Zeitung Heute : Die Königin des Immergleichen

Nichts hasst sie so wie Störungen der festen Rhythmen – im Privatleben und in der Politik. Morgen feiert die Queen 80. Geburtstag

Matthias Thibaut[London]

Was eigentlich trägt die Queen in ihrer Handtasche? Wahrscheinlich keine Visitenkarten. Kein Geld, heißt es oft, und auch kein Handy. Doch weit gefehlt. Die Queen, ließ Prinz Andrew wissen, um zu beweisen, wie fortschrittlich und zeitgemäß die britische Monarchin sei, besitze für Privatgespräche auch ein Mobiltelefon. Außerdem nimmt sie sonntags einen gefalteten Geldschein mit in die Kirche. Und immer hat sie eine goldene Puderdose, Lippenstift, Taschentuch und Kamm dabei.

Vielleicht hat die Queen, für alle Fälle, auch Barley-Sweets in der Handtasche, die sich bei ihrem ersten offiziellen Auftritt so gut bewährten. Die 16-Jährige war mächtig nervös. Sie sollte eine Truppenparade abschreiten. Eine Kammerdame reichte zur Beruhigung des aufgeregten Magens das saure Gerstendrops. Und wie es wirkte! Die junge Prinzessin inspizierte das Bataillon, genau wie sie das heute noch tut: mit „sang froid Anglais“. Gleichmut, bei dem keine Miene verzogen wird.

Die Handtasche, die unfehlbar am linken Arm baumelt, ist übrigens auch für Überraschungen gut. Nach einem Regimentsessen in der Londoner Guildhall fasste die Queen die Pfefferminz-Schokos ins Auge, fragte, ob noch jemand etwas wolle. „Gut, die Corgis werden sich freuen“, sagte sie, öffnete die Handtasche und schüttete die Mints hinein.

* * *

In Wirklichkeit ist die Handtasche der Queen aber kein Behältnis, sondern ein Requisit der Macht, wie Zepter und Reichsapfel. Sie gibt ihren Bewegungen Sinn und Würde, ist Stütze und Barriere. So verhindert die Tasche zum Beispiel, dass die Queen Kinder in den Arm nehmen muss. Wie ihre eng anliegenden, weißen Handschuhe ist sie ein subtiles Mittel der Distanz, mit dem die Queen jenen unsichtbaren Kreis der Majestät um sich zieht, der ihr Mysterium ausmacht. Wie viele Millionen Hände sie in ihren 54 Jahren auf dem Thron schütteln musste! Aber immer markierte der weiße, weiche Seidenstoff der Handschuhe die feine Grenze, die zwischen der allgegenwärtigen Verfügbarkeit der Monarchin und ihrer Privatsphäre gezogen ist. „Die Queen berührt nicht und lässt sich nicht berühren“, schrieb einer ihrer klügsten Interpreten, Nigel Nicholson.

* * *

Am 9. Juli 1982 aber wurde die Grenze um die Monarchin schlimmer durchbrochen als je. Noch heute sitzt den Dienern Ihrer Majestät der Schreck in den Knochen. 45 Minuten vor der gewohnten Zeit, um 7 Uhr 15 öffnete jemand die Tür zum Schlafgemach der Königin, und die Queen musste mit fester Stimme hinter ihrem Bettvorhang hervorrufen: „Es ist noch zu früh für den Morgentee.“

Nie wurde die unerschütterliche Kontinuität, die das Markenzeichen der Monarchie ist, so durcheinander gebracht. Es war nicht die Revolution. Ein Geisteskranker, Michael Fagan, war zu früher Stunde in die Bettkammer der Königin im Buckingham Palace vorgedrungen. Da saß er nun, barfüßig und in seiner Verwirrung tolldreist, auf der Bettkante Ihrer Majestät und sagte: „Ich glaube, Sie sind eine wirklich sehr nette Frau.“ Schwer zu raten, was die Queen am meisten empörte. Die Würdelosigkeit der Situation oder die Tatsache, dass eine halbe Stunde lang niemand auf die Alarmglocke hören wollte. Oberpage Paul Whybrew führte gerade die Corgi-Hündchen Gassi. Um das Maß voll zu machen, hatte sich offenbar ein Stubenmädchen über das Staubsaugverbot vor acht Uhr morgens hinweggesetzt und machte Lärm im Korridor. Das Uhrwerk der tägliche Routine, das sich in den damals immerhin schon 30 Jahren der Queen auf dem Thron so gut eingespielt hatte, war zusammengebrochen. Die Queen reagierte, selbstredend, wie es ihre Art ist. Ohne eine Miene zu verziehen.

* * *

Schon aus Berufsgründen müssen einer Queen solche Abweichungen verhasst sein. Feiern die Zyklen der Monarchie doch die Wiederkehr des Immergleichen. Die festliche Parlamentseröffnung, die Ehrung der Kriegstoten im November, die Weihnachtsansprache im Fernsehen, die Salutschüsse zum Tag der Thronbesteigung, neue Hüte beim Pferderennen von Ascot, die Gartenpartys im Buckingham Palace und der Umzug in die Sommervakanz nach Balmoral. Das königliche Jahr ist wie der Ablauf der Jahreszeiten. Und wenige haben die Dauer im Wechsel so gut im Griff wie Elizabeth II., Königin des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und „ihrer anderen Reiche und Territorien“, wie man in vorausschauender Vagheit formulierte, weil man schon ahnte, dass ihr Reich kleiner werden würde in der Zeit ihrer Regentschaft. Und doch ist Elizabeth mit 80 als Symbol historischer Kontinuität so frisch wie am ersten Tag. Nur 19 Prozent der Briten wollen eine Republik, so eine Umfrage vom Januar.

