Zeitung Heute : Die Korbmacherin

Als einzige Frau weltweit trainiert Daphne Bouzikou Basketball-Profis und kann wieder Meister werden

Benedikt Voigt[Frankfurt am Main]

In der vergangenen Woche wäre Daphne Bouzikou gern ein Mann gewesen. Sie hat sich machtlos gefühlt, als der 2 Meter 10 große Bernd Kruel vor ihrer Nase die Tür der Umkleidekabine zuhielt, sie in die Höhe hob und gemeinsam mit anderen Basketballspielern unter die laufende Dusche schleppte. „Als Mann hätte ich mich besser wehren können“, sagt sie. Sie sagt, sie habe versucht, Mitleid zu erregen, und gefleht: „Bitte, bitte, nicht so viel Wasser, ich habe keine anderen Klamotten dabei.“ Sie durfte die Dusche verlassen, bevor ihr dunkler Anzug völlig durchnässt war.

Daphne Bouzikou, 35, sitzt in einem Lokal in der Frankfurter Innenstadt. Die schulterlangen, brünetten Haare hat sie zum Zopf zusammengebunden, das ist praktischer beim Motorradfahren. Der Helm liegt auf einem Stuhl, die schwere Lederjacke hängt über der Lehne. Daphne Bouzikou rührt im Milchkaffee und überlegt, wie sie die Situation in der Umkleidekabine bewerten soll. „Es war komisch, man konnte nicht weg und musste sich fügen“, sagt sie. Andererseits mussten alle unter die Dusche, die sich an jenem Abend in und vor der Kabine der Frankfurter aufhielten. „Ich war nur die Erste.“ Vielleicht gehört das einfach zu ihrem Job dazu, als Ko-Trainerin beim Frankfurter Profi-Basketballteam Opel Skyliners. Es ist ein ungewöhnlicher Beruf für eine Frau. „Sie ist wahrscheinlich weltweit die einzige, die eine professionelle Männermannschaft trainiert“, sagt Frankfurts Manager Gunnar Wöbke.

Mit der Dusche feierten Frankfurts Basketballer den entscheidenden Sieg im Play-off-Halbfinale über Alba Berlin und den Einzug in die Finalserie gegen GHP Bamberg. Das erste Finale ging verloren, das zweite gewann Frankfurt gestern Abend. Daphne Bouzikous Team hat wieder gute Chancen zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister zu werden. Schon der erste Titel hat ihr Anerkennung bei den Großen der Zunft eingebracht. Trainer Svetislav Pesic, Welt- und Europameister mit Jugoslawien, gratulierte ihr. „Da war ich stolz“, sagt sie.

Es gibt im Spitzensport nur wenige Frauen, die Männer trainieren. Isabell Baumann fällt einem ein, die Leichtathletik-Trainerin, die früher ihren Mann Dieter betreute und nun eine Läufergruppe leitet. Aber keine trainiert eine Mannschaft. „Es kommen jetzt mehr Mädchen und Frauen auf mich zu, die sagen, ich möchte so werden wie du“, sagt Bouzikou. Neulich traf sie ein Mädchen, das ein T-Shirt trug, auf dem vorn „Assistant Coach“ und hinten „Daphne Bouzikou“ stand. „Ich habe sie gleich fotografiert.“ Aber es kommt auch Folgendes vor: In Finnland dachte einmal jemand, sie sei die Frau des Präsidenten. In Belgien hielt ein Funktionär sie für die Gattin des Trainers.

Nach ihrem Sportstudium schrieb Daphne Bouzikou drei Bewerbungen für Hospitanzen bei Bundesligavereinen. Keiner antwortete. Beim aktuellen Bundestrainer Dirk Bauermann fragte sie persönlich nach, er lehnte ab. Inzwischen trainiert Dirk Bauermann Bamberg und sieht Daphne Bouzikou regelmäßig. Beim Gegner.

Zum Beispiel letzten Sonntag. Bouzikou steht in einem schwarzen Jackett unter dem Korb im Bamberger Forum und leitet das Aufwärmtraining. Sie fängt einen Ball, der vor ihr auf den Boden prallt, und wirft ihn Chris Williams zu, dem Star des Teams. Bis ein Kreuzbandriss sie stoppte, hat sie selber Basketball gespielt. „Schneller“, schreit sie. Wenn einer vorbeiläuft, streckt sie die rechte Hand aus. Die Spieler klatschen ab.

Die Tochter griechischer Einwanderer hat es schließlich doch in die Männerwelt geschafft. Noch während ihres Studiums bewarb sie sich auf eine Stellenausschreibung des Landesligateams FC Petsch, obwohl sie noch nie zuvor eine Mannschaft trainiert hatte. Später besuchte sie beim Bundesligisten Rhöndorf so oft das Vormittagstraining, dass der Cheftrainer Joseph Whelton eines Tages sagte: „Dann kannst du auch Ko-Trainerin machen.“ Als diplomierte Sportlehrerin mit einer A-Lizenz besitzt sie heute die beste Ausbildung, die man in Deutschland als Basketballtrainer haben kann. „Wenn die Qualifikation stimmt, ist es egal, ob man einen Mann oder eine Frau einstellt“, sagt Gunnar Wöbke. Vor sechs Jahren hat er Daphne Bouzikou schließlich nach Frankfurt geholt.

Vom türkischen Cheftrainer Murat Didin muss sie sich schon ab und zu mal seltsame Scherze anhören. „Du musst mal einen Kurs bei meiner Frau machen, die kann dir zeigen, wie man sich richtig schminkt“, hat er neulich gewitzelt. Aber in der täglichen Arbeit rückt das Frau-Sein schnell in den Hintergrund, und sie traut sich allmählich auch den nächsten Karriereschritt zu: Cheftrainerin bei einem Bundesligaklub. „Das wäre noch eine andere Situation für eine Frau“, sagt Bouzikou. Der Markt ist hart umkämpft, in der Bundesliga gibt es nur 16 Stellen. „Aber ich bin gut“, sagt sie. Sie will es probieren, allerdings nur, wenn nicht das Familienleben mit ihrem dreijährigen Sohn Sinas darunter leidet. Sie erzieht ihn allein.

In einem Punkt unterscheidet sie sich allerdings erheblich von ihren männlichen Kollegen. „Ich warte immer vor der Kabine, bis die Jungs umgezogen sind“, sagt Bouzikou, „für mich wäre es zu intim, da einfach hereinzuplatzen.“ Umso mehr wundert sie sich über die neue Physiotherapeutin des Vereins, die in die Umkleidekabine tritt, wann immer sie will. „Die ist da sehr locker“, sagt Bouzikou. Sie sucht eine Erklärung für ihre eigene Zurückhaltung. Sie sagt: „Da bin ich eben Griechin.“

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