Zeitung Heute : Die Jodel Ingrid

Ingrid Huberti sang und komponierte für die Könige der Volksmusik, von den Schürzenjägern bis zu Karl Moik. Jetzt probiert sie etwas Neues: Sie jodelt zu Drum ’n’ Bass.

-

Als man Ingrid Huberti an der Hand operiert, weil sie ein KarpaltunnelSyndrom hat, das sich mit eingeschlafenen Fingern und Taubheit der Hohlhand bemerkbar macht, vom vielen Akkordeon- und Klavierspielen, will eine Krankenschwester wissen, welchen Beruf sie ausübe. Sie sagt, urplötzlich wäre ihr bange geworden. „Arrangeur, Texterin, Komponistin, Sängerin.“ – „Und Österreichs größte Jodlerin“, sagt jemand in ihrem Rücken. Da stand Ingo Rotter, Moderator der „Musiktruchn“, einer in Österreich sehr bekannten Volkmusik-Radiosendung.

Frau Huberti, wer sind Sie?

„Ich bin so introvertiert, dass ich nicht allein in ein Café gehe. Nur Autobahnraststätten, da habe ich Zutrauen.“

Außerdem ist sie die graue Eminenz der Volksmusikszene, die Frau im Hintergrund. Und eine Erscheinung.

Ingrid klopft mit den Fingern den Takt zu ihren Worten auf die Tischplatte. Sie erzählt, als würden die Röcke fliegen und mit ihr über die Bühne fegen, und sie schaut dich an, genau in deine Augen, so direkt, weil es in der Volksmusik, in ihrer Welt, nur das Du gibt. Sie schaut und wartet inständig auf Gegenliebe.

Wer bist du?

„Ich bin ein U-Boot! Niemand findet mich.“

Willst du dich verstecken? Willst du dich verlieren? Oder finden?

Ingrid schaut wie ein neugieriges Eichhörnchen.

„Finden“, sagt sie und lächelt.

Ingrid, als Ingrid Campestrini vor mehr als 50 Jahren in Oberösterreich geboren und in Ottensheim bei Linz aufgewachsen, will ihr wahres Alter nicht sagen. Sie sei so alt wie Hannelore, die Frau von Heino, sagt sie.

Ingrids Vater besitzt ein Sägewerk. Die Mutter ist eine dominante Frau. „Die Eltern haben sich selbst verwirklicht“, sagt sie heute. Es klingt beleidigt. Sechs Jahre lang ist sie dennoch die Prinzessin. Dann bekommt sie eine Schwester und noch einen Bruder, den Nachfolger des Vaters. Mit neun Jahren beginnt sie mit dem Klavier, mit zehn folgt das Akkordeon.

„Immer wenn ich spielte, habe ich alles gekriegt. Wenn du willst, kannst du mit dem Spiel den anderen die Männer wegnehmen.“

An den Sonntagen ist sie mit dem Vater unterwegs im Mühlviertel, auf Holzeinkauf. Stolz ist sie auf den Vater, der im Wald steht und auf Bäume zeigt und sagt: „Den und den und den.“ Danach sitzen sie in Gasthäusern. Wenn die Geschäfte endgültig erledigt sind, holt sie ihr Akkordeon und beginnt zu spielen. „Natürlich hat mich mein Vater vorgeführt. Ich wollte es und wollte es auch nicht.“

An Sonntagen spürt jeder Abwesenheit und Verlust schmerzhafter als an jedem anderen Tag. Die Sonntage können die grausamsten Tage sein.

Ingrid mag die Schule nicht. Mit 14 meldet sie sich einfach vom Gymnasium ab. „Ich war gegen alles“, sagt sie.

Der Vater schickt sie zwangsweise auf eine Handelsschule. Ausgerechnet mit Zahlen soll sie etwas tun. Da verweigert sie sich. Ingrid kann nicht teilen.

Endlich hat sie die Eltern so weit, dass sie auf ein Konservatorium gehen darf. Ihrer Begabung wegen bekommt sie eine Sondergenehmigung. In Trossingen studiert sie Akkordeon, Klavier und Gesang. Sie spielt das Knopfdruckakkordeon, das chromatische, das mehr Tasten hat als ein Klavier. „Da kannst du dich unglaublich verirren“, sagt sie.

Die Sonntage mit dem Vater sind lange vorbei. Doch da kommt Trossingen. Das hat sie geprägt, sagt sie, Trossingen sei ihre Wurzel. Trossingen?

