Zeitung Heute : Die Kratzer bleiben unsichtbar

Wenn er antwortet, dann in kurzen Sätzen. Danach hat man immer das Gefühl, etwas fehle noch. Guido Westerwelle will nicht erkannt werden

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Von Jana Simon

Gelsenkirchen. Wahlkampfveranstaltung. Guido Westerwelle steht in der Halle der Schalke-Arena. Seine Beine sind etwas eingeknickt, die Hüfte hat er ein wenig nach vorn geschoben, den Blick zur Bühne gerichtet. Vorn spricht Jürgen Möllemann, neben ihm trinkt Hans-Dietrich Genscher ein Bier, hinter ihm schreiben Journalisten, vor seinem Gesicht tänzeln Fotografen und Kameramänner. Mehrere Minuten steht Westerwelle einfach nur da, regungslos, wie eingefroren, die Augen immer geradeaus. Jeder Blick könnte gefährlich sein, interpretiert werden. Ab und zu kommt jemand vorbei und bittet um ein Autogramm. Genscher beugt sich vor, fragt nach den n, lächelt. Westerwelle wendet sich ab, setzt schnell sein Autogramm auf das Papier und schaut wieder in die Kameras. Keine Verbrüderung.

Wenn man Guido Westerwelle in diesen Tagen beobachtet, wirkt er oft wie auf der Flucht. In großen Menschenmengen kreuzt er die Arme vor der Brust, die Gesichtszüge stellt er auf irgendetwas zwischen freundlich und distanziert, sein Körper signalisiert Abwehr. Er sieht aus, als würde er am liebsten verschwinden. Sein Freund und Berater Christoph Walther sagt: „Shaking hands und kissing babies ist nicht seins. Er ist ein Kopfmensch.“ Westerwelle mag unübersichtliche Situationen nicht. Jeder Satz, jede Bewegung ist kontrolliert, darauf angelegt, nur das von sich preiszugeben, was er will. Manchmal wirkt er dadurch seltsam künstlich, als prüfe er ständig seine Außenwirkung. Er kontrolliert sich jede öffentliche Minute seines Lebens, und seitdem er Kanzlerkandidat seiner Partei ist, ist fast jede Minute öffentlich. Eigentlich ist er das Gegenteil von Spaß-Guido – nicht gelassen, überhaupt nicht locker. Distanz ist sein Mittel, sein Schutz. Spaß war sein Vehikel zur Macht, dieser Platz war in der deutschen Politik noch nicht besetzt, und damit konnte er seinen Rivalen Möllemann mit dessen eigenen Waffen schlagen. Deshalb saß er bei Big Brother auf der Couch, hat sich die 18 im Schuh einstanzen lassen, ist mit dem „Guidomobil“ gefahren. Er ist 40, er muss den jungen Fröhlichen mimen. „Ich kann doch nicht Wahlkampf machen wie ein 65-Jähriger“, sagt er.

Wenn Guido Westerwelle vor Menschen redet, verändert er sich. Er bleibt angespannt, nur sein Körper erwacht, richtet sich auf, stellt auf „Senden“ um, er gestikuliert, wippt hin und her, strahlt. Jetzt hat er eine Aufgabe – überzeugen, reden. Und reden kann er. Gelsenkirchen ist wichtig, Nordrhein-Westfalen ist wichtig, fast alle Wahlen werden hier entschieden, und hier agiert sein Widersacher Möllemann. Westerwelle spricht viel über Bildung, ein bisschen über Gesundheit, ein wenig über den Irak, sagt, Ausländer müssten sich integrieren und Subventionen gestrichen werden. Joschka fahre im übrigen jetzt auch „mit einem Bus“ durchs Land, und dann erzählt er einen Witz über Angela Merkel. Sie habe mal zu ihm gesagt: „Also, ich an Ihrer Stelle wäre nicht in den Big-Brother-Container gegangen.“ Kurze Pause. „Ja, ich an ihrer Stelle auch nicht“, ruft Westerwelle in die Masse. Er wird diesen Spruch auf jeder weiteren Veranstaltung wiederholen. Er kommt gut an. Die Menge johlt, trampelt, schreit: „Guido, Guido“ und schwenkt Fähnchen mit der Zahl 18 – der magischen Zahl. 18 Prozent. Es grenzt schon an Obsession, wie die FDP in den letzten Wahlkampfwochen diese Zahl stilisiert. Es gibt kein Entrinnen, sie blickt einem von Stickern, Plakaten, Taschen und Mitgliederjacketts entgegen.

