Zeitung Heute : DIE KOSOVO-KRISE: Der Frieden ist erst halb gewonnen

CHRISTOPH MARSCHALL

Zwar wuchsen im Westen die Zweifel an der Nato-Strategie, als Milosevic zynisch Flüchtlingsströme als Waffe einsetzte, als Fehler bei den Luftangriffen zu immer mehr Toten unter der Zivilbevölkerung führten und sich dennoch kein Ende des Krieges abzeichnete.Aber nun ist der Frieden greifbar nahe - oder scheint es nur so?

Der Frieden ist noch keineswegs gewonnen.Drei Zweifel drängen sich auf: Wird Milosevic, der schon so oft sein Wort gebrochen hat, die Zusagen diesmal einhalten? Viele Einzelfragen sind, zweitens, noch ungeklärt, vom Zeitplan für den serbischen Abzug über das Kommando der Friedenstruppe bis zur konkreten Ausformung der Autonomie des Kosovo; wird das zu Verzögerungen, gar zu neuen Konflikten führen? Drittens: Wie schnell kann die Vertreibung von rund einer Million Menschen rückgängig gemacht werden, wo und wie sollen sie über den Winter kommen?

Niemand sollte sich der Illusion hingeben, daß Belgrad innerlich kapituliert hat und alle Forderungen nun willfährig erfüllt.Die Serben haben sich der militärischen Übermacht gebeugt, aber sie haben keineswegs eingesehen, daß sie im Unrecht sind.Weiterhin ist starker politischer - und militärischer - Druck erforderlich, um die erzielte Vereinbarung zu verwirklichen.Die Nato setzt ihre Luftangriffe zu Recht fort, bis der serbische Abzug nachprüfbar begonnen hat.Doch dann kommt der Moment, wo die Allianz das Bomben einstellt.Welche Möglichkeiten bleiben ihr danach, um Milosevic von einer Sabotage des Friedensprozesses abzuhalten? Daß sie jederzeit zu den Luftangriffen zurückkehren könne, sagt sich leicht.Die Wirklichkeit ist komplizierter.Milosevic wird seine Blockadeversuche so subtil betreiben, daß die Nato sich mit neuen Bombardements dem Vorwurf aussetzt, unverhältnismäßig zu reagieren.So muß die Allianz zügig mit dem Aufmarsch von Bodentruppen beginnen: um Zug um Zug in die Gebiete des Kosovo einzurücken, aus denen die serbischen Einheiten abziehen; und um ein Drohpotential zu haben, das Belgrad beeindruckt.

In vielen Detailfragen sieht sich die Politik nach zehn Wochen Krieg erneut mit den Problemen konfrontiert, die zum Scheitern der Gespräche in Rambouillet geführt hatten.Das Dilemma bleibt das gleiche: Alle Welt erwartet von Verhandlungen, daß beide Seiten nachgeben, um zum Kompromiß zu finden.In den Schlüsselfragen aber kann der Westen nicht nachgeben - nicht, weil er um jeden Preis Sieger bleiben will, sondern weil das Ziel nicht gefährdet werden darf: ein haltbarer Frieden für das Kosovo.Deshalb muß die Friedenstruppe zum Großteil aus schwer bewaffneten Nato-Einheiten bestehen.Und deshalb darf es nur einen Oberbefehl geben, der ebenfalls bei der Allianz liegt - wie in Bosnien.Andernfalls werden die Flüchtlinge kein Vertrauen fassen und nicht zurückkehren.Ihr Schicksal aber sollte im Mittelpunkt stehen.Erst wenn es gelungen ist, die Vertreibung rückgängig zu machen, wird man von einem Erfolg sprechen dürfen.

So gibt es Anlaß zur Hoffnung, aber noch nicht ausreichend Grund, sich erleichtert zurückzulehnen.Der 3.Juni hat den Frieden einen großen Schritt näher gebracht.Aber wenn daraus ein stabiler Frieden werden soll, darf der Westen, darf die Nato in ihrer Entschlossenheit gerade jetzt nicht nachlassen.

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