Zeitung Heute : Die Konferenz sucht nach Dauerhaftem im flüchtigen Datenstrom

Torsten Hampel

Monomedia ist gewiss nicht das Lieblingswort von Willem Velthoven. Dafür muss er es zu oft sagen. Er wird das Wort auch in den nächsten Tagen ständig in den Mund nehmen müssen - weil der Kunst-Professor als Schöpfer des ungewöhnlichen Begriffes gilt. Monomedia ist der Name der Konferenz, die Velthoven für die Berliner Hochschule der Künste (HdK) am Wochenende leiten wird.

Von Freitag bis Sonntag werden bei "Monomedia - Die Konferenz zu den kulturellen Herausforderungen der Neuen Medien" prominente Designer, Ökonomen, Autoren, Informatiker und Künstler Vorträge halten und sich Diskussionen stellen. Der Musiker Brian Eno wird sprechen, die Stadtplanerin Saskia Sassen kommt aus New York, und Joseph Weizenbaum, der amerikanische Computerwissenschaftler und -kritiker, wird auch da sein. Der Schauplatz der Veranstaltung ist der HdK-Konzertsaal an der Hardenbergstraße, 1000 Teilnehmer werden erwartet.

Im Untertitel der Veranstaltung steht das englische Wort value - Wert. Wie verändert die Vernetzung der Welt, die Verbreitung des Internets, unser Leben, unsere Werte? Der zentralen Frage der Konferenz wird in fünf Diskussionen nachgegangen. Aber verändert die Vernetzung überhaupt Wertmaßstäbe? Was haben ein paar Millionen Internet-Nutzer mit dem gesellschaftlichen Konsens zu tun? Werden die christlichen Gebote überflüssig? Gott bewahre.

Was auf den ersten Blick recht elaboriert erscheinen mag, wird plausibler, wenn Velthoven Geschichten aus seinem Berufsleben erzählt. Seit Mitte der achtziger Jahre entwickelt die Amsterdamer Firma des Monomedia-Leiters elektronische Systeme, unter anderem Websites für Banken. "Versteht ihr eigentlich", fragt er seine Geschäftspartner von den Internet-Abteilungen der Geldinstitute, "versteht ihr eigentlich, dass man euch nicht traut? Es muss euch darum gehen, dass zu ändern, sonst macht ihr keine Geschäfte." Das Thema Vertrauen, der Gesellschaftskitt, beschäftigt Velthoven schon lange. Der Professor hat festgestellt: Das Vertrauen der Menschen zueinander, das im Lauf der Jahrhunderte stetig abgenommen hat, bekommt durch das Internet wieder eine Chance.

Bei der Handelsplattform Ebay zum Beispiel. Hier kaufen und verkaufen einander völlig fremde Menschen aus ganz Deutschland und der halben Welt Schallplatten, Bücher, Autos, fast alles. Vertrauen wird hier, im super-anonymen Netz, dadurch gestiftet, dass die Zuverlässigkeit von jedem Käufer und Verkäufer bewertet wird. Je zuverlässiger, je vertrauenswürdiger die Person, desto besser für beide laufen auch ihre Geschäfte. Das ist Pädagogik. "Heute vertraut man beim Autokauf vielleicht gerade einmal den Konzernen", sagt Velthoven. Das Internet kann dafür sorgen, dass man künftig auch einem Gebrauchtwagenhändler vertrauen kann, weil nur die, die sich fair verhalten, belohnt werden.

Was steckt hinter dem Begriff Monomedia? Ausgedacht hat ihn sich Velthoven, als er im April 1999 zum Professor für multimediale Kunst an die HdK berufen wurde. "Multimedia hier, Multimedia da, das ging mir auf den Geist", sagt er. Bewegte Bilder mit Ton nennt man Film, ein Dia mit Ton kommt als Multimedia-Ereignis daher. "Das ist eine hemmende Art, sich die Welt anzuschauen", sagt Velthoven. Das mache alles undeutlich. Monomedia stehe für eine Sichtweise, die alle Eindrücke, alle Medien auch, als eine Umgebung begreift. "Das ist trivial", sagt Joseph Weizenbaum, der große, alte Warner vor der Allmacht des Computers. "Ich finde den Begriff nahezu unerklärlich." Vielleicht hat Velthoven ja bloß der Stabreim gefallen, die beiden Ms. Die Konferenz am Wochenende wird es zeigen.Die Konferenz im Internet unter

www.monomedia.hdk-berlin.de

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