Zeitung Heute : Die Kopiermaschinerie

Der eine malt immer dieselbe Farbe, der andere immer dieselbe Form. In Dafen entstehen in Akkordzeit Hunderttausende van Goghs, Dalís oder Monets. Der kleine Ort in Südchina ist die weltgrößte Künstlerkolonie

Harald Maass[Dafen]

Huang Tianshuis Atelier liegt im zweiten Stock eines unscheinbaren Mietshauses. Eine schmale Steintreppe, zwei kleine Räume, vollgestopft mit Meisterwerken. Huang blättert durch Hunderte Gemälde, die nebeneinander stehen, aneinander gelehnt sind. Vincent van Gogh, Claude Monet, Gustav Klimt und Andy Warhol gleiten durch seine Hände, ein Schnelldurchlauf in Kunstgeschichte. Huang hält inne. „Da ist sie.“ Er zieht ein Ölbild hervor. Mona Lisa. Umgerechnet 14 Euro will er dafür haben. Er hat sie gemalt. Er hat auch die anderen Bilder gemalt, alle, wie sie hier stehen und weitere. Er hat in seinem Leben mehr da Vincis gemalt als der Meister selbst.

Huang ist 41 Jahre alt und Kunstkopierer. Er trägt ein dunkles Sakko über dem T-Shirt und sieht mit seinen struppigen Haaren wie ein Bauer aus. Mitte der 90er Jahre kam er aus der Provinz hierher in die Stadt, nach Dafen. Er war jung, malte gut und brauchte Arbeit.

In Dafen war er genau richtig. Damals entstanden hier die ersten professionellen Kopierwerkstätten für Gemälde. In denen sitzen Dutzende begabte Maler und Zeichner dicht an dicht und produzieren fließbandarbeitergleich Kunstkopien. Bis zu zwölf am Tag. Immer mehr Maler zogen hinzu. Und heute leben 5000 Menschen davon, dass sie Meisterwerke nachmalen, es ist die größte Künstlerkolonie der Erde.

Dafen gehört zu Shenzhen, einer Industriemetropole mit 14 Millionen Einwohnern an der Grenze zu Hongkong, wo vor 30 Jahren Chinas Öffnung begann. Inzwischen gibt es hier alles, vom Plastikspielzeug bis zu Handys. Das Erfolgsrezept: billige Arbeitskräfte, gute Infrastruktur und laxer Urheberschutz. Und das funktioniert auch in Dafen. Vergangenes Jahr exportierte die Stadt schätzungsweise fünf Millionen Gemälde und erwirtschaftete einen Umsatz von umgerechnet 37 Millionen Euro. „50 Prozent“, betrage Dafens Weltmarktanteil bei handgemalten Porträts, sagt Xiao Xinxia, Direktorin in der Stadtverwaltung. Wenn eine Hotelkette in den USA Landschaftsbilder für die Zimmer braucht oder ein deutscher Baumarkt Ölbilder verkaufen will, schicken sie ihre Einkäufer nach Südchina, wo sie am Eingang von Dafen von einer Bronzestatue in Form einer riesigen Hand mit Pinsel begrüßt werden.

Vor zehn Jahren noch war Dafen ein eigenständiges Dorf, heute ist es nur noch ein kleiner Bezirk im Häusermeer. Die vier- bis sechsstöckigen Gebäude sind unscheinbar grau, die Fenster der unteren Etagen zum Schutz vor Dieben vergittert. Überall wird gemalt und gezeichnet. In kleinen Verschlägen und in Hauseingängen sieht man Maler mit ihren Staffeleien, auf denen sie beleuchtet von einer Glühbirne Kunstwerke kopieren. 775 größere Malmanufakturen gibt es, dazu kommen Hunderte Ateliers und Spezialgeschäfte für den Verkauf von Rahmen, Ölfarben, Pinsel, Malereibedarf.

Malen ist in Dafen eine Industrie, durch strikte Arbeitsteilung organisiert. Oft arbeiten mehrere Dutzend Maler in einer Halle. Manche Ateliers sind auf Impressionisten spezialisiert, andere auf Pop-Art. Monoton kopieren die jungen Angestellten immer wieder das gleiche Motiv, bis sie die Pinselstriche fast im Schlaf können. Manche wissen gar nicht, von wem das Bild ist. Manche haben Kunst studiert.

Huang Tianshui hatte nie eine formelle Kunstausbildung. „Als Kind schon liebte ich das Malen, und so ist es mein Beruf geworden“, sagt er. Anfangs habe er für größere Ateliers gearbeitet. Vor ein paar Jahren dann machte er sich mit einem kleinen Geschäft für europäische Meister selbstständig. „Oushi Mei Oilpainings Co. Ltd.“ steht auf seiner Visitenkarte. Viele seiner Kunden leben im Ausland und schicken ihm die Bestellungen per E-Mail. Eine gute Rembrandt-Kopie dauere zehn Tage und kostet 800 Yuan, etwa 80 Euro.

Es gibt auch Ateliers, in denen jeder Arbeiter für eine bestimmte Farbe zuständig ist. Mit der immer gleichen Bewegung ziehen sie einige bunte Striche über die Leinwand und geben das unfertige Bild an den nächsten Maler weiter. Das Ergebnis dieser Kunst-Industrialisierung sind konkurrenzlos niedrige Preise. Das Marilyn-Monroe-Motiv von Andy Warhol wird in Dafen für fünf Euro angeboten. Russische Meister gibt es für zehn Euro, bei Großaufträgen Rabatt.

Auf einem Bürgersteig unter dem freien Himmel von Dafen sitzt der junge Shen Huabing und zeichnet das Porträt eines Kindes. Die Vorlage, ein vergilbtes Schwarzweißfoto, hat der Kunde über das Internet geschickt. „Das Geschäft ist hart, der Verdienst nicht gut“, sagt Shen. Vor einem Jahr kam er nach dem Abschluss seines Kunststudiums in der zentralchinesischen Stadt Chongqing nach Dafen.

Viele der Maler in Dafen verdienen weniger als 3000 Yuan im Monat – 300 Euro –, in Südchina ist das nicht viel. Um Aufträge zu bekommen, vermarkten manche Galerien sich als „Hua Chaoshi“, als Gemälde-Supermarkt. Bezahlt wird wie bei den Anstreichern nach Fläche. Ein Quadratmeter kostet drei Euro.

Die Geschichte von Dafen ist eng mit einem Hongkonger Geschäftsmann namens Huang Jiang verbunden. Ende der 80er Jahre kam der in das Dorf, das damals noch kaum befestigte Straßen hatte, um die erste Kopierwerkstatt zu gründen. Huang hatte seine Karriere als Laufbursche in Hongkong begonnen und später ein Geschäft mit Kunstkopien gestartet. In Dafen waren die Mieten und Lohnkosten niedrig, der Transport der Bilder nach Hongkong einfach. Huang war es, der die Künstler aus der chinesischen Provinz anlockte, damit die für ihn malten. Einmal, sagt Huang, habe er 50 000 Gemälde für die US-Supermarktkette Wal-Mart in sechs Wochen produziert.

Doch dann wurde der Meisterkopierer selbst kopiert. Einige der Künstler, die Huang nach Dafen geholt hatte, gründeten eigene Geschäfte, lernten Bauern und Hilfsarbeiter als Maler an. Mehr Maler, mehr Bilder – und die Preise gingen nach unten.

