Zeitung Heute : Die Insel, der Staatsanwalt und eine schreckliche Erinnerung

Fast sechs Jahrzehnte nach einem Massaker der Wehrmacht an italienischen Kriegsgefangenen ermitteln deutsche Behörden wegen Mordes

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Von Doris Wille, Kefalonia

Steinalte Olivenbäume, Häuser am Berghang, Hundegebell in spätsommerlicher Stille – das ist das, was man sieht und hört. Und es gibt noch die Erinnerungen, die die alten Leute aus dem Ort mit sich herumtragen. Wer beginnt ihnen Fragen zu stellen, bekommt den Eindruck, dass die Schilderungen von Tod und Leid kein Ende nehmen wollen. In ihrem Dorf, Troianáta in Griechenland, auf einer Insel im Ionischen Meer, die Kefalonia heißt, haben Soldaten der deutschen Wehrmacht im September 1943 ein Massaker angerichtet.

Das Elternhaus von Spiros Vangelatos, dem pensionierten Englischlehrer, liegt am Berghang von Troianáta, unterhalb der ehemaligen Dorfschule. „Wir haben damals die ganze Nacht kein Auge zugetan“, sagt er. In der Schule saßen zusammengepfercht, aber voller Zuversicht auf eine Rückkehr in ihre Heimat, mehrere Hundert italienische Kriegsgefangene und sangen bei Kerzenlicht muntere Lieder: „Mamma, sono tanto felice perchè ritorno da te“ – ich bin sehr glücklich, Mama, weil ich zu dir zurückkehre. Am nächsten Morgen konnte der damals 16 Jahre alte Vangelatos beobachten, wie sie in einer langen Kolonne aus dem Dorf geführt und auf einem Feld unterhalb seines Hauses aufgestellt wurden. Hinter einem Mandelbaum versteckt, sah er, wie die Italiener von zwei Soldaten an Maschinengewehren niedergestreckt wurden: „Körperfetzen flogen in die Höhe, Erdbrocken, Stoffstücke“, sagt Vangelatos, „es war ein einziges Dröhnen zu hören, der Boden bebte. Die Maschinengewehre tanzten auf ihren Ständern. Es dauerte nicht länger als drei, vier Minuten. Die Leichen fielen übereinander und reichten bis zum Rand der Feldmauer.“

In Troianáta wurden mehr als 600 italienische Kriegsgefangene getötet. Auf Karren, Leitern und Decken schafften Leute aus dem Dorf die Leichen zu zwei versiegten Brunnen und warfen sie hinein. Auch Vangelatos fasste mit an. Die Gebeine wurde später exhumiert und nach Italien gebracht. Heute sind die Umrisse der Brunnen kaum noch auszumachen.

Nach beinahe 60 Jahren erwartet die Insel nun den Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß zu Besuch, der als Leiter der Zentralstelle für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen in Dortmund den Fall Kefalonia aufgegriffen hat. In einem Brief an den Präfekten der Insel hatte Maaß nach n von Augenzeugen gefragt und die griechische Justiz um Hilfe gebeten. Am Dienstag konnte ihm der Präfekt eine Liste mit den Namen von sechs Zeugen schicken. Wann sie allerdings ihre Erinnerungen zu Protokoll geben können, ist ungewiss. Auf das Rechtshilfeersuchen, das Maaß Mitte Juli an den Staatsanwalt auf Kefalonia abschickte, hat er noch keine Antwort erhalten.

Bereits in den 60er Jahren hatte die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt, dann aber die Akten geschlossen. Aber nun gebe es neue historische Forschungen, sagt Maaß, es seien zum Beispiel zwei Kriegstagebücher aufgetaucht. Außerdem verspreche er sich Erkenntnisse aus Stasi-Unterlagen.

Sollte es Maaß gelingen, genügend Beweise zu sammeln, um den Tatvorwurf des Mordes zu erhärten, könnte es zu einer Anklage kommen. Für Mord gilt keine Verjährungsfrist, während bei Totschlag nach 15 Jahren die Strafverfolgung aussetzt. Er ermittelt gegen elf ehemalige Wehrmachtsangehörige, in der Mehrzahl Offiziere, die heute zwischen 79 und 92 Jahre alt sind. Die meisten der ehemaligen auf Kefalonia stationierten Soldaten sind inzwischen gestorben.

Nicht nur in Troianáta, überall auf der Insel wurden Massenerschießungen durchgeführt. Fársa, Frangáta, Dilináta, Prokopáta sind Namen von Dörfern, in denen italienische Offiziere und einfache Soldaten in jenen Septembertagen getötet wurden. 5000 insgesamt sollen es sein.

Als im Sommer 1943 anglo-amerikanische Truppen auf Sizilien landeten und am 8. September zwischen den Alliierten und Italien ein Waffenstillstand vereinbart wurde, verlor Deutschland seinen Verbündeten und betrachtete Italien nunmehr als Verräter. Auf Kefalonia lagen sowohl deutsche als auch italienische Soldaten. Die Deutschen forderten die Italiener auf, ihre Waffen niederzulegen, die wiederum widersetzten sich. Es kam zu Kämpfen, Stuka-Angriffe trugen dazu bei, dass die Italiener nach einer Woche überwältigt wurden. Doch Hitler selbst hatte den Befehl erlassen, dass auf Kefalonia keine italienischen Gefangenen zu machen seien. Im Klartext bedeutete das: Erschießung. So wie in Troianáta.

