Zeitung Heute : Die Klinik-Retter treten an

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

Ihr Ziel ist klar, doch auf dem Weg dorthin muss sie ein wahres Kunststück vollbringen: Die Expertenkommission zur Neuordnung der Hochschulmedizin will beide medizinischen Fakultäten am Benjamin-Franklin-Klinikum und der Charité erhalten. Dabei muss sie aber streng die Vorgabe des Senats beachten und an beiden Unikliniken ab 2006 insgesamt 98 Millionen Euro jährlich sparen.

Am vergangenen Donnerstag kamen die fünf Experten erstmals zusammen und begannen ihre Arbeit mit einem Warnschuss für die rot-rote Koalition: „Wir hätten kein Verständnis dafür, wenn auf Grund einer sich ständig ändernden Finanzsituation noch mehr Euro in der Hochschulmedizin einzusparen wären. Dann werden wir unsere Arbeit niederlegen“, sagte der Vorsitzende der Expertenkommission, Winfried Benz.

Die nach wochenlangem Streit um die Zukunft des Benjamin-Franklin-Klinikums vom Senat bewilligte Kommission steht unter enormem Zeitdruck. Im Juni soll das Gutachten der von außwärts berufenen Experten vorliegen. Ursprünglich wollte die rot-rote Koalition die geforderte Sparsumme alleine auf Kosten des Steglitzer FU-Klinkums erbringen und dafür dessen medizinische Fakultät abschaffen.

Als erste Initiative entwickelten die Experten einen Fragenkatalog, der nun an die Hochschulmediziner der Freien Universität und der Humboldt-Uni sowie an den Senat verteilt wird. Die Antworten sind die Grundlage für die nächste Sitzung im Mai .

Kommissions-Chef Winfried Benz ließ im Gespräch mit dem Tagesspiegel keinen Zweifel daran, dass es für den Wissenschaftsstandort Berlin ein „herber Rückschlag wäre“, wenn eine medizinische Fakultät geschlossen werden müsste. Benz: „Die Freie Universität würde bei einem Verlust des Franklin-Klinikums ihren Charakter als Volluniversität verlieren. Ihr Profil wäre dadurch nachhaltig geschädigt.“

Benz weist jeden Verdacht zurück, dass auch nur ein Mitglied der Expertenkommission eine klammheimliche Freude darüber empfinden könnte, wenn die Berliner Hochschulmedizin ihren derzeitigen Spitzenplatz in der deutschen Medizin-Forschung verlieren würde. Wenn Charité und das FU-Klinikum nicht mehr zusammen 75 Millionen Euro an Drittmitteln in der Forschung einwerben könnten, dann würden Heidelberg, München oder Würzburg wieder an den Spitzenplatz rücken.

Bei der Auswahl der Experten ließ sich der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Karl Max Einhäupl, davon leiten, dass alle drei großen Bereiche einbezogen sein sollten: die Innere Medizin durch Professor Guido Adler aus Ulm, die Chirurgie durch Profesor Jörg-Rüdiger Siewert aus München und die Labormedizin mit ihren Instituten durch Professor Volker Meulen aus Würzburg.

Dazu wurde die frühere Vertreterin der Finanzministerkonferenz im Wissenschaftsrat, Ingrid Nümann-Seidewinkel aus Hamburg, benannt. Winfried Benz, ein Jurist, übernahm den Vorsitz. Er hatte in der Hochschulverwaltung als Kanzler der Medizinischen Hochschule in Lübeck und der Universität Mannheim Erfahrungen gesammelt, bevor er 1989 Generalsekretär des Wissenschaftsrats wurde. Er übernahm den Vorsitz der Expertenkommission nach seinem Wechsel in den Ruhestand, weil er mit den Berliner Schwierigkeiten bestens vertraut ist.

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