Zeitung Heute : Die jungen Milden

Der Tagesspiegel

Von Nina Hermann

Hätte sich Oliver Moldenhauer in Genua für ein T-Shirt mit Sonnenblumen drauf entschieden, dann wäre er nicht in den Fernseh-Nachrichten gelandet. So jedoch, die Blutlache des erschossenen Carlo Giuliani war kaum getrocknet, konnte er sich stellvertretend für die 200 000 Demonstranten beim G8-Gipfel über den brutalen Polizeieinsatz empören und die Fernsehzuschauer darüber in Kenntnis setzen, dass seine Truppe wegen der weltweiten Ungerechtigkeit nach Genua gereist war. „Mehr als Luftblasen konnte ich da nicht rüberbringen", sagt Moldenhauer, dafür aber zoomte die Kamera auf seine Brust: „Attac" stand da in dicken roten Buchstaben. Und der Slogan „Eine andere Welt ist möglich". Das war Botschaft genug.

In jenen Tagen Ende Juli 2001 wurde Attac, dieses in Deutschland zuvor kaum beachtete Netzwerk, mit einem Schlag zum Synonym für die Kritik an der Globalisierung. Alle, die von einer besseren Welt mehr als nur träumen wollten, wussten nun, wohin sie sich wenden konnten. Sie wurden Teil der am schnellsten wachsenden politischen Bewegung der Welt. Und die unter mangelnder Zuneigung leidenden Grünen zum Beispiel, ratlos schauen sie dem abfahrenden Zug hinterher.

Moldenhauer war mal bei denen aktiv. Mit 19 war er einst in den niedersächsischen Landesvorstand aufgestiegen, zuletzt arbeitete er als Schatzmeister bei den Grünen in Brandenburg. Bei der letzten Landtagswahl bekamen sie dort nicht einmal zwei Prozent der Stimmen. „Das schlechteste Ergebnis in der Parteigeschichte", Moldenhauer muss grinsen. Ein bisschen Schadenfreude merkt man ihm schon an. Mit seinen Anträgen und Visionen hat er es in seiner Partei in den letzten Jahren kaum noch auf die Agenda geschafft. Auch dort habe schließlich der „Neoliberalismus" Einzug gehalten, sagt Moldenhauer. Neoliberalismus ist das Reizwort schlechthin bei den inzwischen 80 000 Attac-Mitgliedern in 41 Ländern.

Das furchtlose Mädchen

Eng ist es in seinem Büro im niedersächsischen Verden an der Aller, der zwischen dem „Biber-Laden" für biologische Baustoffe und einem Kindergarten, der „Grashüpfer" heißt, gelegenen Deutschlandzentrale von Attac. Mit tiefen Augenringen sitzen Moldenhauer und seine fünf Mitstreiter unter einem Sonnenkollektorendach an Laptops und ständig klingelnden Telefonen, eingepfercht zwischen Plakatrollen, Ordnern, Flugblättern. Oft an sieben Tagen in der Woche. Sie organisieren Konferenzen, planen Aktionen, erledigen die Öffentlichkeitsarbeit. Und müssen aufpassen, dass sie mit ihrer eigenen Bewegung Schritt halten. Ein großer Stapel noch nicht bearbeiteter Beitrittserklärungen – das 6000. deutsche Attac-Mitglied wartet derzeit auf seine Aufnahme – droht aus dem Regal zu rutschen. Wöchentlich kommen 150 Anträge dazu, daran hat sich bis heute, neun Monate nach Genua, nichts geändert. Bislang haben die freundlichen Alternativ-Manager noch nicht einmal die Zeit gefunden, auf der Deutschlandkarte, die an der Bürowand hängt, alle Regionalgruppen mit einem Fähnchen zu markieren. Das Ruhrgebiet und die Rhein-Main-Gegend sind schon längst komplett zugepinnt.

