Zeitung Heute : Die Jagd beginnt

Rolf Brockschmidt

Mit der Geburt von Jozefs kleiner Schwester Nahalia fängtangeblich alles an. Das Mädchen kommt mit einem großen dunkelvioletten Mal auf dem linken Arm zur Welt. Das bringe Unglück, sagen die abergläubischen Dorfbewohner. "Die Gezeichnete" wird fortan für alles verantwortlich gemacht, was über das Dorf irgendwo auf dem Balkan herein bricht: für die Trockenheit, das Versiegen der Brunnen, das Verhungern des Viehs. Und dann erreicht der Krieg das gebeutelte Dorf. Die Geheimpolizei kommt mit Lastwagen und schafft die Väter zur Front. Die Dorfbewohner machen die "Gezeichnete" dafür verantwortlich. Jozefs Vater meldet sich aus Scham als Erster.

Aber noch ist der Krieg nicht physisch zu spüren. Wohl aber der Terror. Als der Lehrer sich der Einberufung entzieht, wird er zum Tode verurteilt. Die Jagd beginnt. Jozef kann das alles nicht recht fassen, was sich in seinem Dorf abspielt. Und auch später erzählt er alles nur bruchstückhaft. Die Erinnerung an das Grauen wiegt schwer. Xavier-Laurent Petit hat für seinen Roman "kriegskind" eine Form gewählt, die diesem Prozess der Wiederaneignung von Erinnerung gerecht wird. Er entwickelt die Geschichte aus einer Folge von Tonbandaufnahmen, auf denen Jozef seine Geschichte erzählt. Die Lücken füllt der Erzähler. Im Laufe des Romans gewinnt der Junge immer mehr Vertrauen, möchte von sich aus weiter erzählen.

Die Anregung zu diesem Buch bekam Petit durch Kinder aus jugoslawischen Flüchtlingsfamilien. Jozef ist fiktiv, aber typisch. Wo er genau lebt, bleibt offen. Diktatorische Strukturen, Propaganda, standrechtliche Erschießungen, Terror, Willkür und schließlich die mörderische Gewalt von Bombardierungen und Artillerieangriffen bekommt Jozef mit. Bei jeder Seite denkt man, es könne nicht ärger werden, doch der Automatismus des Krieges in einer abergläubischen, diktatorischen Umgebung lässt keine Hoffnung zu. Hoffnungsträger sind ein paar Partisanen in den Bergen, aber ihr Kampf scheint aussichtslos. Als es ihnen gelingt, einen Hubschrauber abzuschießen, kommt die Geheimpolizei ins Dorf, um für jeden getöteten Soldaten Kindersoldaten als Revanche und auch letztes Aufgebot zu rekrutieren. Jozef ist einer von ihnen.

Petit beschreibt den unmenschlichen Drill, die Gehirnwäsche, denen die zwölf- bis fünfzehnjährigen unterzogen werden, bis sie in Massen in die Minenfelder geschickt werden, um ihren Truppen den Weg zubereiten. Xavier-Laurent Petit gewährt Einblicke in eine Welt, die uns fremd ist. Er zeigt die schleichende Eskalation eines Krieges, der immer weitere Lebensbereiche erfasst. Besonders eindringlich sind die Szenen gelungen, in denen der Briefträger den Frauen die pathetisch-verlogenen Beileidsbriefe überbringen muss. Erst einen, dann immer mehr. Petit zeigt aber auch, wie sich das Gemeinwesen Dorf unter dem Eindruck des Krieges verändert, wie die Menschen nach einfachen Lösungen suchen, um das für sie Unvorstellbare zu verstehen.

Anhand der plastischen Beschreibungen des Grauens, das Jozef erleidet, ahnt der Leser, was die vielen Jozefs dieser Welt in Wirklichkeit erlebt haben müssen und immer noch erleben. Es ist gut, dass Petit den Ort seines Romans im Vagen gelassen hat, er könnte auch in Algerien spielen, in Kambodscha, oder, seit neustem, in Afghanistan. "kriegskind" ist ein Antikriegsroman, der gerade durch seinen ruhigen, quasidokumentarischen Charakter über den aktuellen Anlass hinaus überzeugt.

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