Zeitung Heute : Die Internet-Schupos

„Wardrivers“ spüren ungesicherte Funknetze auf

Kurt Sagatz

Über Hobbys lässt sich nicht streiten. Die einen lassen eben gerne ihre elektrischen Eisenbahnen im Kreis fahren, die anderen setzen sich halt lieber in ihr Auto, schalten ihren Laptop ein und suchen die Straßen nach ungeschützten Funknetzen ab. Das nennt sich dann Wardriving, und „DocError“ ist einer der Verfechter dieses ungewöhnlichen Steckenpferdes. Am 22. Februar fallen die Wardriver nun über Berlin her, denn am nächsten Sonnabend findet in der Hauptstadt das erste „Deutsche Wardriving Treffen“ statt.

Noch gibt es nur wenige Fans dieser digitalen Sportart. Bislang liegen für das Wardriving-Treffen gerade einmal 60 Anmeldungen vor, berichtet „DocError“, der im wirklichen Leben Christian Henkel heißt. Mit 41 Jahren gehört der studierte Elektrotechniker zu den älteren Wardrivern. Die meisten übrigen sind zwischen 25 und 35 Jahren alt.

Sie alle verbindet die Begeisterung für eine noch sehr junge Computertechnik, die sich seit ungefähr einem Jahr mit rasantem Tempo ausbreitet. Wireless LANs (siehe Kasten) ermöglichen auf einfachste Weise den Aufbau von Computernetzwerken, ohne dass dafür auch nur ein einziges Kabel verlegt werden müsste. Man kann dann Computer überall in der Wohnung, auf dem Balkon oder im Garten nutzen. Allerdings gibt es dabei ein technisches Problem: die Sicherheit. Nach der Installation ist das Netz erst einmal komplett ungeschützt. Es ist beinahe so, also ob man ein Netzwerkkabel aus dem Fenster hängt, versehen mit einer Aufforderung, sich ausführlich im eigenen Netz umzuschauen, die Internet-Leitung zu benutzen oder den Drucker fernzusteuern. Genau hier setzt das Wardriving an. Denn um in dieses Hobby einzusteigen, wird außer einem fahrbaren Untersatz nur noch ein Laptop mit installierter Wireless-LAN- Karte benötigt.

Die nötigen Programme zum Aufspüren der Funknetze gibt es über das Internet, umsonst als Freeware. Zu den beliebtesten Tools der Szene gehört der „Netstumbler“. Kommt der Wardriver in die Nähe eines Funknetzes, zeigt das Programm an, wie stark das Signal ist, wie das Netz heißt und ob es ungesichert oder geschützt ist. Mit einem GPS-Empfänger lassen sich die gewonnenen Daten gleich auf einer Karte eintragen.

Die Ergebnisse lassen sich im Internet besichtigen. „Auch unsere Tour vom 6.2.03 war wieder ein voller Erfolg. Über 2000 neue APs (der Access Point stellt den Zugang zum Wireless LAN dar. Anmerk. d. Red.)“, steht über der mit lauter kleinen Markierungen versehenen Berlin-Karte. Auf ihrer Fahrt von Schöneberg nach Westend und von Wedding nach Mitte haben die Berliner Wardriver tatsächlich ein Funknetz nach dem nächsten aufgespürt. Dabei steht jede Markierung mit einem roten Fuß für ein gesichertes und jede mit einem grünen Sockel für eine ungeschützte Verbindung. „Die meisten Netze sind offen, das ist schon erschreckend“, sagt Christian Henkel, der den Leichtsinn der Systembetreiber nicht verstehen kann. Bei den meisten privaten Netzen gäbe es vermutlich nur wenig auszuspionieren, doch dass selbst die in Unternehmen eingesetzten Wireless-LANs nicht abgesichert werden, ist für den Chef der Firma Freebird skandalös.

Dabei ist die Sicherung eines Funknetzes inzwischen kaum schwerer als der eigentliche Aufbau. Neben dem Austausch der Standard-Passwörter gegen eigene Ausdrücke und der Änderung des Standard-Netzwerknamens sollte in jedem Fall die Verschlüsselung aktiviert werden. Allein durch diese wenigen Änderungen werden die meisten ungebetenen Gäste bereits wirkungsvoll ausgesperrt. Zudem macht der Schutz jedem potenziellen Eindringling klar, dass er nun auch juristisch problematisches Gebiet betritt. Denn gegen einen Eindringling in ein ungesichertes Netz kann man schlecht vorgehen, gegen das Hacken eines geschützten Wireless LANs schon.

Die Gefährlichkeit des Wardrivings wird nach Henkels Meinung zumeist übertrieben dargestellt. Bislang sei in Deutschland noch kein Fall bekannt geworden, bei dem durch die Freizeitbeschäftigung der Technik- Freaks ein Schaden entstanden sei.

Die große Angst vor dem 22. Februar ist nach Ansicht von „DocError“ aber selbst dann nicht begründet, wenn man es bis dahin versäumt hat, mehr für die Sicherheit zu tun. Von den Freunden des Wardriving werde es gar nicht geschätzt, wenn jemand tatsächlich in die fremden Netze eindringt und dort möglicherweise etwas manipuliert oder sogar zerstört.

Das erste Bundestreffen am nächsten Sonnabend soll ebenfalls ein harmloses Vergnügen werden. Geplant ist neben dem geselligen Beisammensein im Restaurant „Zum Bayernring“ unter anderem eine Schnitzeljagd. Mit dem Auto und dem Laptop gilt es, die Funknetze in bestimmten Straßen auszukundschaften, um aus den Namen der Wireless LANs am Ende das Lösungswort zu ermitteln.

Mehr zum Thema:

www.wardriving-forum.de

http://techupdate.zdnet.de

www.it-academy.cc

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