Für Akkordeon gibt es keine klassische Literatur. Paul Hindemith, Igor Strawinsky, da beginnt das Akkordeon erst. Die Akademie, die Ingrid besucht, ist an die Stuttgarter Musikakademie angekoppelt, und in Donaueschingen finden die Tage der Neuen Musik statt. Stockhausen. Gottfried von Einem. Heute große Namen, doch damals stellten sie sich erstmals vor. Ingrid sieht dort ihre Wurzeln, im Hören der seriellen Musik und auch in deren Ablehnung. In Ingrid kämpfen zwei Leidenschaften. Die eine liebt das Moderne, das sich ständig Verändernde, die andere schöpft sehnsüchtig daraus, dass der Vater Operetten gesungen hat. Sie will etwas und will es auch nicht.

Auf dem Konservatorium lernt sie Werner Brüggemann kennen. „Das war einer, der alles, was er machte, als perfekt bezeichnete.“ Sie spielen in Bars im Duett Tanzmusik. Sie heiraten. Sie gehen nach Linz und machen eine Akkordeonfachschule auf. „Ich brauche jemanden, hinter dem ich herlaufen kann“, sagt sie. Sie kommen ins Radio. 30 Minuten in der Woche spielen sie als „Ingrid und Werner“ im Studio Oberösterreich Akkordeon. Sie bauen ein Haus. Plötzlich will Brüggemann Kinder. Ingrid noch nicht. Irgendwann vergisst er, sie und seine Mutter vor der Garagentür abzuholen.

Nach vier Jahren lassen sie sich scheiden. Ingrid behält das halbfertige Haus. Brüggemann findet eine Frau, mit der er vier Kinder haben wird. Ingrid braucht Geld, weil sie das Haus fertigbauen will. Was passt besser zusammen als Akkordeon und Volksmusik? Robert Thaller, Manager der Linzer Buam, will sie haben. Sie gehen auf Tournee: nach Chicago, Montreal, Los Angeles. Sie spielen beim Sechstagerennen in Berlin. Ingrid ist auf dem Weg. Eine Hetz.

Wann kommt das Jodeln?

„Ich bin halt als Sternzeichen ein Zwilling“, sagt sie.

Ingrid spielt in der Höllwart-Gruppe Akkordeon. Sie treten im Café Winkler in Salzburg auf. Die Weltelite im Jodeln ist da. Sie spielen drei Monate. Ingrid hört zu und tut so, als könne sie nicht singen.

„Das war irgendwie in der Luft gelegen. Die Zeit war reif für die schnellen Jodler. Jodler, die swingen.“ Einer der Jodler verrät ihr ein Geheimnis. Die L’s beim Jodeln sind keine L’s, das hört sich nur so an. Es sind Zungen-R’s. Deshalb hört es sich kristalklar an. „Du musst gedeckte I’s singen.“ Ingrid begreift. Mit den Linzer Buam macht sie die LP „Jodlerkönigin“. Ingrid ist jetzt Jodlerin.

Ihre Jodler fliegen wie ein Kettenkarussell mit dem Akkordeon im Hintergrund, wie auf dem Rummel die Lichter und das bunte Blinken, das Durcheinanderreden elektrisierter Menschen. Es gibt keinen Halt. So ist Ingrid. Erst versteckt sie sich, und dann springt sie raus aus ihrer Scheu wie ein Springteufel.

Die Fidelen Oberkrainer, später das Oberkrainer Sextett, suchen eine österreichische Musikerin. „Die Volksmusik war mir so fern, aber der Großvater hat Volksmusik gemacht.“ Sie kauft sich alle Platten mit Volksmusik und lernt.

Fünf jugoslawische Männer, Danica, die erste Sängerin, und Ingrid: das sind die Oberkrainer. Sie verpassen ihr Tracht und einen Ponyhaarschnitt. Ihre hohe Stirn verschwindet. Oberkrainer-Sound, das sind Achtel- und Vierteltakt, schneller als bayerische und österreichische Volksmusik. Das passt.

Die Oberkrainer spielen in Fraßdorf und werden ausgepfiffen. Das wird sie nie vergessen. Das erste Mal. Dann spielen sie in Ljubljana in einer Eishalle. Die letzten drei Lieder jodelt sie. Einen Augenblick ist es still, und dann passiert es. „Das hat so einen Dusch getan.“ Der Applaus haut sie förmlich um. Noch beim Erzählen, mehr als 30 Jahre später, stehen die Haare auf. Wie Wetterleuchten. So ein Applaus erinnert einen an das erste Geliebtwerden. Darin besteht die Macht des Publikums.

Bitte, Ingrid, jodel!

Hier beginnen 25 Jahre Oberkrainer, mit 300 Auftrittstagen im Jahr. Deutschland, Holland, Schweiz, Amerika. „Musikantenstadl“ mit Karl Moik.

