Zeitung Heute : Die Jäger der verlorenen Schätze Italiens Polizei kommt gegen die vielen Grabräuber nicht an

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Von Thomas Migge, Rom

Es hat geregnet in der letzten Nacht, die Wiese ist schlammig, doch jetzt scheint der Mond, und er lässt Alberto sehen, wohin er seine Füße setzen muss. Alberto spricht kein Wort. In der Hand hat er einen Spaten, im Rucksack ist weiteres Gerät. Er hält inne, schaut auf eine selbstgemalte Landkarte und nickt. Er steht auf einem Erdhügel. Alberto ist ein „tombarolo“, wie man in Italien einen Kunsträuber nennt, jemand, der „tombe“, antike Gräber, leert und das, was er findet, verkauft. Er erkennt jene Orte, an denen etwas zu holen sein könnte. Also ist der Erdhügel ein Grab.

„Tombarolo zu sein ist eine Arbeit wie jede andere“, sagt der 39-jährige Mann mit den wilden schwarzen Locken, „vielleicht sogar eine nützliche, denn wir holen das Zeug aus der Erde und sorgen dafür, dass es in gute Hände kommt.“ Würden er und seine Kollegen, davon ist Alberto überzeugt, „die Sachen dem Staat übergeben, wie es das Gesetz vorschreibt, dann würden sie in irgendwelchen Kellern von Museen landen und niemand hätte seine Freude daran“.

Und so landen die etruskischen Vasen und kleinen Statuen, die Alberto in Mittelitalien aus der Erde holt, eben in den Wohnzimmern und Salons wohlhabender Italiener. Zum Beispiel in dem Penthouse eines bekannten römischen Rechtsanwalts. Immer wenn Freunde und Bekannte aus der Justiz eingeladen sind, lasse Donna Anna, die Hausherrin, ihre vier wunderschön verzierten Vasen im Schlafzimmer verschwinden, sagt sie. „Man weiß ja nie, der Neid auf solche Dinge könnte gewisse Leute veranlassen nachzuforschen.“ Albertos Ware ist teuer. 4000 Euro muss bezahlen, wer von ihm eine besonders schön bemalte und elegant geformte Vase haben möchte. Denn er müsse schon lange suchen, um einen guten Fund zu machen, sagt er. Die etruskischen Gräber in der Region Latium, seine Spezialität, seien in den letzten Jahren fast alle schon geplündert worden.

Das weiß auch Italiens oberster Kunstjäger, General Roberto Conforti, Chef einer Polizeieinheit, deren Aufgabe es ist, gestohlene Antiquitäten aufzuspüren. Der bullige General mit der vom vielen Rauchen tiefen Stimme steht einer 100 Mann starken und in Kunst- und Diebstahlfragen geschulten Truppe vor, die das weltgrößte Archiv gestohlener Kunstobjekte verwaltet. Die Wände von Confortis Büro und die des Vorzimmers hängen vom Fußboden bis zur Decke voll mit Auszeichnungen und Dankesbekundungen für all die von ihm wiedergefundenen Kunstwerke. Das Interesse am italienischen Kulturerbe sei enorm gestiegen, sagt Conforti. „Die Initiativen des Kulturministeriums, die Leute für unsere Kunst zu interessieren, haben leider auch das Interesse von Kriminellen geweckt.“

„Jedes Jahr verschwindet bei uns ein ganzes Museum“, titelte vor einigen Wochen die Tageszeitung „laRepubblica“ und schrieb, dass pro Jahr 2000 Stücke aus Museen, Sammlungen und Ausgrabungsstätten verschwänden. „Bestohlen werden vor allem kommunale Museen“, sagt Conforti. Viele davon haben keine modernen Sicherheitsanlagen. Auch Kirchen werden regelmäßig von Dieben heimgesucht. Wie zum Beispiel die neapolitanische Kirche der Capella de’ Turchini. Ein leerer, nackter Barockbau. Die Gemälde in den Kapellen, das Altarbild und die Mitte des 18. Jahrhunderts von süditalienischen Holzschnitzern angefertigten Holzbänke sind gestohlen worden, ebenso wie die Marmor-Balustraden und alle Skulpturen, die man nur irgendwie absägen, abschlagen und transportieren konnte.

Außerordentlich viele Engländer würden am illegalen italienischen Kunsthandel verdienen, sagt General Conforti. „Ein Fund aus Italien erregt auf dem internationalen Markt sofort Interesse“, sagt er, „und britische Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s können ohne Schwierigkeiten in den Besitz dieser Objekte gelangen, denn in Großbritannien ist ein Herkunftsnachweis für ausländische Kunst nicht vorgeschrieben.“

Viel können Roberto Conforti und seine Kunstschnüfflertruppe nicht tun. Um gegen die gerissenen Gauner wirklich vorgehen zu können, würde der General mehrere tausend Detektive benötigen und das Kulturministerium müsste hunderte Millionen Euro zur Verfügung stellen, um alle Museen, alle Ausgrabungsstätten und die 100000 Kirchen in Italien zu bewachen. Solange der Kulturminister nur über ein Budget von einem Prozent des Haushaltes verfügt, werden die Kunstdiebe in Italien aber weiter ein leichtes Spiel haben. Wenn sie es sich nicht gegenseitig schwer machten.

Alberto, der Grabräuber, steht am Erdhügel. Büsche liegen lose darauf, mit einem Pflock am Boden befestigt. Sie verdecken ein Loch. Ein anderer war schon vorher da.

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