Zeitung Heute : „Die Jugend hat das Recht, negativ zu sein“

Wären die Pariser Proteste auch bei uns möglich? Daniel Cohn-Bendit über Ähnlichkeiten und Unterschiede zum Mai 1968

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Sie waren eine Ikone der französischen Studentenrevolte im Mai 1968. Was haben Sie für ein Gefühl, wenn Sie sehen, was jetzt auf Frankreichs Straßen los ist? Fahren Sie hin?

Ich schaue mir das ohne besondere emotionale Reaktion an. Das ist heute eine ganz andere Bewegung. Ich weiß auch nicht, ob ich nach Paris fahre. Der Mai ’68 ist fast 40 Jahre her und ich lebe emotional nicht in der Vergangenheit.

Was ist denn anders als im Mai ’68? Heute werden auch Universitäten besetzt, es gibt Straßenschlachten mit der Polizei, die Gewerkschaften drohen mit Generalstreik.

Die Bewegung ’68 agierte in einer Zeit der Vollbeschäftigung, keiner hatte Angst vor der Zukunft. Es war eine offensive Bewegung, man wollte sich nicht durch eine obsolete, autoritäre Moral das Leben versauen lassen. Heute ist es eine defensive Bewegung, die von der Angst vor Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen geprägt ist. Deshalb trügen die Bilder, auch wenn sie sich ähnlich sind.

Aber der Protest der jungen Franzosen gegen das Ersteinstellungsgesetz der Regierung de Villepin wirkt auch wild – und aufgeladen mit einer anarchischen Fantasie.

Massenbewegungen junger Menschen haben meistens etwas Fröhliches und viel Fantasie. So werden heute bei den Demonstrationen Plakate mit der Aufschrift „Wir sind im Sommerschlussverkauf“ gezeigt. Fantasie hat bei Revolten in Frankreich viel Tradition.

Wenn Sie von einer defensiven Bewegung sprechen, klingt das wie die Kritik eines altgedienten 68er-Veteranen. Was ist denn von den alten Forderungen nach freier Liebe und „Fantasie an die Macht“ übrig geblieben?

Nicht Kritik, sondern Analyse! Die jungen Leute leben heute doch viel freier als früher. Homosexualität wird nicht mehr bestraft, Frauen müssen nicht mehr ihren Ehemann fragen, ob sie ein Konto eröffnen dürfen. Wir 68er haben doch gewonnen. Aber die Jugend heute fühlt sich bedroht, deshalb hat sie das Recht, negativ zu sein. Weil die Regierung die Jugend nur als flexible Arbeitskraft betrachtet, ohne soziale Sicherheiten anzubieten. Zum Beispiel über Ausbildungsprogramme, die dann greifen, wenn ein Arbeitgeber einen jungen Menschen einfach feuert.

So wuchtig wie die Proteste sind, geht es da wirklich nur um das Ersteinstellungsgesetz, das eine zweijährige Probezeit für junge Leute unter 26 vorsieht?

Die französische Gesellschaft insgesamt ist verunsichert. Das war schon im vergangenen Jahr beim Nein im Referendum zur EU-Verfassung zu spüren und setzte sich bei den Krawallen in den Vorstädten fort. Viele junge Franzosen haben den Eindruck, ihre Zukunft sei völlig verbaut. Das erklärt die Wucht – und natürlich die französische Tradition der Revolte, die viel wilder ist als in Deutschland.

Könnte das jetzt bekämpfte Ersteinstellungsgesetz nicht auch ein Instrument sein, das die Jugendarbeitslosigkeit reduziert – und damit mehr soziale Sicherheit schafft?

Da bin ich skeptisch. Aber der zentrale Fehler der Regierung de Villepin ist ein anderer: Sie hat der Gesellschaft die Notwendigkeit des neuen Gesetzes nicht vermittelt. Irgendein Technokrat hat sich dieses Gesetz ausgedacht, dann wurde es ohne jede parlamentarische Debatte oder Diskussion mit den Gewerkschaften durchgesetzt. Mit der simplen Parole, es wird euch gut tun. Aber wenn eine Gesellschaft verunsichert ist, dann sollte eine Regierung nicht nur etwas vorschlagen, sondern auch die Leute ansprechen und mitnehmen. Das ist die Kunst der Politik. Doch die Regierung de Villepin hat in arroganter Weise alles glatt gebügelt, dafür kriegt sie jetzt die Quittung. Das ist ähnlich wie bei Gerhard Schröder und Hartz IV. Da sind ja selbst in Deutschland die Menschen auf die Straße gegangen.

Ist der Aufruhr jetzt auch eine Fortsetzung der Krawalle in den Vorstädten?

Das sind unterschiedliche Schichten der Jugend. Die jungen Menschen in den Vorstädten hat die Gesellschaft ausgegrenzt. Die Revolte heute machen diejenigen, die in Bildung und Lehre integriert sind, die aber merken, dass es kaum hilft. So sagen beide Schichten der Jugend auf ihre Weise: No future. Aber eine gemeinsame Bewegung sehe ich nicht. Die Ausgegrenzten verachten die Studenten.

Warum bleiben ähnliche Proteste in Deutschland weitgehend aus? Im Koalitionsvertrag von SPD und Union ist beispielsweise eine zweijährige Probezeit für Arbeitnehmer vorgesehen, bei der jede Altersbegrenzung fehlt.

In Frankreich sind Revolten viel positiver besetzt. Das gilt auch für die Bauern und in den Betrieben. Aber auch in Deutschland muss man aufpassen: Die Verhärtung des Streiks im öffentlichen Dienst zeigt, dass es wie in Frankreich ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber Regierungen gibt.

Wird Frankreichs Premier nachgeben?

Die Regierung de Villepin ist autistisch. Vermutlich bleibt sie beim Ersteinstellungsgesetz. Dafür wird die Linke unter Führung der Sozialistin Ségolène Royal die nächsten Wahlen gewinnen. Dann hätten wir endlich statt der Machos Chirac und Schröder zwei Frauen als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft. Und vielleicht kommt in den USA noch Hillary Clinton hinzu.

Das Gespräch führte Frank Jansen.

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