Was Moldenhauer und seine etwa gleichaltrigen Kollegen umtreibt, das ist die Angst vor „Tina", dem Feindbild aller Globalisierungskritiker. „Tina", das steht für einen inzwischen legendären Spruch der einstigen britischen Premierministerin Margaret Thatcher – „There is no alternative" –, mit dem die eiserne Lady seinerzeit Politikern und Wirtschaftsbossen, die das freie Spiel der Marktwirtschaft als unabdingbar für Wachstum und Wohlstand priesen, aus der Seele sprach. Während eines Studienaufenhaltes in Neuseeland, „diesem neoliberalen Musterland", sagt Moldenhauer, habe er erlebt, wie dieser Kurs direkt in die Zweiklassengesellschaft führe, Gesundheit etwa zum Exklusivrecht der Reichen wird. „Und als die jährlichen Studiengebühren einfach mal so um 500 Dollar erhöht wurden, da wussten viele Kommilitonen nicht weiter."

Neuseeländische Verhältnisse sieht er auch auf Deutschland zukommen, mit Unterstützung der Grünen: „Die halten sich doch wie die FDP für die Partei der Besserverdienenden, helfen beim Privatisieren und Sozialabbau mit." Doch der Übeltäter hinter der ganzen Misere sei, wie immer wenn ein so genannter „Attaci" spricht, der globale Raubtierkapitalismus.

Deshalb also „Attac", und das bedeutet im Sinne der französischen Gründerväter „Association pour une Taxation des Transactions financières pour l´Aide aux Citoyens" - die Forderung nach der Regulierung der Finanzmärkte durch eine Steuer auf Devisengeschäfte. Doch dabei ist es längst nicht geblieben: Als weitere Schwerpunkte sind die Entschuldung der Entwicklungsländer, eine angemessene Besteuerung von Konzerngewinnen und der Umweltschutz dazugekommen, nach dem 11. September schließlich auch noch der Weltfrieden, worauf die Friedensbewegten bei Attac Sturm klingelten. Wer vor 15 Jahren noch bei den Grünen eingetreten sei, „kommt nun zu uns", sagt Moldenhauer zufrieden.

Zum Beispiel Heike Prietzel. „Bei den Grünen ist man inzwischen doch auf die Linie der Bundespartei festgelegt, da gelten andere Meinungen rein gar nichts mehr", sagt die 24-jährige Soziologiestudentin aus Berlin, die von einer Welt träumt, „in der alle miteinander reden können und keiner ausgeschlossen bleibt." Die Heldin ihrer Kindheit war Ronja Räubertochter, das furchtlose Mädchen, das aus der elterlichen Burg in den von allerhand Gesetzlosen bevölkerten Wald ausbrach, Unrecht bekämpfte und Feinde in Freunde verwandelte.

Auch Heike Prietzel ist unterwegs gewesen. In Nicaragua hat sie geholfen, ein Krankenhaus aufzubauen, anschließend arbeitete sie in Guatemala auf einer Kaffeeplantage. Nun hat sie bei Attac etwas gefunden, „was mir viel bedeutet. Hier kommen die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Ansichten zusammen. Sie respektieren einander, weil sie zusammen was bewegen wollen."

Wenn es allerdings um die Sache selbst geht, dann ist es vorbei mit der Ronja-Räubertochter-Romantik. WTO und IWF, Kapital und Konzerne, das sind die Themen, die die junge Frau mit den langen braunen Haaren durch die Lektüre knochentrockener Texte intus hat und die sie mit ihrer Attac-Gruppe von der Freien Universität diskutiert: „Man muss wirklich Bescheid wissen, um einem BWLer Kontra bieten zu können."

Letzte Woche ließen die Studenten vor dem Berliner Abgeordnetenhaus Geldscheine durch die Luft flattern, um gegen die Milliarden-Bürgschaft des Senats für die Bankgesellschaft zu protestieren. Als die Polizei kam, da ließen sie es nicht auf Rangeleien ankommen, man trat beiseite. Sie haben nichts Zorniges, die jungen Milden, keine Wut auf ein „System", und sie brauchen auch keinen Vorreiter vom Schlage eines Rudi Dutschke. Sie sind adrett gekleidet und wollen andere davon überzeugen, dass ein menschlicher Kapitalismus möglich ist, dass Reformen dorthin führen sollen statt Revolution.

Beim monatlichen Regionalgruppentreffen von Attac-Berlin „kann man viel von dem angehäuften Wissen und den Erfahrungen aufsaugen", sagt Prietzel. Da sitzen neben ihr angegraute Häuserkampfveteranen, routinierte Gewerkschafter, „Linksruck"-Aktivisten und friedensbewegte ältere Damen in dem mit gut 100 Personen immer überfüllten Versammlungssaal des Kreuzberger Mehringhofes.

„Viele von denen sind resignierte Kämpfer von damals, die mit einem Mal wieder wach geworden sind", so beschreibt Dieter Rucht, Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin, die Szene. Für die Grünen, einst der parlamentarische Arm der sozialen Bewegungen, sieht Rucht „eine reale Gefahr" durch Attac gegeben, wenn es um die Nachwuchsrekrutierung geht: „Anders als die Grünen muss Attac nicht kanalisieren, sondern steht für das gesamte linke Spektrum offen." Trotzdem blickt der Soziologe, selbst Attac-Mitglied, skeptisch in die Zukunft: „Sobald zu konstruktiven Vorschlägen Position zu beziehen ist, herrscht Uneinigkeit. Vielfalt statt Einheit, das wird derzeit als Stärke ausgegeben, kann jedoch nicht von Dauer sein."

Wie sexy seid ihr?

Was drohen könnte, darauf weist eine private Auskunft von Moldenhauer hin. Auf die Frage, ob Attac denn sexy sei, kratzt er sich nachdenklich seinen Bart: „Also meine Freundin hat mich wegen Attac verlassen." Sie träumte von der Revolution, da musste er mit seinem Reformwillen also ein Reaktionär sein. So hatten die beiden ihren eigenen Revisionismus-Streit, der in der Geschichte der linken Bewegungen immer wieder zur Zersplitterung führte.

Was kann Attac erreichen? Die Grünen haben die Globalisierungskritik als „richtig und notwendig" in ihr Grundsatzprogramm aufgenommen. Bei den Formulierungen habe man ein bisschen bei Attac abgeschrieben, sagt der Bundestagsabgeordnete Christian Stroebele. Die SPD-Frau Andrea Nahles berichtete bei einem Besuch im Verdener Ökohaus: „Mit Verweis auf euch kann ich wieder Dinge sagen, die vorher in der Partei ins Leere gelaufen wären.“ Besonders heiß aber flirten die Gewerkschaften mit der neuen Bewegung. „Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen", meldete sich im Februar IG-Metall-Chef Klaus Zwickel bei allen Verwaltungsstellen seiner Organisation: „Mit diesem Schreiben möchten wir Euch zur Kooperation mit Attac ermutigen.“ Die einen verfügen über Infrastruktur und Geld, die anderen über politischen Nachwuchs.

Wo will Attac hin? Diese Frage steht noch auf der Liste mit Themen, die beim nächsten großen Attac-Deutschlandtreffen diskutiert werden sollen. „Da ist alles möglich", sagt Oliver Moldenhauer. „Außer Partei werden natürlich.“ Bis zum Jahresende rechnet er mit rund 12 000 Mitgliedern, bald könne man auch Frankreich eingeholt haben. Dort hat Attac 35 000 Mitglieder, „mehr als die französischen Grünen", wie er sagt. Sobald er dafür die Zeit findet, so Moldenhauer, möchte er nun endlich sein grünes Parteibuch abgeben. Das hat er nämlich noch.

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