Zeitung Heute : Die Kehlen sind gestimmt

LAMPENFIEBER Leipzig will die Olympischen Spiele. Die Woche der Entscheidung für Wolfgang Tiefensee

Robert Ide

Er hört jetzt andere Musik. Das macht er immer, wenn sich seine Stimmung ändert – oder er sie ändern will. Wolfgang Tiefensee hat sich Ruhe verordnet in diesen Tagen, und darum lauscht der Oberbürgermeister von Leipzig derzeit am liebsten zartem, verspieltem Jazz. Wenn die norwegische Sängerin Rebekka Bakken mit heller Stimme von der Liebe singt, lehnt er sich zurück und schließt die Augen. Dann endlich besiegt er die Nervosität, die ihn jetzt in immer kürzeren Abständen befällt. Immer wenn er an seine Stadt denkt. Wenn er an Olympia denkt.

Es sind nur noch ein paar Stunden, nur noch eine einzige Nacht. Am Dienstagnachmittag um halb zwei könnte alles vorbei sein für Tiefensee und seine Mission: Leipzig soll Olympiastadt 2012 werden, und Weltstadt für immer. Viele Hände älterer Sportfunktionäre wird Tiefensee deshalb heute noch schütteln auf dem Kongress des Internationalen Olympischen Komitees, des IOC, in Lausanne. Es wird eine lange Nacht der letzten Überzeugungsreden werden, denn am Tag darauf fällt die Entscheidung, ob Leipzig als Kandidat für die sportpolitische Endauswahl zugelassen wird oder nicht. Ob „das olympische Dorf“, wie Tiefensee seine Stadt nennt, im kommenden Jahr mitmachen darf beim großen Finale der Weltmetropolen: New York, London, Paris, auch Rio.

Neun Bewerber gibt es, sie alle mussten dem IOC ihre Konzepte vorlegen mit den geplanten Sportstätten, den Hotelbetten, den finanziellen Garantien der jeweiligen Regierung. Nun sortiert ein Schweizer Computer die schwächsten Kandidaten aus – wie viele, weiß keiner. Vielleicht drei, vielleicht sechs. Sicher ist nichts. „Ich mache mir keine Gedanken mehr darüber“, sagt Tiefensee. Doch das glaubt er sich wohl selbst nicht.

Er hat versucht, den Spekulationen zu entkommen. Ist Rad gefahren im Leipziger Umland, gerannt durch die Innenstadt, „das hat mir gut getan“. Abends dann, wenn alle Termine absolviert, alle Gespräche geführt waren, hat er sich mit dem Team der Bewerbungsgesellschaft in eine Kneipe gesetzt und über Leipzigs Chancen sinniert. „Der Bürgermeister wollte immer jedes Gerücht hören“, erzählt einer, der dabei war. Wird Konkurrent Madrid wegen des Terrors aus dem Rennen genommen? Stimmt es, dass Russlands Präsident Putin politischen Druck für Moskau ausübt? Und was bedeutet das alles für Leipzig? Irgendwann hatte Tiefensee genug. Er schlug mit der Hand auf den Tisch: „Schluss jetzt!“

Es geht um die Zukunft einer Stadt, seiner Stadt, und es geht um eine politische Karriere, seine Karriere. Vor einem Jahr hat der Bürgermeister das Land überrascht – in der nationalen Vorausscheidung setzte er sich mit seinem Cello auf die Bühne des Nationalen Olympischen Komitees in München und spielte „Dona nobis pacem“ – Gib uns Frieden. Es war die Hymne der friedlichen Revolution, die 1989 von Leipzig ausgegangen war. Nach dem Umbruch eröffnete Leipzig die modernste Messe des Ostens, einen großen Flughafen, einen prächtigen Hauptbahnhof, ein neues BMW-Werk. Leipzig nannte sich fortan gerne Boomtown und zog die jungen Leute an, sogar aus Westdeutschland. Nun, nach Tiefensees Cellospiel, wollte die Stadt die ganze Welt überwältigen – mit Olympia und dem neuen Politstar, dem fast schon gekürten SPD-Spitzenkandidaten für Sachsen, dem bald schon nominierten ersten Bundeskanzler aus Ostdeutschland. Am Tag des Sieges war Wolfgang Tiefensee von München nach Boomtown zurückgeflogen und hatte sich auf dem Marktplatz feiern lassen wie ein Rockstar. „Jetzt ist alles möglich“, rief er Zehntausenden zu. Der Satz galt auch ihm selbst.

Dann kam der Absturz. Stasi-Skandale, personelle Streitigkeiten, vorgezogene Wahlkämpfe – Tiefensees Mission stand vor dem Aus. Im olympischen Aufsichtsrat kämpfte jeder gegen jeden, und der Bürgermeister machte nicht gerade einen entschlossenen Eindruck. „Ich bin kein Krisenmanager“, gab er öffentlich zu, als seine Vertrauten einer nach dem anderen zurücktreten mussten. Der beinahe nominierte SPD-Hoffnungsträger musste seine politischen Ambitionen zurückstellen, um das Olympiaprojekt zu retten. Doch auch hier übernahmen andere das Kommando; Innenminister Otto Schily riss die Bewerbung an sich und setzte einen unabhängigen Sanierer aus der Wirtschaft als Geschäftsführer ein. Tiefensee stand nun bei öffentlichen Anlässen immer öfter am Rand herum; zu Hause zog er sich mit einem Glas Wein zurück und lauschte der Choralmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Lieblingsstück im Winter der Skandale hieß: Verleih uns Frieden gnädiglich.

Der Mann hat seine Ansprüche zurückgenommen. Wenn er einst von den sanierten Altbauten in der Leipziger Innenstadt schwärmte, sagte er schon einmal: „Hier spürt man das Flair von Klein-Paris.“ Heute wirbt er immer noch mit dieser Geschichte, doch sie endet mit einem anderen Vergleich: „Das ist hier fast wie am Ku’damm.“ Selbst Berlin, 180 Kilometer von Leipzig entfernt, liegt für Tiefensee inzwischen weit entfernt.

Auch am Dienstag, wenn sich alles entscheidet, wird Leipzigs oberster Repräsentant nicht im Zentrum der Entscheidung sein. Wenn in Lausanne die Olympiakandidaten für 2012 verkündet werden, wird die deutsche Delegation von Otto Schily angeführt. Wolfgang Tiefensee, der vorher noch die Hände von ein paar alten Männern schütteln durfte, wird sich schon auf den Weg gemacht haben zurück in sein olympisches Dorf. Morgens will er in einem kleinen Flugzeug die 680 Kilometer von der großen in die überschaubare Welt hinter sich bringen, und um halb zwei wird er auf einer Bühne stehen und gemeinsam mit Tausenden Leipzigern um das Weiterkommen zittern. Und um seine Karriere. Am 13. Juni ist Kommunalwahl in Leipzig.

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