Zeitung Heute : Die Kommissarin

Frauen und Verbrechen – das geht gut zusammen. Wir drucken den Siegerbeitrag eines Krimi-Wettbewerbs des Berliner Filmmuseums.

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Von Kirstin Warschau Wer macht denn so was? Eine Frau da runterwerfen? Ich kann es nicht fassen.“ Der junge Mann hielt sich mit einer Hand am Geländer fest, mit der anderen Hand umfasste er seinen Mantelkragen, so dass es aussah, als hielte er sich selbst am Schlafittchen. Mit bebenden Lippen blickte er hinunter in das zweite Untergeschoss, wo auf dem blanken Boden eine rote, verschmierte Lache zu sehen war.

„Was genau haben Sie gesehen?“ Hauptkommissarin Marry Mittler betrachtete den Zeugen Henry Mahn, Student der Kameratechnik an der Deutschen Film und Fernsehakademie Berlin, eindringlich, dann erst schrieb sie sich ein paar Notizen auf die Rückseite ihres Mutterpasses. Mal wieder war das Notizbuch nicht an seinem Platz in der Jackentasche, sicher hatte ihr Sohn es stibitzt, um Männchen hineinzumalen. Den Mutterpass hatte sie dabei, weil sie ihn gerade wieder neun Monate mit sich herumgetragen hatte und weil sie, wenn sie die Zeit fände, unbedingt ihre Frauenärztin aufsuchen musste. Die Entbindung ihrer Tochter war drei Monate her, und irgendwas wollte da unten nicht heilen.

„Es war ein Mann, er war ziemlich groß und kräftig, der hat die Frau von hinten gepackt, sie hochgehoben und über die Brüstung gehalten. Sie hat geschrien wie am Spieß. Dann hat er sie losgelassen. Sie fiel, zehn Meter tief, auf den Kopf, das reichte. Da lag sie dann.“

„Sind Sie ganz sicher, dass es so war?“

„Ja, aber als ich die Polizei angerufen habe und die Leiche eine Minute aus den Augen ließ, war sie plötzlich einfach verschwunden.“

„Haben Sie sie weggehen sehen?“

„Natürlich nicht“, anwortete Henry Mahn verächtlich, „die war doch tot.“

Marry schloß die Augen und zählte innerlich bis zehn. Dieser Zeuge machte sie wahnsinnig. Die Putzfrau, die sie eben befragt hatte, hatte genau dasselbe erzählt, aber es war zu unklar, und es klang, als hätten sich die beiden Zeugen abgesprochen, irgendwas stimmte nicht. Marry seufzte. Wenn sie nur nicht so verdammt müde wäre. Das schreiende Baby in der Nacht, der Morgen ohne Frühstück, nur die Kinder gefüttert, gewickelt, angezogen, ins Auto geschnallt, durch die Stadt gerast, kein Parkplatz vor dem Haus der Tagesmutter, Treppen hoch mit zwei Kindern im Arm, Treppen runter, Strafzettel kassiert. Diese totale Erschöpfung schon bei Dienstbeginn und das mitleidige Lächeln ihres Kollegen Günther: „Du sahst auch schon mal entspannter aus. Wäre Erziehungsurlaub nicht besser? Verdient dein Mann nicht genug? Stimmt, ist ja Künstler, Filmemacher oder so was? Gerade auf Reisen wegen wichtiger Aufnahmen? Tja, sollte frau sich eben vorher überlegen, ob so einer der Richtige ist.“

Dann der Anruf, Tote im Filmhaus am Potsdamer Platz, und dann das: eine riesige Blutlache, aber keine Leiche. Die Spurensicherung tat ihr Bestes, doch die Blutanalyse und alles weitere würde seine Zeit dauern. Es gab Schleifspuren und Fußabdrücke von Turnschuhen der Größe 46 bis zu den Toiletten des Kinos Arsenal, aber das war auch schon alles, nicht mal die Hunde fanden eine Fährte. Und in keinem Krankenhaus der Stadt war eine Verletzte eingeliefert worden, auf die die Beschreibung der jungen Frau gepasst hätte.

Das Ermittlerteam, das heute nur aus Marry, ihrem Kollegen Günther sowie zwei Praktikanten bestand, zog sich in die Caféteria der Filmhochschule zurück und besprach die Lage bei einigen Bechern starkem Kaffee. Marry fühlte sich kurzzeitig besser, auch wenn sie daran denken musste, dass das Koffein nicht gut für das Baby war. Bald würde sie sowieso damit aufhören, ihrer Tochter abends noch die Brust zu geben. Arbeiten und Stillen passten einfach nicht zusammen, schon gar nicht bei einer Hauptkommissarin. In der ersten Woche hatte Markus, ihr Künstlermann, das Kind in der Mittagspause überall dorthin gebracht, wo sie gerade arbeitete. Eine halbe Stunde Zeit zum Stillen stand Mutter und Kind per Verordnung zu. Doch das Gelächter der Kollegen hätte man bis in den Grunewald hören können. Und auch Markus hatte die Lust am täglichen Herumgefahre mit einem hungrigen Säugling schnell verloren.

Während Marry den dritten Becher Kaffee trank, kam ein Anruf aus der Bibliothek im fünften Stock. Eine der Bibliothekarinnen hatte in einem Regal zwischen den Filmtheaterprogrammen eine blutverschmierte Damenhandtasche gefunden. Darin steckten Kreditkarten, ein Taschenkalender und der Personalausweis einer gewissen Luna Wolf, Regie-Studentin an der Filmhochschule. Außerdem war ein Liebesbrief darin, aus dem hervorging, dass Luna Wolf augenscheinlich ein unglückliches Verhältnis mit einem angesehenen Drehbuchautor, seines Zeichens Professor in der Drehbuchklasse, unterhielt.

„Die Tasche habe ich bei der Frau gesehen, da bin ich mir ganz sicher.“ Der Zeuge Henry Mahn, der die ganze Zeit rauchend auf der Terrasse der Caféteria gesessen und hinunter auf die Plaza des Sony Centers gestarrt hatte, ließ keinen Zweifel gelten.

„Und Sie sind sicher, dass Sie die Frau, die an derselben Hochschule studiert wie Sie, nie gesehen haben?“ – „Ja, nee“, sagte Henry Mahn und schüttelte den Kopf.

Auch die Putzfrau, die jetzt, gegen Mittag, in der Verwaltung der Freunde der Deutschen Kinemathek im sechsten Geschoss sauber machte, identifizierte die Tasche eindeutig als die des Opfers. Beide Zeugen sagten aus, die Tasche habe die Frau die ganze Zeit über ihrem Mantel getragen. Als sie am Boden lag, hätte das Teil wie ein Kissen auf ihrem Bauch gelegen.

Marry Mittler nahm den Fahrstuhl ins Parterre, setzte sich auf einen Barhocker in der Billy-Wilder-Bar und bestellte sich einen Martini. Dabei blätterte sie in Luna Wolfs Kalender und wählte die Nummer mit dem Vermerk „zu Hause“. Dort erreichte sie Luna Wolfs Mitbewohnerin, die unter Schluchzen mitteilte, sie habe Luna am Abend zuvor das letzte Mal gesehen. Luna hätte mit ihrem Liebhaber, dem Professor, telefoniert und sei danach verstört und erregt aus dem Haus gegangen. Es sei wohl um irgendein Projekt gegangen, bei dem Luna nicht mitmachen wollte. Genaueres wusste die Mitbewohnerin aber auch nicht.

„Können Sie mir sagen, wie der Geliebte von Luna heißt?“

„Nein.“

„Hat er Schuhgröße 46?“

„Woher wissen Sie das?“

Marry kippte den Martini auf ex. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie älter wurde. Freund. Liebhaber. Geliebter. Dieser ganze Schnickschnack. Dass sie immer wieder mit solchen Fällen zu tun hatte. Sie war so müde. Sie war so erschöpft. Und immer wieder dieselben Geschichten. Sie spürte ein Summen im Ohr. Fast glaubte sie ihr Baby schreien zu hören. Ihre Brüste schmerzten von der gestauten Milch. Sie zog das Privathandy hervor, aber sie hatte keinen Anruf erhalten. Nicht von der Tagesmutter (ein Glück, dann war dort alles in Ordnung) und nicht von Markus. (Kein Glück, dann war nichts in Ordnung. Markus kam heute nicht nach Berlin zurück und sie musste es irgendwie organisieren, dass die Kinder nach Hause gebracht und dort beaufsichtig wurden. Vielleicht sollte sie Günther fragen, ob er das für sie tun könne.) Sie bestellte noch einen Martini und trank ihn langsam aus.

Im Dämmerzustand ihrer Müdigkeit stellte sich plötzlich eine Erkenntnis ein: In wenigen Minuten würde sie hier im Filmhaus seine Bekanntschaft machen. Gleich würde sie dem Professor gegenüberstehen, dem genialen Drehbuchautor, dem Geliebten der Filmstudentin Luna Wolf, wahrscheinlich genau in dem Moment, wenn sie in den Fahrstuhl steigen und zu den Kollegen hinauffahren wollte, die gerade die Angestellten des Filmmuseums befragten. Der Fahrstuhl würde anhalten und er, der Professor, würde einsteigen und sie angrinsen.

Um nüchtern zu werden, nahm sie den Weg durch das Treppenhaus. Im dritten Stock öffnete sich eine Tür, und er stand vor ihr. Schuhgröße 46, weiße Turnschuhe, an deren Sohlen noch Blut klebte. Er sagte kein Wort, er lächelte. Das war zu viel. Sie ließ sich nicht auf so billige Art und Weise verspotten. Sie war eine hart arbeitende Mutter und sie übte ihren Beruf aus, denn sie brauchte das Geld. Die Kinder waren da, sie mussten großgezogen werden. Sie ließ sich von diesen Filmleuten nicht für dumm verkaufen. Marry Mittler zog ihre Dienstpistole und richtete sie auf die Brust des Mannes. Der sah sie ungläubig an.

„Wollen Sie meine Aussage?“

„Nein“, sagte sie kalt.

„Wissen Sie, das ist alles nur ein Irrtum“, begann er mit heiserer Stimme. „Ich bin Professor, und meine Studenten und ich, wir wollten hier einmal demonstrieren, wie …“

„Ich weiß“, flüsterte Marry Mittler. „Luna Wolf ist nie hinunter gestürzt. Sie ist weder tot noch verschwunden. Alles nur gefaked. Das habt ihr schön arrangiert, damit ihr eine kleine Hauptkommissarin mal so richtig hochnehmen könnt. Wahrscheinlich wurde auch noch heimlich gefilmt, zur Anschauung, zu Studienzwecken, zum Totlachen auf der nächsten Hochschulparty. Ermittlungsdoku. Polizeiarbeit real. Aber nicht mit mir!“

Der Mann mit den Turnschuhen der Größe 46 nickte schwach.

„Für so was habe ich weder Zeit noch Nerven“, schrie Marry Mittler. Dann entsicherte sie ihre Pistole, zielte und schoss.

Die 39-jährige Autorin ist Archivarin und lebt in Kiel. Sie hat bisher sechs ihrer Krimis in Anthologien veröffentlicht. Das Berliner Filmmuseum hatte den Krimi-Wettbewerb anlässlich der Ausstellung „Die Kommissarinnen“ veranstaltet. Die Jury arbeitete sich durch insgesamt 171 Kurzkrimis. Der grausamste Mord: Glassplitter in der Hühnersuppe.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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