Zeitung Heute : Die Kraft der Liebe

„Was ich vergessen habe“ ist ein Buch für Jung und Alt

Rolf Brockschmidt

Eigentlich hat Soscha den Stein ins Rollen gebracht. Soscha, die neue Schülerin in Elmers Klasse, die zielstrebig auf ihn zugegangen ist und sich gleich neben ihn gesetzt hat. Für den elfjährigen Fußballnarren eine ganz neue Erfahrung. Außerdem ist er jemand, der bei jeder Gelegenheit gleich puterrot anläuft. Soscha hat ihren neuen Mitschüler im Büro seiner Mutter, der Direktorin der Schule gesehen. Auf deren Schreibtisch steht ein Foto mit dem kleinen Elmer und seinem Opa. Während des Vorstellungsgesprächs bei der Direktorin hat Soscha beschlossen, dass sie diesen Jungen auf dem Foto nett findet. Zielstrebig ist sie auf ihren neuen Mitschüler zugegangen und hat es tatsächlich geschafft, ihn zum Freund zu gewinnen.

Edward van de Vendel hat diese beiden Kinder zu Hauptpersonen seines Jugendbuches „Was ich vergessen habe“ gewählt. Aber dieser kleine Roman ist nicht einfach nur eines von vielen guten Jugendbüchern. Es ist ein besonderes, ein sensibles Buch, das etwas zur Sprache bringt, was heute heute selten geworden ist: das Gespräch zwischen den Generationen. Soschas Vater ist nicht oft zu Hause und Elmers Vater hat recht früh seine Familie verlassen. Der Junge hat kaum eine Erinnerung an ihn. Aber Soscha, das Mädchen aus einer polnischen Familie, hat viel Familiensinn und will alles von Elmer und seiner Familie wissen. So kommen sie plötzlich auf seinen Großvater – und ein Stein kommt allmählich ins Rollen.

Der Niederländer Edward van de Vendel, Jahrgang 1964, hat einen wunderbaren Roman über eine zarte Liebes- und Freundschaftsgeschichte zwischen den beiden Kindern geschrieben, aber der Roman stellt im Laufe der Geschichte das Verhältnis zum Großvater immer mehr in den Mittelpunkt.

Der Großvater ist einst zur See gefahren und als seine Frau starb, malte er viele Bilder und nahm Französischstunden. Nun dämmert er in einem Heim vor sich hin, hat scheinbar alles vergessen und bekommt seine regelmäßigen Besuche, die mehr und mehr den Charakter eines Pflichtprogramms annehmen. Aber angesteckt durch Soschas Neugier will Elmer plötzlich mehr über seinen Großvater wissen, auf dessen Schoß er einst saß, eingehüllt in Zigarrenrauch.

Ein altes Tonband mit einem wunderschönen Gedicht auf Französisch über das Meer und die Bitterkeit der Liebe, vorgetragen von einer Frau, wecken Detektivinstinkte in Elmer. Die Hartnäckigkeit, mit der Elmer und Soscha den Opa wieder zu einer Reaktion bewegen, ist geradezu anrührend beschrieben. Und Elmer muss lernen, dass sein Opa nach dem Tod der Oma eine neue Freundin kennen gelernt hatte – seine Französischlehrerin. Und er muss lernen, ohne die Pointe zu verraten, dass auch Kinder vergessen.

Van de Vendel ist ein wunderbares Buch über die Kraft der Liebe gelungen, ein Buch, dass Kindern wie Erwachsenen Mut macht, auf die Großeltern zuzugehen, auch wenn sie sich in einer scheinbar ausweglosen Lage befinden. Erzählt ist das in einem derart leichten, frischen und witzigen Ton, dass alleine schon die Lektüre dieses Buches gute Laune macht. Es fordert auch Erwachsene und Kinder heraus, über das Älterwerden und das Vergessen zu sprechen, ohne dabei moralinsauer oder pädagogisch daherzukommen. „Was ich vergessen habe“ ist ein anrührendes Buch für alle Generationen, das man so schnell nicht vergisst.

Edward van de Vendel: Was ich vergessen habe. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Carlsen Verlag, Hamburg 2004. 160 Seiten. 12 Euro. Ab zehn Jahren.

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