Zeitung Heute : Die Kirche braucht eine corporate identity

FRIEDRICH WILHELM GRAF

Wenn heutzutage vom Schicksal des Christentums in der Moderne gesprochen wird, stellen schnell die großen Krisenmetaphern sich ein.Leere Kirchen, steigende Austrittszahlen, unverständlich gewordene Traditionen lauten die Formeln der Verfallstheoretiker.Besonders beliebt ist das kulturkritische Lamento über die schleichende Auflösung aller moralischen Selbstverständlichkeiten, die auf die jüdische und christliche Überlieferung zurückgeführt werden.

Je dramatischer die Bilder vom Zustand der Kirchen gezeichnet werden, desto offensiver werden Gegenstrategien geplant.Im Kern zielen diese Erneuerungsprogramme auf eine mehr oder weniger behutsame Modernisierung der kirchlichen Verkündigungspraxis.Die Rezepte für das neue Marketing sind seit dem Beginn der Aufklärung bekannt.Man entfernt aus den Gesangbüchern alte Lieder, weil sie unverständlich geworden seien.Man aktualisiert die Sprache der Liturgie und verzichtet auf Semantiken, die "dem modernen Menschen" unzumutbar sein sollen.Man gibt den einzelnen Gemeinden und Pfarrern eine große Freiheit in der Gestaltung von Gottesdiensten und kirchlichen Amtshandlungen wie Taufen, Trauungen und Beerdigungen.Bunter, zeitgemäßer und erfahrungsoffener soll die überlieferte Botschaft dargestellt werden.Solche permanente Revision der religiösen Überlieferung begründeten die Theologen des deutschen Kulturprotestantismus mit eindrucksvollen Kultur- und Erfahrungstheologien.Nicht die Lehre der Kirche, sondern die Selbsterfahrung des mündigen Individiums sollte ins Zentrum der religiösen Kommunikation rücken.

Die Modernisierung religiöser Überlieferungen stellt jedoch eine heikle Gratwanderung dar.Wer individuelle Erfahrung ernst nehmen will, muß Vielfalt und Verschiedenheit akzeptieren lernen.Die Offenheit fürs Individuelle führt unumgänglich zur Pluralisierung der religiösen Deutungsangebote.Die Religionsgeschichte des neueren Protestantismus zeigt, daß eine zunehmend subjektbezogene Religionspraxis von starker innerer Pluralisierung der kirchlichen Institution begleitet wird.Unter dem Dach der evangelischen Kirche sind heute sehr unterschiedliche religiöse Milieus miteinander organisatorisch vernetzt.

In pluralistischen Gesellschaften brauchen Institutionen aber ein klares Profil.Wer sich gegen konkurrierende Anbieter durchsetzen will, bedarf einer corporate identity.Die Kirchen müssen deshalb die Überlieferungsbestände pflegen, die in den Prozessen sozial-kulturellen Wandels die Identität der Institution repräsentieren.Religiöse Kommunikation kann nur gelingen, wenn sich Effekte des Wiedererkennens oder Erinnerungen an die Kindheit einstellen.Liturgien und Riten wirken effektiv, wenn sie das Altehrwürdige repräsentieren.Die seichten Reformer der Religionskultur, die Jugendlichen mit ein bißchen Pop, Rock und New-Age-Rhetorik einen postmodernen Kuschelgott - "Jesus hat Dich lieb"- nahebringen wollen, erzeugen nur religiöse Konsumgüter, die so schnell veralten wie andere "light"-Produkte auch.Noch mehr gilt dies für jene Passageriten, bei denen die Kirchen weithin ihr altes Gestaltungs- und Deutungsmonopol gewahrt haben.Bei einer Beerdigung soll in der Predigt die unverwechselbare Lebensgeschichte, die Individualität des gestorbenen Menschen zur Sprache kommen.Doch in den Riten und liturgischen Texten soll das Überindividuelle des Todesgeschicks reflektiert werden.

Lassen sich halbwegs seriöse Prognosen für die Religionskultur des 21.Jahrhunderts stellen? Die kirchlich organisierte Religion dürfte erneut vielgestaltiger werden.Wahrscheinlich wird die Bedeutung harter Religionen zunehmen.Auf Globalisierung, Traditionsverlust und rapiden Wandel werden viele Menschen mit der Flucht in neue feste Gewißheit reagieren.Harte Religionen verlangen von den Gläubigen viel, bieten ihnen aber auch eine alle Verunsicherungen absorbierende, krisenresistente feste Identität.Aufgeklärte westliche Intellektuelle nehmen harte Religionen weithin nur unter der Chiffre "Fundamentalismus" wahr.Aber man muß die spezifische Leistungskraft der neuen fordernden Religionskulturen sehen.Man konnte einst ein frommer Puritaner und erfolgreicher, weil scharf kalkulierender kapitalistischer Unternehmer sein.Man kann heute als "fundamentalistischer" Moslem oder sehr konservativer Christ für eine neue unbedingte Geltung alter Glaubenswahrheiten kämpfen und sich als Software-Spezialist auf global gewordenen Märkten durchsetzen.

Noch immer sehen Europäer in ihrem Kontinent das Zentrum der Welt.Religionsprognosen sind dann als melancholisch stimmende Verlustbilanzen formuliert.In außereuropäischen Perspektiven stellt sich die Zukunft des Christentums anders dar.Außerhalb Europas wachsen die christlichen Kirchen, wandeln aber ihre Gestalt.Vor allem die sogenannten charismatischen Gemeinden haben extrem hohe Zuwachsraten.Ihre emotionale, expressive Glaubenskommunikation ist vor allem für sozial marginalisierte Menschen und aufstiegsorientierte "einfache Leute" von hoher Attraktivität.Die strenge Sozialmoral und asketische Lebensführung, die charismatische Gemeinden einklagen, fördert sozialen Aufstieg durch Leistung.Dies macht das charismatische Christentum in Schwellenländern so attraktiv.In Brasilien verlassen viele Katholiken aus den Mittel- und Unterschichten ihre Kirche und gehen in protestantische "Sekten", weil diese ihnen eine hohe moralische Selbstdisziplinierung abverlangen.Sie sehen darin die beste Gewähr für eine bessere Zukunft ihrer Kinder.

Soziologische Religionstheorien waren häufig von der Annahme geleitet, daß der aufgeklärte, moderne Mensch mit sich selbst vernünftiger, kopfbetonter als der irrationale Gläubige der Vergangenheit umgehen werde.Aber bekanntlich rauchen selbst Fachärzte für Lungenkrebs, und auch Safer-Sex-Kampagnen können die spontane Begierde der Individuen nur begrenzt beeinflussen.So ist auch unter den Bedingungen fortschreitender Verwissenschaftlichung unserer Kultur davon auszugehen, daß Religion eine zentrale Deutungskultur oder ein unverzichtbares Medium menschlicher Selbstreflexion bleibt.Der Mensch des 21.Jahrhunderts wird kein neuer Mensch sein.Unter der Schale äußerlicher Modernisierung bleibt er aus jenem krummen Holz geschnitzt, dessen komplizierte Linien und widersprüchliche Strukturen er sich in religiösen Symbolsprachen transparent zu machen versucht.

Der Autor ist Ordinarius für Evangelische Theologie an der Universität Augsburg und wurde im vergangenen Jahr als erster Theologe mit dem renommierten Leibniz-Preis ausgezeichnet.

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