Zeitung Heute : Die Klingel vergessen

Von Elisabeth Binder

-

IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Eigentlich ist es schade, dass man so oft von zu Hause fort ist. Man verpasst so viel. Nein, ich meine gar nicht mal das Familienleben. Das ist ja in der Hauptstadt der Singles sowieso nicht so weit verbreitet. Ich meine die 1001 TürklingelPolierer, die unter den aberwitzigsten Vorwänden eingelassen werden wollen. Wenn sie etwas über Anzahl und Ausprägungen in dieser Stadt vorhandener Sekten und Religionsgemeinschaften lernen wollen, buchen Sie Bildungsurlaub zu Hause. Mal was von diversen Opferhilfen gehört? Tieropfer zum Beispiel, für, nein, sorry, gegen die sie Massen an Geld spenden können, wenn es nach den abgerissenen Typen geht, die da mit billigen Plastikmappen vor ihrer Haustür stehen?

Wenn man nur mal einen einzigen Vormittag bei sich zu Hause verbringt, kann man sehen, was für ein Eigenleben die Wohnung so hat. Dauernd klingeln Leute, die wollen, dass man sich auf den Pfad der Tugend begibt. Die Zeugen Jehovas kommen gern zu mehreren, und das sind ja noch freundliche Leute. Ihr Einsatz wirkt eher rührend als nervend. In Acht nehmen muss man sich dagegen unbedingt vor Zeitschriftendrückern. Ich persönlich habe besonders die Pizza-Reklame-Boten gefressen, die einem die Speisekarte in die Hand drücken oder (schlimmer!), wenn sie einen nicht erwischen, sie mit einem Gummiband am Türgriff befestigen. Das wirkt so superaufdringlich, dass es jeden eventuell aufkommenden Anfall von Pizzaappetit sofort im Keim erstickt.

Hilfsorganisationen aller Art, die Notrufsysteme loswerden wollen oder Mitgliedschaften, das geht ja zur Not noch in Ordnung. Wahrscheinlich haben sie es auf einsame alte Leute abgesehen. Man kann nur hoffen, dass sie ihre Geldgier in halbwegs seriösen Zügeln halten. Eigentlich ist es auch komisch: In einem Land, wo alles bis ins Kleinste bürokratisch geregelt ist, wo es Vorschriften ohne Ende noch für die absurdeste Lebenssituationen gibt, erfreuen sich ausgerechnet professionelle Klinkenputzer aller Freiheiten, die sie brauchen, um einen Haushalt auch mal für finstere Zwecke auszuspionieren. Ist da jemand zu Hause? Wie alt? Wie kräftig? Etcetera. Dort, wo sich einer Gelegenheit nimmt, dem besonders schützenswerten privaten Bereich eines Menschen bis auf Schrittweite näher zu kommen, scheint es gar keine Schutzbestimmungen zu geben. Was ein bisschen bedenklich ist an einem Ort und in einer Zeit, da die älteren Menschen nicht weniger werden. (Wahrscheinlich müsste man die Vorschriftenmacher in den Behörden mal dazu kriegen, sonntags zu arbeiten und dafür in der Woche freizumachen und zu Hause zu bleiben. Klar, eher geht die Welt unter. Aber man wird ja mal ein bisschen ’rumspinnen dürfen.) Es ist nämlich wirklich nicht immer angenehm, mit Türenklinglern konfrontiert zu sein, denn manchmal gucken die Gestalten, die da draußen warten, gar zu finster. Und manchmal, wenn man gleich wieder zu macht, fluchen sie einen durch die geschlossene Tür an.

Heute ist Sonntag, da haben auch Gaukler, selbstberufene Propheten und kleine Ganoven frei. Genießen wir die häusliche Ruhe, wenn uns das gegeben ist. Morgen, wenn wir wieder da draußen im Dschungel sind, bricht an der Tür die Hölle los.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!