Zeitung Heute : Die Kampfzone wächst

Elke Windisch

Im Kaukasus leben annähernd 100 Völker und Volksgruppen mit sehr unterschiedlichen Problemen und Interessen. Was wäre, wenn sich der Terror in der Krisenregion weiter ausbreitet?

Das Geiseldrama macht endgültig Schluss mit der Vorstellung, die Probleme im Nordkaukasus ließen sich auf Tschetschenien reduzieren. Die Gefahr eines Flächenbrandes, die auch Russlands Präsident Wladimir Putin sieht, wächst. Sie wächst, weil die meisten der Geiseln Osseten waren. Und für die Osseten gilt, was für alle Völker und Volksgruppen in der Region gilt: das Gesetz der Blutrache. So kam es bereits am Freitagabend zu ersten Fällen von Selbstjustiz. Dabei wurden in der Nähe von Beslan Dutzende Inguschen zusammengeschlagen.

Die Gefahr eines Flächenbrandes wächst aber auch deshalb, weil unter den Terroristen neben Tschetschenen und Bürgern arabischer Staaten auch Inguschen und Osseten waren, also Anhänger der Dschamaats. Das sind halblegale, paramilitärische Gruppen, die sich als bewaffneter Arm nationaler Bewegungen verstehen, wie sie sich zur Endzeit der Perestroika im gesamten, ethnisch bunt durchmischten Kaukasus gebildet haben.

1989 schlossen sich diese nationalen Bewegungen in der Konföderation der kaukasischen Bergvölker – später Konföderation der Kaukasusvölker (KNK) genannt – zusammen, um ihre Interessen Moskau gegenüber wirkungsvoller vertreten zu können. Endziel war für den radikalen Teil der Bewegung ein unabhängiger Staat zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, für den gemäßigten Flügel dagegen eine Kaukasische Bergrepublik, die mit Russland ein Assoziierungsabkommen schließen sollte – mit größeren Souveränitätsrechten als die Föderationsverträge, wie sie Boris Jelzin Anfang der neunziger Jahre mit jeder der insgesamt 89 russischen Regionen abschloss. Einzige Ausnahme: Tschetschenien, dass sich 1991 einseitig für unabhängig erklärte.

Tschetschenien beanspruchte die Führung der KNK, woran die Organisation, die zuvor bei mehreren Konflikten in der Region erfolgreich an Schlichtungen teilnahm, Ende 1994 zerbrach. Das Unzufriedenheitspotenzial im strukturschwachen Nordkaukasus blieb jedoch bestehen. Und damit der Nährboden für einen sich ausbreitenden Terror.

Extrem hohe Arbeitslosigkeit und zahlreiche, schon zu Sowjetzeiten durch Deportationen ganzer Völker und anschließender Rücksiedlung geschürte Verteilungskämpfe um das knappe Acker- und Weideland prägen die Region bis heute. Immer wieder eskalieren die Konflikte in den Republiken bis hin zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der offiziellen Macht. Die wird hier repräsentiert durch alt gediente Parteikader und neue Gefolgsleute des Kremls. Immer wieder geht es auch um Gebietsforderungen unter den rund 100 verschiedenen Völkern und Volksgruppen, um eine Revision bestehender Siedlungsgrenzen. Und immer wieder geht es auch, wie im Vielvölkerstaat Dagestan, um eine adäquate Beteiligung aller Volksgruppen an der Regierung.

Im Sommer nun entflammte der Konflikt um Südossetien neu: Russische und georgische Interessen prallen hier unversöhnlich aufeinander. Beide pochen auf die Wiederherstellung ihrer jeweiligen staatlichen Einheit – Russland will Nordossetien, Georgien Südossetien für sich behalten. Hier herrscht weiter das größte Risiko bewaffneter Gewaltexzesse. Schon zu Beginn der Kämpfe in Südossetien wurde der Norden, zu Russland gehörend und Schauplatz des Geiseldramas, Sammelpunkt von Kämpfern aus allen nordkaukasischen Regionen.

Zunehmend an Bedeutung gewinnt der Islam. Die meisten Kaukasusvölker waren früher Christen und konvertierten erst, als Russland mit der Eroberung der Region begann. Jetzt ist der Islam hier weniger eine Heilslehre, als vielmehr eine Ideologie des Widerstands. Eine Ideologie zudem, mit der sich die extrem freiheitsliebenden Völker des Nordkaukasus auf einen gemeinsamen Nenner einschwören lassen.

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