Zeng Lanmu war einer der ersten Künstler, die damals nach Dafen kamen. Auch er hat sich selbstständig gemacht, allerdings nur mit einem winzigen Studio. Zeng braucht für einen Andy Warhol drei Stunden, ein Dalí dauert etwas länger, sagt er. Das meiste Geld verdient Zeng mit Porträts. An der Wand hängt das unfertige Bild eines älteren westlichen Mannes mit einer jungen chinesischen Frau. „Das hat ein amerikanischer Geschäftsmann in Auftrag gegeben.“

Dass die chinesischen Maler auch Chinesen malen, kommt häufig vor, seit der Wohlstand im Land wächst. Während die Gemälde früher fast ausschließlich ins Ausland verkauft wurden, kommen heute immer mehr Kunden aus China. „Dekoration in den Wohnungen gilt als Zeichen von Wohlstand, weil das europäisch aussieht“, sagt Zeng.

Einige Galerien haben sich bereits auf die neue Kundschaft spezialisiert und verkaufen Kopien von chinesischen Klassikern mit Pferden und Landschaften. In einem anderen Atelier hängen Ölgemälde des Großen Vorsitzenden Mao Zedong, des verstorbenen Militärführers Zhu De und von US-Präsident George W. Bush in einer Reihe. Und die „Guangzhou Union Universe Digital Technology“-Galerie hat sich auf Hologramme spezialisiert. Beliebt sind dreidimensionale Bilder von nackten Frauen.

Dafen wird von den Behörden mittlerweile als Industriestandort gefördert. Braune Schilder entlang der Stadtautobahn, die in China auf besondere Sehenswürdigkeiten hinweisen, preisen das „Dafen-Ölgemälde-Dorf“ an. 2004 erklärte die lokale Regierung die Stadt zu einer „Modellbasis der Kulturindustrie“. Kultur heißt dabei, möglichst viel Umsatz zu erwirtschaften. In Dafen gibt es den „Dafen Louvre“, eine Shopping-Mall für Kunst, mit griechischen Gipssäulen und bunten Blumentöpfen. Im Frühsommer 2007 wurde ein Kunstmuseum mit schwarzer Marmorfassade eröffnet. Welche Bilder dort einmal ausgestellt werden sollen, in einer Stadt die nur Bilder kopiert, weiß niemand.

Im Gegensatz zu anderen Ortschaften in Shenzhen, die sich auf das Kopieren von Markenschuhen oder Spielfilm-DVDs spezialisiert haben, hat Dafen bisher keine Probleme mit dem Urheberrecht. Die meisten der Meisterwerke sind so alt, dass sie nach chinesischem Recht nicht mehr geschützt sind. Um die neueren Kunstwerke, die in den Kopierstuben nachgemacht werden, kümmert sich offenbar niemand. „Wir schaden mit unserer Arbeit doch nicht“, sagt Maler Zeng.

Gerade hat er an eine Frau aus Shenzhen, die eine Dekoration für ihre neue Wohnung suchte, den Van-Gogh-Klassiker „Zwölf Sonnenblumen in einer Vase“ verkauft. Ohne die Maler in Dafen müsste sich die Frau einen Kunstdruck an die Wand hängen, sagt Zeng und findet, dass ein selbst gemaltes Bild schöner sei.

Die Industrialisierung der Kunst ist in Dafen noch nicht abgeschlossen. In einer Gasse stehen drei Männer um einen großen Industriedrucker, an den ein Computer angeschlossen ist. Mit einem leisen Surren druckt das Gerät einen Rembrandt mit eineinhalb Metern Kantenlänge auf die Leinwand. Computerisierung ist in Dafen die logische Fortführung des Industrialisierungsprozesses. Die Ausdrucke dienen als Vorlagen für die Maler, die dann nur noch mit Ölfarben das Bild übermalen. Die meisten Gemälde in Dafen werden heute so hergestellt. Die Galerien verkaufen sie als „echt handgemalt“. „Die Qualität der Kopien ist mit dem Computer doch viel besser“, erklärt ein Galeriebesitzer. Die Käufer merkten den Unterschied nicht. Ist das Betrug? Eine Fälschung der Fälschung. Oder ist das einfach die Kunst des Kopierens?

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