Immer auf Abstand

Guido Westerwelle ist die Fleisch gewordene 18, der große Traum der FDP. Er soll die Partei zu einem Sieg führen. Aber er ist allein, der einzige Star, wie seine Parteifreundin Cornelia Pieper sagt: „das Beste, was wir haben“. Und wenn es nicht klappt, wird er der einzige Verlierer sein. Man erzählt sich, dass Mitarbeiter von Möllemann schon jetzt alle Fehler Westerwelles notieren. Für die Zeit nach der Wahl. Man weiß ja nie. In Gelsenkirchen verschwindet Westerwelle gleich nach seiner Rede, er gibt noch ein Fernsehinterview, sonst redet er mit niemandem.

Ein paar Tage später ist Guido Westerwelle unterwegs im Auto in Berlin. Mit strenger Stimme fragt er seinen Fahrer: „Wie lange dauert es noch?“ Mitarbeiter von ihm erzählen, dass er manchmal ziemlich ungeduldig und laut werden kann, gegen Abend mildere sich dann meist seine Stimmung, und er entschuldige sich. Westerwelle hat seine Jacke ausgezogen, neigt sich zu seinem Gegenüber und lächelt viel. Es ist ein Lächeln, das Abstand hält, nicht Nähe schafft. Man ahnt immer, es kann sofort gefrieren. Er sagt viel „man“, selten „ich“. Auch zu sich selbst hält er Distanz. Seine Sätze sind kurz, danach bleibt immer das Gefühl, irgendetwas fehlt noch, etwas bleibt verborgen. Warum setzt sich jemand, der sein Privatleben unbedingt schützen will, der Öffentlichkeit aus? „Ich versuche, Dienst und Privates zu trennen. Von mir wird es niemals Poolfotos wie von Scharping geben.“ Es ist keine Antwort. „Am Anfang war auch nicht klar, dass man einmal in Deutschland nirgends mehr hingehen kann, ohne erkannt zu werden.“ Wer ist Westerwelle? Das ist die meist gestellte Frage in Porträts über ihn. Manchmal wagt er sich vor, enthüllt, wie im „SZ-Magazin“, seine Liebe zu Venedig, lässt sich im weißen Anzug fotografieren, erzählt von Depressionen, die er allein mit einer Sektflasche in der Badewanne bewältigt habe. Beim nächsten Mal möchte er nicht mehr darüber sprechen, verhüllt sich wieder. Man weiß über ihn, dass er mit drei Brüdern beim Vater aufgewachsen ist. Die Ehe der Eltern zerbricht, als er acht ist. Sein Vater ist ein bekannter Anwalt in Bonn, sie telefonieren bis heute mehrmals täglich. Guido Westerwelle nennt ihn „Heinrich“. „Meine Eltern waren unpolitisch“, sagt er. Am Tisch wurde nicht über das Weltgeschehen diskutiert. Ansonsten ist die Familie tabu.

Es heißt, wenn man etwas über einen Menschen erfahren will, muss man dorthin gehen, wo er herkommt. Nach Bonn. Eberhard Brennecke sitzt auf dem Sofa in seinem Schulleiterzimmer zwischen vielen leeren Kartons und raucht Ernte 23. Er ist Direktor der Freiherr-von-Stein-Realschule in Bonn, früher war er der Mathe- und Physiklehrer, später der Klassenlehrer von Guido Westerwelle. Westerwelle war nach einem halben Jahr vom Gymnasium geflogen, weil er mit der Trennung seiner Eltern nicht fertig wurde. Für ihn muss es ein Abstieg gewesen sein. Vielleicht hat er deshalb am Anfang seine Realschulzeit in Interviews verschwiegen. Sein aletr Lehrer hat das genau beobachtet. „Später hat er das dann korrigiert“, sagt er. Heute erwähnt Westerwelle es in fast jeder Rede. Brennecke sieht ihn jetzt manchmal im Fernsehen und wundert sich. „Das hat damals keiner gedacht. Aber ’ne Klappe hatte er immer.“ Westerwelle hatte gute Noten, am Ende der zehnten Klasse schrieb er eine Arbeit mit dem Titel „Einiges über das Pferd“ und bekam den Qualifikationsvermerk fürs Gymnasium.

Den ersten Tag dort wird Helmut Lennarz nie vergessen, morgens hatte er einen Brief vom Anwalt bekommen, seine Nachbarn wollten eine Mauer in seinem Garten einreißen. Unterschrieben war der Brief von Dr. Westerwelle, dem Vater. Kurz darauf stand ihm der Sohn gegenüber. Lennarz war der Jahrgangstufenleiter von Westerwelle am Gymnasium, unterrichtete Deutsch. Bis heute hat er die Geschichte seinem ehemaligen Schüler nicht erzählt. Lennarz ist ein vorsichtiger Mensch, er dachte, jemand könnte denken, er habe den Sohn benachteiligt. Er hat weiße Haare, raucht Pfeife, hat schöne Bilder an den Wänden. Westerwelle sei ein freundlicher Schüler gewesen, nicht auffällig, aber auch nicht unauffällig. Und im Reden sei er immer besser als „im Schriftlichen“ gewesen. „Alle sind davon ausgegangen: Er wird Anwalt wie sein Vater.“

Guido Westerwelle lässt die Schultern sinken. „Ja, die meiste Zeit wollte ich wohl Anwalt werden“, sagt er. Er hat Jura studiert und vier Jahre in seinem Beruf gearbeitet. Die Politik war stärker. Er ist jetzt auf dem Weg zu einer Freundin, Ellen von Hartz-Geitel. Sie hat gerade das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement beim Aufbau eines Kinderkrebszentrums im Virchow-Klinikum bekommen. Westerwelle steigt aus dem Auto, umarmt sie. Hartz-Geitel sagt: „Na, mein Süßer.“ Er lächelt. Wer Westerwelle einmal mit Freunden gesehen hat, weiß, da muss es noch eine andere Seite geben. Er streichelt der Freundin übers Haar, herzt und küsst sie. Westerwelle hat einen alten Freundeskreis, mit dem er ständig telefoniert und über Jahre Kontakt gehalten hat. „Ich bin Single. Meine Freunde sind meine Familie“, sagt er. Im Virchow-Klinikum hält er eine kurze Rede, danach geht er von der Bühne, nimmt den Kopf von Hartz-Geitel in beide Hände und küsst sie auf die Wangen. Ein kurzer Kontrollverlust.

Im Auto ist er wieder freundlich, aber distanziert. Er spielt die Rollen seines Lebens perfekt. Vielleicht ist es deshalb so schwierig zu sagen, was echt ist und was künstlich. Manche aus seinem Umkreis, die ihren Namen nicht lesen wollen, sagen, er habe das wirkliche Leben nie kennen gelernt. Seit er 18 ist, macht Westerwelle mehr oder weniger Politik, bewegt sich in der Öffentlichkeit, in den Medien. Warum ist er eigentlich in die Politik gegangen? Niemand, weder seine alten Freunde, noch seine Lehrer können sich daran erinnern, dass er vorher je viel über Politik diskutiert hätte.

Eines Samstags 1980 erschien er bei Hartmut und Liane Knüppel in Bonn, er hatte einen Artikel über die Jungen Liberalen in der Zeitung gelesen und wollte mitmachen. Knüppels sind acht Jahre älter als er und seine ersten Förderer. Hartmut Knüppel setzte Westerwelle später als Pressesprecher der Jungen Liberalen durch. Im ersten Wahlgang war er nicht gewählt worden. Knüppel trat vor und sagte: „Ihr wählt den jetzt.“ Die Jungen Liberalen waren eine neue Organisation, in der man schnell aufsteigen konnte. Mit 21 wurde Westerwelle Bundesvorsitzender. Es ging immer weiter nach oben, unaufhaltsam, fast ohne Niederlagen. „Ihm fehlen die Kratzer“, sagt Rivale Möllemann.

Westerwelle verdrängte Wolfgang Gerhardt von seinem Parteivorsitz und besiegte schließlich Möllemann auf dem Düsseldorfer Parteitag 2001. Möllemann hielt damals eine Rede, die die Delegierten vor Begeisterung auf die Stühle trieb – Strategie 18 Prozent, eigener Kanzlerkandidat. Offener Machtkampf. Guido Westerwelle zog sich zurück, er soll irgendwo im Gebäude auf einer Liege gelegen haben. „Er hat instinktmäßig reagiert“, erinnert sich Liane Knüppel. Und dann hielt er die Rede seines Lebens. Er schloss mit den Worten: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt – und das bin ich.“ Er hatte gewonnen.

Alles scheint so glatt, gab es nie Krisen, Rebellion? Westerwelle lächelt: „Wollen Sie jetzt die Geschichten vom frisierten Moped?“, fragt er. Gern. Er lächelt wieder und schweigt. Es gibt ein Foto von ihm und seinem Freund Werner Hümrich, da müssen sie 14, 15 gewesen sein. Sie sitzen beide in einem roten Schlauchboot auf dem Strand. Westerwelle hat blonde, halblange Locken, trägt Jeans, ein T-Shirt mit Stars and Stripes, Holzklocks an den Füßen, und in seinem rechten Mundwinkel hängt verwegen eine Zigarette. Hümrich hat das Originalfoto einer Zeitung gegeben, er hat nur noch die Kopie. Er ist heute Kreis- und Fraktionsvorsitzender der FDP in Bonn.

