Zeitung Heute : Die Kinder kennen keine Stille

Susanne Vieth-Entus

Der Morgenkreis bringt es an den Tag: Wenn sich die Kinder der Kreuzberger Hunsrück-Grundschule montags in ihren Klassen zusammensetzen, um über das Wochenende zu sprechen, heißt es überwiegend: „Ich habe ferngesehen“. Im besten Fall einen Kanal, der auch lehrreiche Sendungen im Programm hat. Im ungünstigsten – und leider häufigeren Fall – haben die Kinder aber stundenlang „schwachsinnige Serien“ konsumiert, wie es Rektor Mario Dobe formuliert.

Bei den türkischen und arabischen Kindern kommt hinzu, dass sie vor allem Sender aus den Heimatländern ihrer Eltern sehen. „Je mehr Satellitenschüsseln auftauchten, desto schlechter wurden die Sprachkenntnisse“, sagt Dobe. Schlimm sei auch, dass arabische Kinder im Al-Dhasira-Programm die Gewaltbilder aus dem Irak sehen und mit sich herumtragen.

Da in vielen Familien der Fernseher von früh bis spät läuft, „kennen die Kinder keine Stille und lernen nicht, sich selbst zu beschäftigen“, sagt Dietrich Delekat. Als Kinderarzt im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Friedrichshain-Kreuzberg hat er Zugriff auf die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen, bei denen unter anderem der tägliche Fernsehkonsum dokumentiert wird. Im Jahr 2005 kam heraus, dass in Kreuzberg 18 Prozent der deutschen, 54,5 Prozent der türkischen und 57,2 Prozent der arabischen Kinder ein bis drei Stunden fernsehen. Von allen Kinder sahen 4,5 Prozent über drei Stunden fern.

Je niedriger die soziale Schicht, aus der ein Kind kommt, desto mehr sieht es fern – auch das konnte Delekat feststellen. Demnach sieht nur jedes zehnte Kind aus der Oberschicht ein bis drei Stunden fern, aber 55,8 Prozent der Unterschicht. Hinzu kommt, dass sie stundenlang vor elektronischen Spielen sitzen, was nicht nur die Kommunikation mit ihrer Umgebung beeinträchtigt, sondern auch der motorischen Entwicklung im Wege steht. Die Hunsrück-Schule hat einen Psychomotorik-Parcours angeschafft, damit die Kinder Gleichgewichtssinn und Beweglichkeit trainieren können.

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