* * *

Eingespielt wie der Gleichtakt ihrer öffentlichen Auftritte ist auch das Privatleben der Queen. Nicht um 7 Uhr 15 wie der dreiste Fagan, um 8 Uhr erst kommt die Kammerzofe mit Earl Grey, Wasser und Milch in silbernen Töpfchen und „Biscuits“, wie die Kekse bei den Engländern heißen, die sogleich an die Corgis verfüttert werden. Dann wird das Bad gerichtet – spartanisch in Menge (18 Zentimeter tief) und Temperatur (22,8 Grad Celsius). Um 9 Uhr hebt der königliche Dudelsackbläser unterm Fenster an, und die Queen setzt sich an den Frühstückstisch. Dank eines Reporters vom „Daily Mirror“ kennen wir das Arrangement: feinstes Porzellan, Silberbesteck, Blumenstrauß und der Tupperware-Plastiktopf für die Cornflakes. Um 10 Uhr wird Privatsekretär Sir Robert Janvrin mit der Post und den roten Attachéekoffern gemeldet, in denen die Staatsgeheimnisse transportiert werden. Der leichte Lunch wird um 13 Uhr gedeckt, dann kann sich Ihre Majestät endlich selbst um die Corgis kümmern oder in der Bibliothek von Schloss Windsor entspannen. Bücher liest sie eigentlich nicht. Aber es heißt, sie sehe vom Bibliotheksfenster gerne den Touristen im Innenhof zu. Der Five o’Clock Tea wird schon um 4 Uhr 30 genommen, das Abendessen um 20 Uhr 15 vor dem großen Fernseher serviert. Am liebsten, heißt es, sieht sie, vor allem wenn Philipp nicht dabei ist, die Polizeiserie „The Bill“.

* * *

Genauestens wissen wir, dass die vierbeinigen Freunde im Leben der Königin die Hauptrolle spielen. Fast jeden Tag sehen wir, dass sie lieber einem Hund die Ohren krault, als einem Kind in die Backen zwickt. „Sie liebt – in dieser Reihenfolge – Hunde, Pferde, Männer, Frauen“, schrieb Biograf Graham Turner. Ihren ersten Corgi, „Dookie“, bekam die kleine Lilibet 1933 geschenkt. Bis heute hat sie, neben fünf Erzbischöfen von Canterbury und neun (bald wohl zehn) Premierministern, rund 30 dieser Tiere überlebt. * * *

Die Handtasche enthält natürlich auch ein Redemanuskript. Denn mag es die Queen im „Small Talk“ zu unerreichter Meisterschaft gebracht haben, für die Ohren der Öffentlichkeit sagt sie nie etwas, was nicht andere vorher für sie aufgeschrieben haben. „Die Persönlichkeit, die andere ihr in den Mund legen, ist die eines lehrerhaften Schulmädchens, einer Konfirmandin“, schrieb Lord Altrincham 1957, der bis heute ihr berühmtester Kritiker war. „Die kalte Routine wird nicht ausreichen, wenn sie einmal die Blüte ihrer Jugend verloren hat“, warnte er. Wie viele Briten wünschte er sich damals eine umgänglichere, fröhlichere, modischere, temperamentvollere Queen mit echten Starqualitäten. Wie sollte sich Lord Altrincham täuschen! Nun ist die Queen 80, und noch immer hat sich nichts geändert. 1957, das war die Zeit, in der sie sich von der bildhübschen Prinzessin in eine mittelalterliche Matrone zu verwandeln begann. Den Wunsch Altrinchams schlug sie ebenso in den Wind wie das Drängen der Moderedakteure. Sie wählte die entgegengesetzte Richtung: Abschied vom Zeitgeist. In der Wahl ihrer Kleidung, ihrer Hüte und Handtaschen blieb sie in jenem Jahr, 1957, stehen. Sie hörte auf, eine „Celebrity“ zu sein, und wurde eine wirkliche Queen.

* * *

Kontinuität und Verlässlichkeit, dafür wird die Queen zu ihrem 80. Geburtstag gerühmt. Sie ist pünktlich und macht keine Fehler. Ihr einziger falscher Schritt, die verspätete Reaktion auf die Massentrauer um Prinzessin Diana, war ein Ausdruck ihrer Stärken: Beharrungsvermögen und emotionale Vorsicht. Höflinge befürchteten Missfallenskundgebungen, als die Queen endlich aus der Sommerfrische nach London zurückkehrte, die Flagge am Buckingham-Palast auf Halbmast senken ließ und die vor ihren Palasttoren wie eine Rüge aufgebaute Parade der Blumen für Diana abschritt. Ein Mädchen trat vor, mit einem Sträußchen. „Soll ich die Blumen dazulegen“, fragte die Queen. „Nein, Majestät, die sind für Sie“, sagte das Mädchen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!