Zeitung Heute : Die Kontrolleure von nebenan

Erst wurden sie ausgelacht, jetzt sind sie eine Institution, die für Ordnung sorgt: die beiden „Kiezläufer“ vom Wedding

Kirsten Wenzel

Man muss sich eine ältere Dame an der Fensterbank ihres Wohnzimmers vorstellen: Wie sie das trockene Blättchen vom Alpenveilchen zupft und das Katzenpaar aus Porzellan zurechtrückt. Dann hat man eine Idee davon, wie Peter Manasse und Werner Blesing den Bezirk sehen, durch den sie täglich wandern: den Soldiner Kiez im Wedding. „Ghetto“ sagen manche Leute zu der Gegend links und rechts vom Flüsschen Panke oder auch: Armenhaus Berlins. Arbeitslose, Ausländer, Alkies, Asoziale. Hässliche Wörter, die die zwei Männer mit der Uniform aus Turnschuhen, Rucksack und blauer Arbeitsjacke nicht gern hören. Sie mögen die Gegend, in der sie leben und ihre Kinder großgezogen haben. „Det negative Image klebt uns noch jahrelang am Arsch“, sagt Manasse. Und dann gehen sie los und notieren in ihrem Büchlein, wo sie eine am Tag brennende Straßenlaterne entdecken, ein Sofa am Straßenrand oder ein kleines Loch im Gehwegpflaster. So penibel nehmen sie das. Weil alles immer klein anfängt. Und weil selbst der einfache Mann im Wedding Ordnung durchaus zu schätzen weiß, auch wenn man das anderswo vielleicht nicht glauben mag.

Auf ihren Visitenkarten steht „Kiezläufer“. Den Beruf haben die beiden praktisch erfunden. Blesing, der 55-Jährige, der ganz früher Hausbesetzer war, dann Gewerkschafter bei Nixdorf, später Altenpfleger und dann arbeitslos. Und Manasse mit den tätowierten Armen und der Schirmmütze von Hertha BSC, der früher Hooligan war und Möbelpacker, dann auch arbeitslos und heute, mit 42, ein „grundsolider Jungopa“, bei dem das Bier im Keller schlecht wird. Bei den „Greencops“, einer Wiedereingliederungsmaßnahme des Sozialamts, haben sich die beiden 1999 kennen gelernt. „Komm, lass uns was Sinnvolleres tun“, hat Blesing, der alte Gewerkschafter, damals gesagt. Also reichten sie im Jahr 2001 ein zweiseitiges Schriftstück beim Quartiersmanagement ein, das sie bis heute finanziert. Punkt für Punkt notierten sie, wie sie ihren Bezirk sauberer, sicherer, sozialer, schöner machen wollen. Der ausrangierten Kühlschränke Herr werden, der Schulschwänzerei und natürlich auch der tierischen Hinterlassenschaften auf dem Gehweg. Das alles lediglich „mit Rumlaufen und Quatschen“, wie die Kumpel in der Kneipe lästerten. Manasse: „Die Leute haben sich über uns kaputtgelacht. Die haben gesagt: Wer lässt sich von euch Spinnern schon was sagen?“ So in etwa war die Ausgangslage.

„Copyright müssten wir auf die Idee erheben“, sagt Manasse inzwischen. Er meint damit: An irgendwas erinnert ihn das Modell der 300 „Kiezstreifen“, die ab September auf Berlins Straßen und in den Parks für Ordnung sorgen sollen. Natürlich hat man nach Berliner Sitte ein Jahr lang nur darüber diskutiert, „ob die nun ’nen Knüppel und Handschellen dabeihaben dürfen oder nicht“. Rausgekommen ist schließlich: Pfefferspray und ein Gummischlagstock (klein) – aber nur zur Selbstverteidigung. Ob man so was überhaupt braucht, das hat die zwei im Soldiner Kiez kein Politiker gefragt. Blesing und Manasse sind seit vier Jahren nur mit einem Handy im Rucksack unterwegs.

Weil Schulferien sind, geht es etwas ruhiger zu an diesem Julimorgen. Normalerweise postieren sich die zwei bereits kurz vor halb acht am Gotenburger Steg. Wachen darüber, dass die großen Hunde und die älteren Schulkinder die Kleinen auf dem Schulweg in Ruhe lassen. Danach steifen sie bis nachmittags um halb fünf durch die Straßen. „Guten Tag“ sagen sie jedesmal, wenn ihnen jemand entgegenkommt, und wenn er türkisch aussieht, ganz polyglott: „Marhaba“.

Wenn sie sehen, dass jemand eine neue Matratze aus dem Auto lädt, rufen sie: „Schöne Matratze, aber nicht, dass wir nachher die alte auf der Straße finden.“

Und wenn ein Hund mit seinem Herrchen des Weges kommt und just in dem Moment sein Geschäft erledigt, dann legt Manasse den Kopf etwas schief und sagt im Onkelton: „Gucken Se doch mal, lieber Mann, wat Ihr Hund gerade macht.“ Und wenn es etwas Großes ist, mitten auf dem Gehweg, dann reicht er freundlich ein Tuch zur Beseitigung des Malheurs.

Und dann?

Dann, sagt Manasse, ist es dem Herrchen entweder peinlich, und er macht das Häufchen weg. Oder er entschuldigt sich und sagt, kommt nicht wieder vor. Oder er lässt die zwei blöd stehen. „Das gibt’s natürlich“, sagt Manasse, „aber man sieht sich ja morgen wieder und übermorgen auch. Der wohnt ja hier. Und irgendwann ist dem das Ganze zu anstrengend. Oder wir treffen ihn am nächsten Tag, wenn wir zufällig gerade mit unserem Kollegen von der Polizei spazieren gehen.“ Aber wer lässt es schon so weit kommen?

Natürlich können auch Manasse und Blesing nicht überall zugleich sein. Doch dafür haben sie ihre „ehrenamtlichen Mitarbeiter“, ältere Leute, die froh sind, dass es die Kiezläufer gibt, und die den ganzen Tag nicht viel anderes zu tun haben, als aus dem Fenster zu schauen. Wenn an einem Morgen zum Beispiel 80 Quadratmeter alte Auslegeware am Panke-Ufer liegen und am nächsten Morgen noch eine ganze Sitzgarnitur danebensteht, dann fragen Blesing und Manasse die Nachbarn: Habt ihr was gesehen? Und manchmal triff es sich, dann hat sogar jemand aus dem Haus in seinem Ärger schon Videoaufnahmen gemacht. Vom Müllsünder, der inzwischen nach Lichtenberg gezogen war. Die Polizei fand ihn. „Eine halbe Stunde später ist der mit einem Lkw angerückt und hat den Teppich aus der Panke gezogen. Und die Nachbarn standen auf den Balkonen und haben geklatscht.“

Ein alter Sessel in der Prinzenstraße und eine brennende Straßenlaterne, mehr gibt es an diesem Tag nicht zu melden für die Kiezläufer. In den ersten Jahren schickten sie pro Woche seitenlange Listen mit Müllfunden an die Berliner Stadtreinigung, inzwischen sind es nur noch wenige Zeilen. Auch die türkischen Mitbürger werfen ihr altes Brot nicht mehr in die Panke, seit Blesing in der Moschee war und erklärt hat, dass sonst „die Bisamratten morgens schon mit umgebundenen Sabberlätzchen“ aus dem Fluss krabbeln. Die Ordnung der Dinge ist die eine Sache. Die leichtere. Doch wenn die Kiezläufer hören, dass in einer türkischen Familie der vierjährige Sohn die Mutter schlagen darf, weil er „der Mann“ ist, dann können auch sie wenig dagegen tun. Immerhin, „von der Sauberkeit her gesehen haben wir den Kiez langsam im Griff“, sagt Manasse.

„Sie sind schon ’ne Pest. Aber wenn schon Aufpasser, dann nur die zwei“, sagt Willy, der Wirt vom Soldiner Eck, HSV-Fan und als solcher tagtäglich verbaler Sparring-Partner von Manasse in seiner Hertha-Montur. Ruhig ist es geworden, sagt Inge, Willys Frau, und zapft um elf die ersten Biere. Früher musste Willy dreimal die Nacht jemanden aus der Kneipe prügeln. Heutzutage ist Tarzans Entführung das wichtigste Gesprächsthema an der Theke. Den Miniterrier, der immer noch zitternd auf dem Billardtisch sitzt, haben am Wochenende Jugendliche gekidnappt und in einer Plastiktüte in eine Mülltonne geworfen. Bei der Suche nach Tarzan half die ganze Straße.

Dass der Soldiner Kiez allerdings immer noch zu den Quartieren mit der höchsten Kriminalitätsrate gehört, dass Jugendgangs Polizisten mit Eisenstangen überfallen, dass im ausländischen Milieu Parallelgesellschaften existieren, von denen selbst die Polizei nur einen Bruchteil zu sehen bekommt – von diesen Tatsachen ist man in solch harmonieseligen Momenten im Soldiner Eck weit, weit entfernt.

Blesing und Manasse ziehen weiter, Richtung Spielplatz an der Drontheimer Straße. „Auch die Alkies haben wir erzogen“, sagt Manasse. „Ich hab’ denen gesagt: Det hört sich uff, det Theater. Ihr könnt hier sonst nich’ bleiben. Und det klappt. Die packen jetzt brav ihre Weinpappe in den Papierkorb, passen sogar auf die Kinder auf.“

Man könnte meinen, irgendwann würde die Mission der Kiezläufer erfüllt sein. Einfach nichts mehr zu tun. Vielleicht möchte dann der eine oder andere Berliner Bezirk sie ausborgen? Zwei wie sie findet man schließlich nicht an jeder Straßenecke. Manasse schüttelt entsetzt den Kopf: „In Neukölln könnt’ ich mich nicht einfach hinstellen und den Leuten einen Vortrag halten, was richtig und was falsch ist. Die wissen doch, dass ich abends nach Hause fahre. Det bringt kurz gesagt gar nichts.“

Und Blesing sagt: „Es wird immer was zu tun geben. Der Müll, das war doch nur der Anfang.“ Er denkt bereits an neue Aufgaben. Besonders an die Alten, die gar nicht mehr runter auf die Straße kommen. Die allein in ihren Wohnungen sitzen, bis sie sterben. „Das sind Tragödien“, sagt Blesing, „die sieht man nicht. Aber darum muss man sich mal kümmern.“

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