Zeitung Heute : Die Kanäle voll

Wahlkampf in Italien, Berlusconi überall

Gerhard Mumelter[Rom]

Staumeldungen, Nachrichten, Staumeldungen. Dazwischen ein bisschen Musik. So ist das normalerweise bei „Isoradio“, dem italienischen Verkehrsfunk. Doch vergangene Woche platzte in die Monotonie auf einmal eine wohl bekannte Stimme: „Buon giorno, cari automobilisti“, sagte sie gut gelaunt. Sie gehörte Silvio Berlusconi, dem Ministerpräsidenten. Er habe „gerade eben beim Sender vorbeigeschaut“, sagte er, und er wolle nur schnell fragen, ob Italiens Autofahrer eigentlich Bescheid wüssten um die epochalen Bauprojekte seiner Regierung? Die Brücke von Messina, die Autobahn Salerno-Reggio, die Umfahrung von Venedig ... Da mochte Senderchef Riccardo Berti den Redefluss ungern stoppen. Moderatoren hält Berlusconi ohnedies für entbehrlich. Für ähnlich überflüssig wie Richter und Staatsanwälte.

Es ist Wahlkampf in Italien. Und seitdem kann man kaum ein Radiogerät oder einen Fernsehapparat einschalten, ohne nach ein paar Minuten auf ihn zu treffen, auf Silvio Berlusconi, der am 9. April wiedergewählt werden möchte. Er irrlichtert durch Studios, durch Talkshows, durch Unterhaltungssendungen. Überall ist er präsent und am meisten natürlich auf den drei Privatfernsehkanälen, die ihm selbst gehören.

Zum Beispiel in der Show „Il senso della vita“ (Der Sinn des Lebens). Da schafft es Paolo Bonolis – bestbezahlter Showmaster von Berlusconis Senderkette –, den 70-jährigen Studiogast ohne Zwischenfragen eineinhalb Stunden plaudern zu lassen. Und der holt nach Herzenslust aus, darf erzählen, wie seine Mamma Rosa einer jüdischen Freundin das Leben gerettet habe. Dass für ihn, den dankbaren Sohn, die Ratschläge der 95-Jährigen unverzichtbar seien. Darf sogar den Vorhang zu seinem Schlafzimmer beiseite schieben: „Meine Töchter Barbara und Eleonora wetteifern darum, wer bei Papa im Bett schlafen darf. Sie umarmen mich wie ein Plüschtier.“ Barbara ist 20, Eleonora 18. Und Berlusconi präsentiert sich als Hobbygärtner: „Mein Garten ist eine Million Quadratmeter groß.“

„Können Sie hier ein bisschen mehr Puder auftragen?“, ersucht Berlusconi eine Maskenbildnerin nur wenige Stunden später. Er ist jetzt beim Sender „Sky“ zu Gast. „Cavaliere, Sie lieben es, im Fernsehen aufzutreten ...“, sagt die Moderatorin Maria Latella. Aber da ist sie an den Falschen geraten, ein Anflug von Missbilligung legt sich auf die Miene des Studiogasts. „Ich hasse es. Aber ich bringe dieses Opfer, um den Menschen die Wahrheit zu sagen.“

Wo er auch auftritt, stets wird er als väterlicher Arbeitgeber, weitsichtiger Konzernchef, erfolgreicher Fußballunternehmer, charmanter Frauenliebling und „weltweit geachteter Politiker“ gefeiert. Er erzählt Witze, singt selbstverfasste Lieder, schwärmt von den Leistungen seiner Regierung und attackiert seine Gegner. „Viele Italiener werden auswandern müssen bei einem Sieg der Roten“,warnt Berlusconi: „Der Fortbestand unserer Demokratie ist gefährdet.“

„Sind sie treu, Presidente?“, fragt die Moderatorin des Senders „RTL 102“. Ein breites Grinsen überzieht das Gesicht des Cavaliere. „Ich war oft treu“, versichert er schmunzelnd. Tags darauf, im sardischen Cagliari, verspricht er dem populären Pfarrer Don Massimiliano Pusceddu vor laufender Kamera „sexuelle Enthaltsamkeit bis zur Wahl am 9. April“. Um 21 Uhr verabschiedet sich Berlusconi von den Zuschauern des Senders „La 7“, um sieben Uhr früh überrascht er die Italiener beim Cappuccino im Rai-Programm „Uno Mattina“. Verspricht die Schaffung von einer Million Arbeitsplätzen. Versichert zum wiederholten Mal, dass „80 Prozent der italienischen Medien in der Hand der Linken sind“. Zweifel des Moderators Luca Giurato hält er für unangebracht: „Der Premier kann nicht lügen.“

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