Einigen italienischen Soldaten gelang die Flucht; sie versteckten sich oft mit Hilfe von Griechen in Ställen, Zisternen oder Höhlen. Als das Massentöten nach etwa zwei Tagen aufhörte, blieben mehrere tausend Überlebende in Gefangenenschaft. Die drei deutschen Schiffe „Ardena“, „Alma“ und „Maria Martha“, die sie in Sammellager bringen sollten, fuhren auf Seeminen auf und sanken. Es ertranken Hunderte von Italienern, die Zahlen schwanken zwischen 1200 und 3000. Von denen, die auch hier mit dem Leben davongekommen waren, wurden viele an die Ostfront gebracht, wo sie gezwungen waren, in Baubataillonen zu arbeiten. Beim deutschen Rückzug gerieten etliche schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft, die ebenfalls nicht alle überlebten.

Nicht jeder, der auf Kefalonia dazu etwas zu sagen hätte, steht auch auf der kurzen Augenzeugen-Liste des Präfekten. Nicht dabei zum Beispiel ist der 95 Jahre alte Stavros Niforatos. Als junger Arzt war er überall auf der Insel unterwegs. So erinnert er sich, wie er auf dem Rückweg von einer Hausgeburt einen der Tötungsorte, eine Schlucht, passieren musste. „Sie hatten den Italienern mit Messern die Kehlen durchgeschnitten. Als hätten sie Schafe abgeschlachtet.“ Oder Nikolas M., er sah als elf Jahre alter Hirtenjunge in Kardákata, wie fünf italienische Soldaten unter deutscher Bewachung eine Grube ausheben mussten. Zwei Tage später sollte es ihr eigenes Grab werden.

Zu den Opfern während der deutschen Besatzung der Insel zählten auch griechische Partisanen. Wie der Popensohn Angelos Konstantakis, der am 24. Oktober 1943 erhängt wurde. „20 Kilo Mehl und einen halben Autoreifen für Schuhsohlen“, so sein Neffe Dionisis, habe derjenige erhalten, der verriet, dass Konstantakis Waffen zu den Partisanen schleuste. Manchmal verfolgen den Neffen, der damals ein Kind von neun Jahren war, die Bilder noch bis in den Schlaf. Der Pope war gezwungen, seinem Sohn zum letzten Mal das Abendmahl zu geben, das ganze Dorf musste sich um den Olivenbaum versammeln, an dem Konstantakis erhängt wurde. In den Zweigen des Baumes hängt ein schlichtes Metallkreuz.

Im kefalonischen Büro der „Griechischen Vereinigung der nationalen Widerstandskämpfer“ hat man die Namen von 205 Partisanen und Zivilisten gezählt, die während der einjährigen Besatzung von den Deutschen erschossen oder erhängt wurden.

Mehr als hundert Klagen haben die Leute aus Kefalonia gegen Deutschland eingereicht. In den Akten liest man von Bombenopfern, von geplünderten, niedergebrannten Häusern und erschossenen Angehörigen an immer neuen Orten, man findet Kopien amtlicher Totenscheine mit der Todesursache: „Von deutschen Soldaten ermordet“. 1996 wurden die vor dem Gericht der Inselhauptstadt Argostoli eingereichten Klagen von der Bundesrepublik zurückgewiesen. Sie stünden nicht mit dem Internationalen Recht in Einklang und eventuelle materielle oder immaterielle Schäden von Privatpersonen könnten nicht die Grundlage einzelner Ansprüche bilden, heißt es in einer Mitteilung des griechischen Justizministeriums, die die deutsche Haltung wiedergibt.

Zwischen den Aktendeckeln sucht man den Namen von Jorgos A. vergeblich. Während seine Frau griechischen Mokka einschenkt, schildert der 76 Jahre alte Mann aus einem abgeschiedenen Dorf im Tal von Omalá seine Erinnerungen an den September 1943. „Was wollen Sie sonst noch wissen?“, fragt der in sich gekehrte Mann immer wieder. Als Jugendlicher war er den deutschen Soldaten damals hinterhergerannt und hat viel zu sehen bekommen. Er berichtet von dem alten Griechen, der mit seinem Leben dafür bezahlt hat, als er versuchte, ein Stück Unterwäsche aus einem Lagerfenster zu ziehen. Er erinnert sich an die Schreie der drei italienischen Offiziere, die vor seinen Augen erschossen wurden. Er beschreibt, wie deutsche Soldaten nach einer weiteren Exekution von acht Griechen lachend weggegangen sind. Er hat den jungen Schäfer nicht vergessen, der erhängt wurde, weil er sich eine der vielen Waffen genommen hatte, die nach den Hinrichtungen der Italiener überall liegen geblieben waren.

Dann erzählt er auch von seinen zwei Brüdern, die von deutschen Soldaten erschossen wurden. Sie waren geflohen, als die Menschen aus dem Nachbardorf zusammengetrieben wurden und Schüsse und Schreie Schlimmes befürchten ließen. Das war im Juli 1944. Die deutschen Soldaten zogen zwei Monate später von der Insel ab.

Wer beginnt, manchen älteren Inselbewohner Fragen zustellen, bekommt den Eindruck, dass die Schilderungen von Tod und Leid kein Ende nehmen wollen. Jorgos A. will keine Entschädigungen, er hat nicht geklagt. Geld kann für ihn den Verlust seiner Brüder nicht ausgleichen. Der Mokka in den kleinen Tassen ist kalt geworden. Das abendliche Dämmerlicht dringt in die Wohnküche. Der alte Mann schaut auf seine knorrigen Hände. „Was wollen Sie sonst noch wissen?“, fragt er.

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