Tragischste ist: Arafat will nichts gegen den Terror tun – und Israel kann es nicht. Wie hilflos der regierende General Scharon ist, zeigt sich immer dann besonders drastisch, wenn er sich stark gibt. Die jetzige Offensive der israelischen Armee diene dazu, so sagen Scharon und seine Kabinettskollegen unablässig, die „Infrastruktur des Terrorismus“ zu zerstören. Infrastruktur, das klingt, als ginge es um Straßen, Waffen, Flughäfen, Kommandozentralen.

Schrecklicherweise kommt diese Art von Terrorismus fast ohne Infrastruktur aus. Sprengstoff und Nägel, einen, der mordend sterben will, ein paar andere, die ihm helfen – das ist so furchtbar leicht zu organisieren. Jedenfalls solange, wie die Terroristen in ihrem Volk verankert sind und Schutz finden. Die Infrastruktur des Terrorismus ist die Infrastruktur der Palästinenser, sie ließe sich nur zerstören, indem das Volk zerstreut und vertrieben würde. Also nicht. Oder aber indem man die Infrastruktur in den Köpfen, den Irrsinn bekämpft. Diese Art der Bekämpfung terroristischer Infrastruktur hat auch einen Namen. Man nennt sie: Politik.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben