Zeitung Heute : Die jungen Milden

Sie tragen Anzug oder Kostüm, grüßen artig und schätzen den Wert der Familie. Großmütter müssen vor ihnen keine Angst mehr haben. Zum Deutschlandtag der Jungen Union kam auch Parteiprominenz. Man steht hinter Angela Merkel. Gefeiert wurde ein anderer: Edmund Stoiber.

Esther Kogelboom[Cottbus]

Nächster Halt: Stadthalle. In Cottbus, wo früher einmal sehr viele Junge gelebt haben sollen, klingt die Ansagestimme in der Cottbuser Straßenbahn alt und erschöpft. Die Stadthalle sieht etwa so aus wie das Berliner Kino International in klein. An diesem Wochenende gab es in der Cottbuser Stadthalle eine Premiere: Der Deutschlandtag der Jungen Union (JU). Nicht, dass das Treffen von 300 jungen Leuten an sich schon ein Ereignis für die Brandenburger wäre. Zum ersten Mal überhaupt kommen binnen drei Tagen auch drei Hot Shots zur Jahresversammlung der gemeinsamen Jugendorganisation von CDU und CSU. Hot Shots, so nennen die Delegierten ihre Favoriten für die nächste Kanzlerkandidatur: Roland Koch, Angela Merkel und Edmund Stoiber.

Die jungen Konservativen tragen Anzug und Krawatte. Die Damen Kostüm, hautfarbene Strümpfe und mikroskopisch kleine Taschen von Yves Saint Laurent. Viele haben ovale Brillen mit Metallgestell auf der Nase und kamelfarbene Pullover um die Schultern. Sie begrüßen sich per Handschlag und sagen zackig „Guten Morgen“. In der Nacht gab es Frost und eine Party. Der Kater vom Vorabend steht den meisten ganz gut. „Ein Ereignis, das durchaus Kräfte gezogen hat“, sagt einer und weist darauf hin, dass der Kreisvorsitzende aus Nordrhein-Westfalen einfach durchgemacht habe. Die anderen haben weich geschlafen, im Holiday Inn und im Radisson, lange den Föhn benutzt und dann kräftig gefrühstückt. Das müssen die Kinder der Eliten sein.

Endlich eine Vision

Ihr Chef, der JU-Vorsitzende Philipp Mißfelder ist 24 und inzwischen berühmt. Er hat letzten Sommer die Generationendebatte ordentlich angeheizt. Viele sagen nur noch: Mißfelder, der mit den Hüftgelenken. Dass man an künstlichen Hüftgelenken für Alte sparen solle, hat er gefordert, dass die ebenso gut an Krücken gehen könnten. Damit hat Mißfelder großen Unmut auf sich gezogen. Der Unmut kam auch aus der Führung der Union.

Jetzt ist zwar der Ärger des Sommers verpufft, und in Cottbus ist es kalt geworden, aber die Generationsdebatte ist immer noch da. Sie wird sogar plötzlich ernst genommen. Hot Shot Angela Merkel sagt: „Sie haben sich aus dem Instrumentenkasten der politischen Provokation bedient.“ Sie muss Mißfelder irgendwann zwischen Reformpaket und Vermittlungsausschuss, Herzog und Rentengipfel einfach so verziehen haben. Fast lobt sie ihn sogar.

Die Delegierte Juliane Schleppers war erst 13 Jahre alt, als sie die Bautzener Schülerunion gegründet hat. Jetzt ist sie 20 und klingt schon wie ein alter Hase. Schleppers studiert Politik in München. Ist sie etwa abgewandert? „Nein“, sagt sie. „Was ich in Bayern lerne, würde ich gerne in Sachsen umsetzen wollen.“ Juliane Schleppers mag das Familienbild ihrer Partei. Denkt keinen Deut darüber nach, all das über den Haufen zu werfen, was sie als Kind einer heilen Familie erlebt hat. Die Menschen ließen sich heutzutage beim kleinsten Streit gleich scheiden, hätten kein Durchhaltevermögen mehr, sagt sie: „Es müssen Leute gefördert werden, die Nachkommen schaffen.“ Da gibt es einen breiten Konsens innerhalb der Jungen Union. Die Großmütter müssen vor einer wie Schleppers keine Angst haben.

Auch nicht vor Kristian Tangermann. 27 ist er, JU-Niedersachsen-Chef und studiert wie die meisten in der Stadthalle Jura. Möchte Tangermann in den Bundestag? „Das will ich im Zweifelsfall nicht ausschließen“, sagt er. Das Land müsse sich ändern, so ginge es schließlich nicht weiter. Die alten Konzepte der Union funktionierten nicht mehr. Rebellisch klingt das nicht. Rebellion kommt von Wut im Bauch. Wütend ist hier niemand. Wer ernsthaft wütend ist, fragt nicht beim Einchecken ins Hotel nach Pool, Sauna und Pay-TV.

Vielleicht zählt in der Politik das Nachdenken mehr als die Wut. Nachdenken auch über sich selbst. Roland Koch, der hessische CDU-Ministerpräsident, fordert mehr Härte gegen die Regierung, will sie schnellstmöglich stürzen. Und Angela Merkel sagt: „Wir dürfen das Land nicht vor die Wand fahren.“ Es geht um die grundsätzliche Oppositionsstrategie im Vermittlungsausschuss zwischen Bundesrat und Bundestag.