„Die Leute wollen eine heile Welt hören, weil sonst nichts heil ist“, sagt sie. Montage sind glückliche und heile Tage. Straubing, Deggendorf, Plattling, wenn die Festzelte noch einen angehängten Tag öffnen. Nur für die Oberkrainer! Die Stimmung ist hell und die Luft aus Sonne und leichtem Bier. Trunken, aber eben nicht volltrunken. Glasige Tage. Ingrid kauft sich in Ottensheim ein altes, restaurierungsbedürftiges, gotisches Haus.

Wann bist du daheim?

„An Allerheiligen!“

Das Heim ist der Tourneebus. In den Nächten beginnt sie zu texten und zu komponieren. Ingrid nennt es Kreuzworträtsellösen. Sie schreibt für die Oberkrainer und auch für andere. Die Schürzenjäger, Karl Moik, Willi Kröll, Filzmooser Buam, Die Gipfelstürmer. Sie schreibt auf Klopapier, Getränkerechnungen, Fetzen. Mehr als 1000 Titel bis heute.

„Komm, lass uns schaun, wie hoch der Kukuruz steht“, textet sie, während sie auf der Autobahn neben den Maisfeldern langfährt. Als Nichtjugoslawin wählt sie für ihre Musikkompositionen ein Pseudonym: Janez Racovez. Ihr Textpseudonym lautet Martin Eichwalder.

Waren die Eltern mal bei einem „Musikantenstadl“? – „Nein, die Eltern waren nie da. Die Schwester einmal, mit ihrem Mann. Sie hat kritisch gelauscht.“ Urteilendes Zuhören ist für Bessergestellte. „Du brauchst einen Fan, dem es gefällt, und keinen kritischen Zuhörer“, sagt sie.

Ingrid wird unzufrieden. „Als Oberkrainer bekommst du eine dicke Stimme.“ Das Haus in Ottensheim ist immer noch restaurierungsbedürftig. Sie beauftragt einen Restaurator aus Wien. Der kommt, und sie ist verliebt. Herr Huberti heißt mit Vornamen Hans Werner.

Ingrid geht wieder auf Tournee, und dann stirbt die Mutter von Huberti, und die Oberkrainer wollen sie nicht zur Beerdigung fahren lassen. Ingrid hat die Schnauze voll. Sie ist mit dem „Musikantenstadl“ unterwegs und kann nicht mehr. Und nur Karl Moik lässt sie ziehen. „Moik stellt die Menschlichkeit über das Geschäft, egal was die Leute sagen“, sagt sie.

Sie verkauft das Haus in Ottensheim und zieht mit Huberti zu seinem Vater nach Vorarlberg. Sie hilft Huberti beim Restaurieren. Sie textet und komponiert. Sie tritt bei Jubiläumsveranstaltungen der Oberkrainer auf.

„Danica ist vor fünf Jahren gestorben.“ Danica. Beste Freundin. Bestes Herz.

Danica war in einem Heim, blind von Diabetes. Und zum 35-jährigen Oberkrainer-Jubiläum haben sie ihr im Heim die Tracht angezogen und wollten sie auf die Bühne mitnehmen. Das hat sie so gefreut, dass sie einen Schlaganfall erlitten hat und gestorben ist.

Ingrid schreibt ihre Volkslieder. Und sie macht etwas Neues. „Underground“, sagt sie. Ingrid hat eine Bassseele.

Sie zeigt Fotografien von sich, eine mit Susi, die als Disc Jockey Sweet Susie im Wiener Club „Flex“ auflegt. Susie schaut aus wie die junge Ingrid. Die gleiche hohe Stirn, verwandte Seele.

„Ja, dann habe ich doch eine Tochter“, sagt sie und dreht ihr Gesicht weg. Ingrid produziert mit Susi und ihrem Freund Manni Montana eine CD. Computer, Drum ’n’ Bass, Jodeln. Titel: „The New School Yodel“.

Mannis Harmonien sind abstrakter. Manni zeigt Ingrid neue Möglichkeiten der Freiheit. Ingrid legt die CD mit ihrem Stück ein. Man hört Drum ’n’ Bass, psychodelisch, und Ingrids Jodeln. Ein kleines Mädchen singt in einem Eiskeller, singt mit Stimmen wie Schlangenaugen, hypnotisierend und kristallklar.

Ingrid springt auf.

„Plötzlich gefällt mir Bach! Die Fuge.“

Ingrid spielt mit dem Tisch Klavier und singt dazu.

„Ein Thema bleibt immer“, sagt sie, „du musst es wiederholen, dass es nicht versumpft. Das ist die Kunst. Glenn Gould spielt es langsam, das beruhigt mich.“

Und dann?

„Dann dreh’ ich mich. Will wieder weiter, wieder weg.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben