Zeitung Heute : Die kleinen Ordnungshüter

UNSERE KLEINE FAMILIE

Tanja Stelzer

UNSERE KLEINE FAMILIE

Es war ein Silvesterabend, ich muss vielleicht 13 gewesen sein. Ich hatte bei einer Freundin meine Zukunft in Blei gegossen. Als ich nach Hause kam, feierte meine Mutter mit unseren Nachbarn eine wilde Party, bei der die Gäste auf den Tischen tanzten. Die Eltern meiner Freundinnen pflegten zu dieser Zeit Konversation vor irgendwelchen Kaminfeuern. Ich war eindeutig auf der Seite der Kaminfeuer-Eltern; meine jugendliche Mutter war mir einfach peinlich. Es war eine verkehrte Welt: Ich, das Kind, war Spießer, meine Mutter Rebell. (Zur Entschuldigung für meinen Part fällt mir heute nur ein Grund ein, aber ein ziemlich guter: Das Lied, zu dem auf den Tischen getanzt wurde, war „Guardian Angel“ von Drafi Deutscher. Und zu meiner Ehrenrettung: Es kamen dann auch noch andere Phasen, in denen ich dem klassischen Rollenverständnis einer pubertierenden Tochter eher entsprach.)

In Wirklichkeit war die Situation vielleicht gar nicht so ungewöhnlich, jedenfalls wenn man annimmt, dass ich damals noch eher Kind als Teenager war. Denn Kinder, besonders kleine Kinder, sind Spießer.

Noah will am liebsten, dass jeder Tag gleich abläuft, eine Essen-Schlafen-im-Sandkasten-Spielen-Endlosschleife. Wenn alles immer gleich ist, hat er prima Laune. Auf jede Änderung des Schemas reagiert er mit Unbehagen. Noah ist passionierter Frühaufsteher. Er will, dass sein Mittagessen pünktlich um zwölf auf dem Tisch steht. Wenn wir ihm etwas zu essen geben, das er noch nicht kennt, klimpert er irritiert mit den Augenlidern. In seinem Gitterbett müssen der Elch, der Frottee-Elefant und das orangefarbige Monster ihre Sitzordnung einhalten, sonst kann er nicht schlafen. Noahs Horizont ist, schon wegen seiner Körpergröße, noch begrenzt.

Sein Cousin Gabriel, obwohl schon dreieinhalb, ist auch nicht besser. Als seine Eltern dieses Jahr eine neue Osterdekoration ausprobieren wollten, wurde er wütend. Er wollte dieselbe Dekoration wie im Jahr zuvor, weil nur die für ihn Ostern bedeutet. Wenn er bei seiner Oma zu Besuch ist, muss er immer dieselbe Videokassette gucken, obwohl er sie natürlich schon lange auswendig kann.

Und wir Eltern? Verrollen die Augen wie pubertierende 16-Jährige, wenn sie ermahnt werden, ein Unterhemd anzuziehen, wegen der Nieren. Wir wehren uns verzweifelt (und mit schwindenden Kräften) gegen das Spießigwerden. Wir verreisen mit unseren Kindern an unbekannte Orte, wiegen sie dort zur Buße anderthalb Stunden in den Schlaf. Wir gehen aus, wohl wissend, dass wir am nächsten Morgen gleich doppelt bestraft werden: vom Kater und von unserem Sohn, der uns, natürlich, ausgerechnet an diesem Tag ein Stündchen früher als sonst weckt. An einem solchen Morgen scheint uns das Spießertum eine süße Verlockung. Wir gehen die folgenden zwei Wochen früh ins Bett und sammeln Kräfte für den nächsten Versuch. Die Angst, dass unser Kind uns zu Spießern machen könnte, treibt uns weiter an. Ein wenig ist es ihm ja schon gelungen. Wir fahren Kombi und tragen bequeme Schuhe. Wir meiden verrauchte Kneipen und regen uns schrecklich auf, wenn wir mit dem Kinderwagen durch einen Hundehaufen gefahren sind. Neulich haben wir sogar ernsthaft überlegt, ob wir einen Tischstaubsauger anschaffen sollten.

Ich finde das alles ziemlich bedenklich und fürchte, dass wir am Ende kapitulieren werden. Das wird die Zeit sein, wenn aus unserem Kind ein Teenager wird. Noah wird uns als Spießer beschimpfen. Ich finde, bis dahin sollten wir unbedingt noch ein bisschen auf Tischen tanzen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!