Unten im Saal scheint es so, als seien viele Delegierte ein bisschen müde. Müde, die Reformen bis ins hinterletzte zu durchdringen und zu verstehen, worum es ganz genau geht. Es ist anstrengend und manchmal auch zermürbend, das ganze Hin und Her in dem Reformstreit. Die Delegierten wollen endlich wieder spontan applaudieren, sich begeistern. Roland Koch merkt das schnell. Deswegen redet er lange und mitreißend über den Transrapid. Wenn es nach Koch ginge, hätten wir in ein paar Jahren eine Transrapid-Strecke von Paris nach Moskau. Der Zug würde natürlich in Deutschland gebaut werden, und das gäbe Arbeitsplätze und internationale Achtung, und irgendwann würde der Transrapid den Globus umspannen. Wir wären dann wieder wer. Endlich eine Vision. Jeder in der Cottbuser Stadthalle klatscht. Das Motto des Deutschlandtages heißt ja auch „Vordenken. Unsere Welt in 20 Jahren“. Da darf man ruhig ein wenig träumen.

Auch die CDU-Chefin weiß, wie sie ihre Mitstreiter von morgen motiviert. Zumal es schon 130000 JU-Mitglieder gibt, allein 700 kamen im August dazu. Merkel wirft leicht verdauliche Hoffnungs-Häppchen vom Podium: Gentechnik, Nanotechnologie, Atomenergie, Spitzen gegen Greenpeace. Da ist es einfach, für Innovationen zu sein, das gehört zum Selbstverständnis eines jeden Jungunionisten. Zum Schluss gibt Philipp Mißfelder Merkel einen Blumenstrauß. „Danke, ich hoffe aber, dass das kein Gutschein für künftige Attacken ist“, scherzt sie.

Bei Edmund Stoiber würde das Applausometer ausschlagen wie die Nadel beim Hau den Lukas auf der Wies’n, wenn einer wie Arnold Schwarzenegger draufhaut. CSU-Chef Edmund Stoiber bekommt am Sonntagfrüh so viel Applaus wie Koch und Merkel zusammen nicht. Sprechgesänge, Jubelschreie – Stoiber wird gefeiert. Und er stimmt einen zünftigen, nicht enden wollenden Wertekanon an: Es geht um die nationale Identität, um das Leistungsprinzip, um die Herausbildung von Eliten: „Wir fördern die Schwachen, was gut und richtig ist, aber nicht ausreichend die Hochbegabten.“ Und stillschweigend rechnen sich die jungen Delegierten wohl dazu.

Einen Applausmesser hat die JU nicht aufgestellt. Obwohl es die Verbandschefs eigentlich wollten. Der wäre zu leicht manipulierbar, sagt Georg Milde, der Bundesgeschäftsführer. Am Ende war ohnehin jedem klar, dass der Bayer alle Sympathien auf seiner Seite hat.

Bleibt nur die Frage, warum eigentlich? Es ist Stoiber, der sich seit Wochen gegen die Reformen im Gesundheitswesen sträubt, die Angela Merkel propagiert. Es ist Stoiber, der sich gegen das Programm der Jungen Union wendet, die eindeutig gefordert hatte, das Herzog-Konzept, also einen radikalen Systemwechsel, durchzusetzen. Auf der anderen Seite hat die Junge Union Stoiber 2002 den Wahlkampf mitorganisiert, an ihm hängt das Herz der JU. Und er ist „Mister 60 Prozent“ – man muss ihn einfach feiern. Trotzdem bangte Philipp Mißfelder das ganze Wochenende um seinen Leitantrag. Die bayerischen Delegierten haben ihn nachdrücklich aufgefordert, seine Position abzuschwächen. In einigen Punkten tat er das, und sie stimmten zu.

Machtspiele und Unehrlichkeit

Nur einem, dem hat das Ganze hier nicht so richtig geschmeckt. Daniel Peters heißt er und kommt aus Bad Doberan in Mecklenburg. Auch er ist mit 22 Jahren schon eine wichtige Stütze der Union, weil er im Büro eines Landtagsabgeordneten in Schwerin die Pressearbeit macht. Doch Politiker werden, wie viele hier im Saal, das will Peters auf keinen Fall. Am Anfang, sagt er, da hätten die alle noch Visionen. Doch davon bliebe immer weniger übrig, je höher man in der Hierarchie aufsteigt. Machtspiele und Unehrlichkeit, sagt Peters, „ich glaube nicht, dass ich einmal so enden will“.

Ungeklärt bleibt vorerst auch die Nachkommenfrage. Nur einer marschiert mit leitendem Vorbild voran: Herr Wichmann von der CDU, Star des gleichnamigen Dokumentarfilms, präsentiert den Medien stolz Frau und Baby. Henryk Wichmann ist innerhalb der Jungen Union zum Vorbild geworden in Sachen Motivation, weil er einen aussichtslosen Wahlkampf in der Uckermark einfach trotzdem durchgehalten hatte. Zur Stoiber-Rede ist der gescheiterte Bundestagskandidat nicht gekommen – als hätte er geahnt, dass sein Baby es bei so viel Radau mit der Angst zu tun kriegen würde.

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