Zeitung Heute : Die Jahreszeit der Stille

Gerhard Fitzthum

Stufe für Stufe geht es hinauf. Erste Schweißperlen bilden sich auf der Stirn, die Lungen blasen sichtbare Wölkchen in die kalte Winterluft. Die Sparchenstiege ist aber keine Treppe, sondern ein breiter Fußweg, auf dem quergelegte Rundhölzer Stufen bilden. An den bergseitigen Felsen ist ein Handlauf aus Eisen montiert, auf der anderen Seite schützt ein Holzgeländer vor einem möglichen Absturz in die Kaiserbach-Klamm. Beides erweist sich als nützlich, denn der festgetretene Schnee ist stellenweise überaus glatt. Weiter oben der erste Aussichtspunkt: Kufstein liegt breit ausgegossen im Inntal, beherrscht von der Festung.

Die Geräuschkulisse ist enorm: Man hört das Tosen der Brenner-Autobahn, das dunkle Rauschen der Züge und den Verkehrs- und Baustellenlärm der Stadt. Irgendwie fühlt man sich diesem Getöse jedoch schon entkommen. Von hier oben betrachtet hat das Getriebe der modernen Welt die Macht der Unmittelbarkeit verloren: Wie von einem Logenplatz blickt man auf die Komödie der Zivilisation hinunter.

Der Treppenweg endet an einem Parkplatz, auf dem fünf Geländewagen ohne Nummernschilder stehen. Der Postbote ist gerade dabei, sein Moped mit einer wetterfesten Plane abzudecken. Täglich fährt er bis zum unteren Ende der Stiege mit dem Fahrrad, spurtet dann den Steilanstieg hinauf, steigt auf sein Moped und fährt die Post zu den weit auseinander liegenden Einzelhöfen des Kaisertals. Das Zustellen von vier bis fünf Briefen dauert so insgesamt etwa eine Stunde - wenn das Moped anspringt.

Das gleiche Schicksal haben die 30 Kaisertaler, die seit 1963 in einem Naturschutzgebiet wohnen: Wollen sie einkaufen, fahren sie mit ihrem Auto, das sie per Seilwinde herauf geschafft haben, auf einem Forstweg zum oberen Ende der Sparchen-Stiege, auf der es in einer Viertelstunde zu Fuß hinab ins Tal geht. Dort steigt man in das zweite Auto, das jede Kaisertaler Familie hat, und fährt nach Kufstein oder ins Nachbardorf Ebbs, zu dem die Höfe des Kaisertals politisch gehören. Beim Heimweg verlädt man die Einkäufe in die Materialseilbahn, die zwei Mal in der Woche ins Tal schwebt, geht per pedes hinauf, packt alles ins Auto und schafft es nach Hause, wo es ein drittes Mal ausgeladen werden muss.

Die überwiegende Mehrzahl der Einheimischen ist diesen Zustand leid, verlangt seit Jahren einen befahrbaren Weg ins Inntal und hat in Sepp Astner, dem Bürgermeister von Ebbs, einen beharrlichen Mitstreiter gefunden. Er stellt die Frage, ob es allen Ernstes sein könne, dass "zu Beginn des dritten Jahrtausends ein ganzes Tal von der Umwelt abgeschnitten ist". Natürlich ist das übertrieben. Der Zugang ist das ganze Jahr über geöffnet und ein Fußweg mit einem Höhenunterschied von gerade einmal 120 Metern ist gemessen an den Strecken, die bis vor wenigen Jahrzehnten noch überall in den Alpen zu Fuß zurückgelegt werden mussten, ein Katzensprung.

Vom Bauern- zum Berggasthof

Beim Veitenhof endet der Wald und man betritt eine andere, eine stille Welt. Der Blick fällt in die Schlucht des Kaiserbachs und auf den wilden Gegenhang, auf dem zwischen Felsabbrüchen und Geröllfeldern schütterer Nadelwald steht. Auf dieser Seite ist das Gelände kaum weniger abschüssig, so dass man die Wiesen stets nur per Hand mähen konnte. Doch wie die meisten der sechs Kaisertalhöfe verwandelte sich auch der Veitenhof in ein Berggasthaus, als zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts die Touristen in Scharen zu kommen begannen.

Inzwischen ist der Betrieb geschlossen. Nicht etwa wegen schlecht gehender Geschäfte. Der Wirt ist gestorben und die Freundin des Sohnes, an den der Hof nun fällt, hat wenig Lust, die Rolle einer Wirtsfrau am Ende der Welt zu spielen. Der junge Mann ist einer von drei Kaisertaler Pendlern. Er geht jeden Morgen die Sparchenstiege hinunter und abends wieder hinauf. Klar, dass er für eine Straßenanbindung ist.

Auch am einzigen Vollerwerbs-Bauernhof des Tales, dem Hinterkaiser, will man von den Behörden nicht länger vertröstet werden. Barbara Schaffer, die Bäuerin, verlangt einen Verkehrsanschluss, bei dem man "keine Kosten scheut und größtmögliche Rücksicht auf die Natur nimmt". Eine Straße wolle man gar nicht, sondern nur einen befahrbaren Weg, die kleinstmögliche, ausschließlich für die Anrainer reservierte Lösung.

