Zeitung Heute : Die Kneipe Roth

Lutz Haverkamp

Was macht eine perfekte Kneipe aus? Zehntausende Gastronomen haben sich in Berlin diese Frage gestellt. Viele sind gescheitert. Zu Hunderten reihen sich die Glas- Bier-Geschäfte in den Szenevierteln, Kiezen und Touristenmeilen. Die meisten sind auswechselbar wie Filialen von Billigdiscountern. Kein eigenes Flair, keine Idee von Kundenbindung und oftmals ein Service, den sich die studentischen Aushilfskellner tagsüber in der Mensa abgeschaut haben.

Hier ein paar Tipps: Die wichtigste technische Voraussetzung für den betriebswirtschaftlichen Erfolg ist ein robuster Tresen. Zwingend in einer Höhe montiert, die es erlaubt, ohne Beugung der Wirbelsäule mit abgelegtem Ellenbogen an ihm zu stehen. Weiteres unverzichtbares Detail ist das Fußbänkchen. Dieses unscheinbare Stahlrohr, etwa 30 Zentimeter über dem Fußboden angebracht, ermöglicht stundenlanges Verweilen, ohne dass Sehnsucht nach einem Hocker oder gar Stuhl aufkommt. Christliche Kneipengänger wissen, dass das zehnstündige Stehen am Tresen eine Leichtigkeit ist verglichen mit dem fünfminütigen Stehen beim Verlesen des Evangeliums im Gottesdienst. Die Konstruktionsanordnung von Fußbänkchen und Gebetsbuchablage in Kirchen steht im krassen Widerspruch zur versprochenen ewigen Glückseligkeit.

Dass ausgesuchte Speisen und Getränke, ein geschmackvolles Interieur und Diskretion des Personals zum Gelingen eines gastronomischen Betriebes beitragen können, ist Allgemeingut. Den Machern der Joseph-Roth-Diele gelingt aber viel mehr. Sie vermitteln dem Gast das Gefühl, nach Hause zu kommen. Oder wenigstens auf dem Weg dahin zu sein. Das Feierabendbier im Roth zu trinken, ist ein Stückchen Heimat im Großstadtgewusel. Ach was, es ist die Heilige Messe, das Hochamt für Kneipenliebhaber. Aber warum ausgerechnet diese Kneipe am Wochenende geschlossen hat, das wiederum weiß vermutlich nur der liebe Gott. Amen! Lutz Haverkamp

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