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Der transatlantische Wirtschaftsaustausch bleibt Grundlage der Weltwirtschaft und ist eine tragende Säule deutschen Wohlstands

Daniel S. Hamilton

Drei Wochen nach dem Fall der Mauer im November 1989 besuchte mich der Opel-Chef, ein Amerikaner, in meinem Büro auf Schwanwerder. „Erzählen Sie mir alles, was Sie über die ostdeutsche Wirtschaft wissen“, bat er mich. Er wollte in das Wendedeutschland investieren und musste die Einzelheiten kennen. Kurz darauf, noch vor der Vereinigung, gab Opel den Bau eines neuen Werks in Eisenach bekannt. Heute produzieren fast 2000 Thüringer den Corsa für ihren amerikanischen Arbeitgeber General Motors, den Opel-Eigentümer. Andere amerikanische Firmen sind dem Beispiel gefolgt und haben bis heute rund 2 Mrd. Euro allein in Thüringen investiert. Damit sind sie der größte ausländische Investor in den neuen Bundesländern wie auch in Deutschland insgesamt.

Opel ist nur eines von vielen Beispielen für Amerikas enorme Investitionsleistungen. Angesichts des Geredes über den Aufstieg Chinas, Indiens und anderer großer Schwellenländer vergisst man allzu leicht, dass die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen das Fundament der Weltwirtschaft und eine tragende Säule deutschen Wohlstands geblieben sind. Noch nie in der Geschichte hat es Wirtschaftsbeziehungen zwischen zwei Kontinenten gegeben, die so tief verwurzelt und so breit gefächert waren wie die heutigen zwischen Europa und Nordamerika.

Und diese Beziehungen sind seit dem Ende des Kalten Krieges nicht schwächer, sondern noch intensiver geworden. Die deutsche und die amerikanische Wirtschaft sind so eng miteinander verwoben, dass wir uns im wahrsten Sinne des Wortes gegenseitig besitzen. Zusammengerechnet produziert die transatlantische Wirtschaft jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von rund vier Billionen US-Dollar und bietet auf beiden Seiten des Ozeans 14 Millionen Menschen Arbeit.

Ein wichtiger Grund für die Unterschätzung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen ist die Neigung – vor allem beim Exportweltmeister Deutschland –, den Handelsaustausch gleichzusetzen mit dem Ausmaß der ökonomischen Verflechtung. Die Höhe von Import und Export hat sich als Maßeinheit für die grenzüberschreitenden Geschäfte eingebürgert. An diesem Maßstab gemessen, könnte man den Eindruck haben, andere Märkte seien für die USA und Deutschland wichtiger, als es die beiden Nationen füreinander sind. Außerdem verbringen die USA und Europa mehr Zeit damit, über Handel zu streiten, als dessen Rahmenbedingungen zu verbessern. Fast täglich gibt es Schlagzeilen über transatlantische Handelsquerelen: Hühner, Bananen, Boeing, Airbus. Aber bei solchen Fällen geht es lediglich um ein oder zwei Prozent des 500 Mrd. Dollar starken bilateralen Handels.

Dabei macht der Handel nur knapp 20 Prozent der gesamten transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen aus. Das eigentliche Rückgrat der transatlantischen Wirtschaft sind nicht Import und Export, sondern die Auslandsinvestitionen. Der Löwenanteil der Auslandsinvestitionen geht in das jeweilige Partnerland und nicht in die schnell aufholenden Schwellenländer. Firmen in deutschem Besitz in den USA haben 2005 343 Mrd. Dollar umgesetzt, vier Mal so viel wie die deutschen Exporte in die USA, die in der Summe nur 86,1 Mrd. Dollar betragen.

Bis Ende 2006 summierten sich die US-Investitionen in Europa auf 1,2 Billion Dollar. Das ist 53 Prozent der globalen US-Investitionen im Ausland, fast drei Mal so viel wie alle amerikanischen Investitionen in Asien und zwei Mal soviel wie alle US-Investitionen in den Entwicklungsländern. Amerikas Unternehmen haben allein in Deutschland im Jahr 2006 99 Mrd. Dollar investiert, mehr als die Gesamtinvestionen von US-Firmen in den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China), nämlich 73 Mrd. Dollar. Der amerikanische Vermögensbestand in Deutschland ist zwei Mal so hoch wie der in ganz Lateinamerika.

Europa bleibt die mit Abstand profitabelste Weltregion für amerikanische Unternehmen. In Europa machten 2006 US-Firmen die Hälfte ihrer weltweiten Gesamteinnahmen, und in der ersten Jahreshälfte 2007 sah es ähnlich aus. In diesem Jahrzehnt trugen die in Europa von amerikanischen Unternehmen erzielten Gewinne 55 Prozent zur weltweiten Gesamtgewinn bei. Amerikanische Einnahmen in Europa waren fast drei Mal so hoch wie die Einnahmen aus Lateinamerika und doppelt so hoch wie die in Asien. Im bisherigen Verlauf dieses Jahrzehnts haben US-Firmen drei Mal so viel in Deutschland investiert wie in China. Der Absatz amerikanischer Firmen in China betrug 2006 gerade mal 86,5 Mrd. Dollar, nur ein Viertel des Absatzes in Deutschland (380 Mrd. Dollar).