Freilich dürfte es noch etwas dauern, bis dieser Wunsch in Erfüllung geht. Denn mit dem Österreichischen und Deutschen Alpenverein und der Stadt Kufstein gibt es mächtige Gegner. Fünf Jahrzehnte ist die Straßenanbindung nun im Gespräch, immer wieder wurden neue Pläne ent- und wieder verworfen. Zuletzt reichte die von Ebbs unterstützte Weginteressengemeinschaft 1999 beim Land Tirol ein Gesuch für einen Anschluss über einen 700 Meter langen Tunnel ein. Die daraufhin in Auftrag gegebenen Naturschutz-Gutachten fielen jedoch vernichtend aus, so dass man den Antrag vorerst zurückzog. Bei einem positiven Entscheid wäre ohnehin ein jahrelanger Rechtsstreit mit dem größten Grundbesitzer im Kaisertal, der Stadt Kufstein, zu erwarten gewesen. Dort erkennt man den Wunsch der Talbewohner nach einer Infrastrukturverbesserung zwar an, favorisiert statt der Straße hingegen die Lösung mit einer modernen Seilbahn. Die geschätzten Kosten von zirka anderthalb Millionen Euro wären nur halb so hoch wie die einer Straße.

Von den Alpenvereinen wird die Idee einer reinen Anrainer-Seilbahn genauso begrüßt wie von der Kufsteiner Bevölkerung. Vier von fünf Einwohnern, schätzt Norbert Wolf, der Landesnaturschutzreferent des ÖAV, sind gegen jede Straße ins Kaisertal. Sie genießen es als stadtnahe Nische der Stille und fürchten eine "wundersame Schlüsselvermehrung".

Ginge es nach Franz Speer, dem Naturschutzreferenten des Deutschen Alpenvereins, so würden die Kaisertaler die derzeitige Denkpause dafür nutzen, die Vor- und Nachteile einer Straßenerschließung genau abzuwägen. Dabei sollten sie sich auf das große Kapital besinnen, das in der Unerschlossenheit liegt, und es offensiver bewerben als bisher. Das wäre in der Tat nötig. Denn die Gastbetriebe stehen zwar allesamt gut da, leiden aber unter der fehlenden Gleichverteilung der Touristenströme. An schönen Wochenenden und in den Wandermonaten September und Oktober ist es hier "pumpvoll", wie es im Kufsteiner Fremdenverkehrsamt heißt. Während der Woche und vor allem im Winter bleiben dagegen die meisten Tische leer. Diese Asymmetrie gründet in der Tatsache, dass das wildromantische Kaisertal nicht als Ferien-, sondern als Ausflugsgebiet genutzt wird. Der Kaiser gilt als Hausberg der Münchner und ist im nördlicheren Deutschland kaum bekannt. Die Hälfte der Ausflügler, die am Wochenende ins Tal strömen, kommen direkt aus der bayerischen Metropole.

Das Winterloch hat natürlich auch damit zu tun, dass sich das Kaisertal auf Grund der Steilheit und Sonnenexponiertheit nicht zum Skifahren eignet. Man kann hier im Grunde nur wandern, das allerdings in jeder Jahreszeit. Im Winter wird zwar lediglich ein Weg extra für Touristen gespurt, aber aus der Tatsache, dass die Höfe so weit auseinander liegen, ergeben sich wunderbare Routen über den Sonnenhang, an deren Ende man fast immer einkehren kann. Der Rest der weißen Landschaft ruht dagegen ganz in sich. Mehr noch als im Sommer erscheint das Kaisertal jetzt als Antithese zur modernen Freizeitlandschaft. Ohne Straßen, klappernde Skilifts und dröhnende Schneebars ist der Winter hier noch die Jahreszeit der Stille.

Idealer Ausgangspunkt für eine winterliche Rundwanderung ist der Pfandl-Hof, eines der bekanntesten Berggasthäuser ganz Tirols. Sofort öffnet sich ein faszinierendes Panorama. Man blickt in das obere Talende, das von den mächtigen Felszacken des Wilden Kaisers umstanden ist.

Der Weg zum Hinterkaiserhof verläuft nun nahezu auf gleicher Höhe. Der Schnee knirscht unter den Sohlen, sonst herrscht atemberaubende Ruhe. Blickt man zurück, liegen die Häusermeere von Kufstein wie eine Fata Morgana unter der Dunstglocke des Inntals. Realität hat jetzt nur noch ihr romantisches Gegenbild: Die berühmte St. Antonius-Kapelle vor der weltfernen Kulisse des Wilden Kaisers.

Was den Kaisertalern als Benachteiligung erscheint, erweist sich aus touristischer Sicht also als Trumpf. In Zeiten der totalen Mobilität, in denen auch die abgelegensten Gebirgswinkel den Autos gehören, haben Gebiete ohne Straßenanschluss einen entscheidenden Standortvorteil, der viel besser genutzt werden könnte. Doch um die Kaisertaler davon zu überzeugen, wird etwas mehr notwendig sein als die schwärmerische Rechtfertigung des Status quo.

Auskunft: Tourismusverband, A-6330 Kufstein; Telefon: 00 43 / 53 72 / 622 07, Telefaxnummer: 00 43 / 53 72 / 614 55, E-Mail-Adresse: kufstein@netway.at , im Internet: www.kufstein.at

Tourismusverband, A-6341 Ebbs; Telefonnummer: 00 43 / 53 73 / 423 26, Telefaxnummer: 00 43 / 53 73 / 429 60, E-Mail-Adresse: ebbs. tirol@netway.at , im Internet unter der Adresse: www.ebbs.at

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