Zeitung Heute : Die Katholische Kirche verkämpft sich

Richard Schröder

TRIALOG

Die vatikanische Glaubenskongregation hat sich entschieden gegen die staatliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen. Homosexuelle Beziehungen verstoßen gegen das „natürliche Sittengesetz“. Und „wenn der Staat die homosexuelle Lebensgemeinschaft auf eine rechtliche Ebene stellt, die jener der Ehe und Familie analog ist, handelt er willkürlich und tritt in Widerspruch zu seinen eigenen Verpflichtungen“.

„Das Natürliche“ hält in ethischen Zusammenhängen selten, was es verspricht: normative Instanz zu sein. Menschen haben von Natur keine Flügel. Ist es demnach widernatürlich, wenn sie fliegen wollen? Schon Aristoteles hat bemerkt, der Mensch sei von Natur zur Kultur bestimmt. Die Katholische Kirche akzeptiert nur die „natürliche“ Schwangerschaftsverhütung. Aber Thermometer sind ebenso künstlich wie Kondome.

Homosexuelle Handlungen gelten deshalb als Verstoß gegen das natürliche Sittengesetz, weil „die Weitergabe des Lebens beim Geschlechtsakt ausgeschlossen“ bleibt. Das ist zweifellos richtig und markiert eine Grenze für die Forderungen nach Gleichstellung mit der Ehe. Homosexuelle Paare können nicht von sich aus zur Familie werden. Und Kindern, „die eventuell in solche Lebensgemeinschaften eingefügt werden, fehlt die Erfahrung der Mutterschaft oder Vaterschaft“ – wie vielen anderen Kindern übrigens auch.

Aber dürfen wir deshalb Homosexualität als Verstoß gegen das natürliche Sittengesetz klassifizieren? Auch die katholische Kirche anerkennt, dass sich menschliche Sexualität nicht in der Fortpflanzungsfunktion erschöpft, sondern Ausdruck wechselseitiger personaler Zuneigung und Zuwendung sein sollte. Sie bestreitet dies aber offenbar für homosexuelle Beziehungen, wenn es heißt, sie entspringen nicht einer „wahren affektiven … Ergänzungsbedürftigkeit“. Dies ist eine Tatsachenbehauptung, die durch Tatsachenerhebungen widerlegt werden kann.

Offenkundig gab und gibt es immer Menschen, die sich zu Partnern des eigenen Geschlechts ebenso hingezogen fühlen wie die Mehrheit zu Partnern des anderen Geschlechts. Wenn sie das nicht wahrhaben wollen und trotzdem eine Familie gründen, kann das für alle Betroffenen furchtbar werden. Hier schützt Ehrlichkeit vor Leid, Betrug und Selbstbetrug.

Die Katholische Kirche verkämpft sich in Sachen Sexualität an falschen Fronten verkämpft. Denn das Hauptproblem ist das Wie. Die sexuelle Erlebniswut, die nichts auslassen möchte, gibt es in heterosexueller und in homosexueller Gestalt. Das ist asoziale Sexualität.

Wenn der Staat die Familie schützt, so schützt er den sozialen Uterus der nächsten Generation. Wenn er die Ehe schützt, unterstützt er verantwortliche Partnerschaft auf Dauer, die zu einer Familie werden kann, aber nicht muss. Der Staat verrät überhaupt nicht diese seine Aufgaben, wenn er, von Ehe und Familie unterschieden, dauerhafte verantwortliche Partnerschaft Homosexueller schützt, damit sie vor dem Gesetz nicht Fremde sind, sondern für einander einstehen können – und gegebenenfalls auch müssen. Dann zeigt sich nämlich auch, wer das will und wer nicht. Denn was uns jährlich zum Christoffer-Street-Day präsentiert wird, ist bloß Bürgerschreckvergnügen und Provokationslust und bedient das Vorurteil, Homosexualität sei immer asozial.

Der Autor ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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