Zeitung Heute : Die Kranken und die Kasse Ein Geistheiler

in Berlin

Sonja Pohlmann

An Andrzej Nikodemowicz glauben viele Menschen. Er kommt aus Polen, ist 47 Jahre alt, und woher er seine Kraft als „Geistheiler“ hat, kann er nicht sagen. Er habe irgendwann gemerkt, dass eine „besondere Energie“ in ihm fließt, mit der er „bei Menschen etwas bewirke“.

Es ist Wochenende in Berlin, ein Veranstaltungshaus im Stadtteil Wilmersdorf, Esoterikmesse. Nikodemowicz, graues Haar, weißes Hemd, dunkle Weste, nimmt Einzelbehandlungen vor, und er hält einen Vortrag. Dabei soll Heilungsenergie ins Publikum übertragen werden. So viel davon, dass sich die Zuschauer selbst heilen können. Egal, ob sie Migräne, Krebs oder Depressionen haben.

Deswegen ist es im Saal 1 ganz leise, als Nikodemowicz zwischen den Stuhlreihen nach vorne geht. Knapp 70 Leute sitzen hier, vor allem Frauen. Manche von ihnen sind aus Bremerhaven und München angereist. Sie haben oft schon viele Ärzte konsultiert, sie wissen selbst nicht so genau, was ihnen fehlt. Sie brauchen jetzt einfache Lösungen. Und jemanden, der ihnen Hoffnung macht.

Nikodemowicz ist dafür genau der richtige Mann. Seine Weisheiten sind unkompliziert: Nur wenn du glaubst, dann wirst du sehen. Oder: Sei nicht ungeduldig, wenn es dir schlecht geht. Und: Du sollst nicht warten, bist du krank bist. Seine Zuhörer nicken jedes Mal beseelt.

„Jeder muss seine eigene Kraft aktivieren“, wiederholt Nikodemowicz immer wieder. Dann seien die Menschen auch in der Lage, sich selbst zu helfen. Wie das geht, will er an einer Person aus dem Publikum beweisen, die Zuschauerin Krystyna Marden hebt schneller als alle anderen die Hand. Sie hat Grauen Star und muss operiert werden. Der Geistheiler soll das jetzt überflüssig machen.

Nikodemowicz bittet sie nach vorne auf den Stuhl, so dass alle sie sehen können. „Fühlst du dich gut?“, fragt der Geistheiler. Marden nickt und lächelt. Er weist sie an, die Beine parallel nebeneinander zu stellen und die Arme mit den Handflächen nach oben daraufzulegen. Dann soll sie die Augen schließen. Ebenso wie alle anderen Zuschauer. Nikodemowicz fängt leise an zu reden: „Befreit euch von dem, was ihr nicht nötig habt und denkt an das, was ihr nötig habt. Und schenkt euch gegenseitig bedingungslose Liebe.“ Währenddessen formt er mit seinen Händen ein Dreieck über Mardens Kopf und gleitet langsam an ihrem Körper herunter, ohne sie zu berühren. Plötzlich fängt die 56-Jährige an zu zittern.

Als der Geistheiler ihr seine Hände auf Brustkorb und Rücken legt, rollen ihr Tränen übers Gesicht, ihre Mundwinkel beben. Hinterher wird sie sagen, dass ihre Hände erst ganz kalt wurden. Dann habe sie violettes Licht gesehen und warme Energie sei durch ihren Körper geströmt. Es sei ein angenehmes Gefühl gewesen. Doch im ersten Moment schämt sie sich für ihren Gefühlsausbruch. Dabei weinen auch andere Zuschauer. Schließlich hat Nikodemowicz ihnen gesagt, dass sie ihren Körper reinigen und ihr Herz öffnen sollen.

Für Nikodemowicz ist der Glaube an ihn ein Geschäft: Zehn Euro Eintritt kostet die Teilnahme an der Energieübertragung. Wer sich anschließend noch nicht kräftig genug fühlt, kann eine Privataudienz an seinem Messestand buchen. 15 Minuten dauert die Energieübertragung und kostet 50 Euro, inklusive Musik-CD. Nach dem Vortrag bildet sich vor seinem Stand eine Schlange.

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