Gleichzeitig bleiben die USA das Hauptziel deutscher und europäischer Auslandsinvestitionen. Aus Europa kommen rund 75 Prozent aller ausländischen Investitionen in den USA. Deutsche Unternehmen sind die größten Investoren in zehn Bundesstaaten (Arizona, Connecticut, Michigan, Missouri, New Jersey, New Mexico, Pennsylvania, South Carolina, Virginia und West Virginia) und sind in fast allen anderen Bundesstaaten auch stark vertreten. Im Jahr 2005 belief sich die Summe aller Investitionen aus EU-Staaten in die USA 29 Mrd. Euro, während die Union in China und Indien zusammen gerade einmal 8 Mrd. Euro investierte – rund 6 Mrd. Euro in China und 2 Mrd. Euro in Indien. Ganz Europa investiert in China noch nicht ein mal so viel wie Deutschland allein in den Bundesstaat New Jersey. Die gesamte EU investiert in Indien kaum die Hälfte dessen, was Deutschland in einem Bundesstaat wie Missouri oder South Carolina investiert.

Die Vereinigten Staaten bleiben ein Profitcenter für europäische Firmen. Diese verdienten 2005 in China Indien und China zusammengerechnet 4,2 Mrd. Euro, nur acht Prozent der Summe, die europäische Firmen in dem Jahr in den USA verdienten.

Und der starke Euro? Schadet der nicht den transatlantischen Handelsbeziehungen? Überraschenderweise lautet die Antwort: Nein. Und zwar vor allem, weil 62 Prozent der deutschen Exporte in die USA auf das Konto deutscher Firmen gehen, die mit sich selbst Handel treiben. So beliefert BASF von Deutschland aus die BASF Werke in New Jersey, Bosch exportiert Einzelteile zu seinen Werken in Pittsburgh. Deutsche Exporte werden durch deutsche Auslandsinvestitionen ermöglicht. Außerdem kann der Handel innerhalb eines Unternehmens dazu beitragen, die Wechselkursrisiken unter Kontrolle zu halten. Gewinne können mal auf dieser, mal auf jener Seite des Atlantiks reinvestiert werden, je nach der aktuellen Währungssituation. Davon profitieren Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Deutsche Firmen haben 2006 mehr als 30 Prozent mehr in den USA verdient als im Jahr 2005 – und das war schon das Rekordjahr deutscher Unternehmensgewinne in den USA.

Aber die Arbeiter? Beuten die multinationalen Konzerne nicht die billigen Arbeitskräfte in Entwicklungsländern aus? Auch hier lautet die Antwort: Nein. Die meisten ausländischen Arbeiter amerikanischer Firmen im Ausland sind Europäer, und die meisten ausländischen Arbeiter europäischer Firmen im Ausland sind Amerikaner. Sie werden überdurchschnittlich bezahlt. Trotz der Geschichten über einheimische deutsche Firmen, die ihre Produktion in die Niedriglohnländer in Osteuropa und Asien verlagern, sind die meisten ausländischen Arbeiter in deutschen Firmen Amerikaner. Deutsche Firmen in den USA beschäftigen 654 900 amerikanische Arbeiter. Amerikanische Firmen beschäftigen 590 000 Arbeiter in Deutschland. Sie beschäftigen ein Viertel mehr Arbeiternehmer in Deutschland als in China.

Die Ökonomien Deutschlands und Amerikas waren noch nie so eng miteinander verflochten wie heute. Die Handelshemmnisse auf beiden Seiten sind vergleichweise niedrig. Die meisten Schwierigkeiten rühren von nationalen Bestimmungen her, etwa den Standards in Gesundheits- Umwelt-, Sicherheits- und Technikfragen. Die OECD schätzt, dass die Schaffung eines völlig offenen transatlantischen Marktes einen Effekt hätte, der einem vollen Jahr Zusatzeinkommen für jeden Amerikaner und jeden Europäern gleichkäme.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat verstanden, welche Impulse erweiterte transatlantische wirtschaftsbeziehungenpotenziell noch geben können. Deshalb hat sie im letzten Jahr die Einrichtung eines Transatlantischen Wirtschaftsrats vorangetrieben, um Hemmnisse zu identifizieren und möglichst auszuräumen; Dienstleistungen, Technologie und Ideen sollen freier über den Atlantik hinweg ausgetauscht werden können. Die Ergebnisse sind bisher enttäuschend. Aber konzertierte Bemühungen um die Schaffung eines wirklich offenen transatlantischen Marktes könnten einen enormen Gewinn bringen: Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Vorteile für die Verbraucher auf beiden Seiten des Atlantiks. Das ist für den 2009 antretenden neuen amerikanischen Präsidenten eine attraktive Agenda.

Der Autor ist Richard-von-Weizsäcker-Professor und Direktor des Center for Transatlantic Relations an der Johns Hopkins University (Washington, DC). In diesem Frühjahr war er der erste Bosch-Stiftung-Fellow im Auswärtigen Amt. In den 1980er Jahren war er Stellvertretender Direktor des Aspen-Institus Berlin. Die Daten in diesem Artikel stammen vom Bureau of Economic Analysis im US-Handelsministerium (Washington) und Eurostat.

Aus dem Amerikanischen von Al Sopot

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