Mann ohne Leidenschaften

Werner Hümrich sitzt im Bonner Café Miebach und isst ein Stück Pflaumenkuchen, er hat dunkle Haare, trägt Brille und einen violetten Schlips. Er kennt Westerwelle seit der fünften Klasse der Realschule. Heute ist er Familienvater und nennt seinen Freund noch immer beim Nachnamen, wie Jungs das in einem bestimmten Alter machen. Sie hatten denselben Schulweg und gehörten zur gleichen Clique. Es gab da noch die „Ökos“, aber mit denen hatten sie nie viel zu tun. „Wir organisierten Feten an den Wochenenden“, sagt Hümrich. An die Musik kann er sich nicht mehr erinnern. „Die Beatles, glaube ich, und Simon und Garfunkel.“ Getanzt hätten sie eigentlich auch nicht. Sie fuhren zusammen in den Urlaub, zelten nach Frankreich. „Das war unser Abenteuer“, sagt Hümrich. Sie übernachteten auf Campingplätzen, achteten aber darauf, das diese „vom ADAC empfohlen“ worden waren. Abends zogen sie sich schick an und gingen essen, außerhalb des Zeltplatzes. Ein bisschen Wein tranken sie auch, aber nicht zu viel. Aus dem Mund von Werner Hümrich klingt alles unbeschreiblich harmlos. Ein Idol, irgendetwas, wofür Westerwelle schwärmte, fällt ihm nicht ein. Keine Leidenschaften, nirgends. Schröder, Stoiber, Fischer stammen aus der Unterschicht. Es war ihr Antrieb, sich nach oben zu kämpfen. Was treibt Westerwelle?

„Ich kann mir nicht vorstellen, noch mit Ende 20 Steine zu werfen und Polizisten zu verprügeln“, sagt er. Es ist das einzige Mal im Gespräch, dass er sehr nachdrücklich wird. Er will den Unterschied zwischen sich und Joschka Fischer, dem Grünen, dem 68er, deutlich betonen. Mit dem hat er nichts gemein. „Ich wäre nie Ho Chi Min oder anderem Massenmördern hinterhergerannt“, sagt er. Mit Mitte 20 habe er schon gearbeitet und sei auf dem Weg zu einem „ordentlichen Mitglied der Gesellschaft“ gewesen. Westerwelle – der Normalo, Fischer – der Chaot. Starke politische Leidenschaften sind ihm sehr fremd, sie gehören in eine andere Welt, in eine andere Zeit.

Westerwelle sagt von sich, er habe starke innere Einstellungen und Werte wie Glaubwürdigkeit, Respekt vor dem Alter und vor Leistung, der Kraft des Einzelnen. Manchmal hat man den Eindruck, im Politischen fehle ihm dieser innere Kompass. Bei der Antisemitismus-Debatte mit Möllemann hat er zum Beispiel zu lange gezögert, vielleicht nicht wirklich die Tragweite gespürt. Westerwelle sagt, gerade in dieser Frage habe er nicht gezögert. „Aber man muss auch die Partei zusammenhalten.“

Auf dem Parteitag zwei Wochen vor der Wahl im Berliner Estrel-Hotel sitzt Guido Westerwelle zwischen den Alten seiner Partei, er sieht aus, als sei er versehentlich im falschen Saal gelandet. Kurz vor Westerwelles Auftritt läuft ein Videoclip: Guido auf dem Fahrrad, Guido lässt Steinchen übers Wasser springen, Guido in der Kunstausstellung. Guido Superstar. Vor seiner eigenen Partei wirkt die Show seltsam. Sie haben ihn doch schon gewählt. Die Grenzen zwischen Medium und Person verwischen immer mehr. Welcher Guido ist jetzt eigentlich echt? Der Moderator kündigt ihn mit den Worten an: „nun das Original“.

Westerwelle reckt beim Reden immer das Kinn ein wenig vor, manchmal formt er seine Hände zu einem Boot, manchmal schlenkern seine Hände weich hin und her, im nächsten Augenblick zwingt er sie zur Faust. Er sagt wieder viel zum Thema Bildung, das ist sein Thema. Die anderen Parteien haben das irgendwie vernachlässigt. Er macht sich über das Kanzlerduell lustig, bei dem er so gern dabei gewesen wäre: „Ein Feuerwerk von Geistesblitzen.“ Bei traurigen Themen wie der Flutkatastrophe und Subventionsstreichungen legt sich wie bei allen Politikern Betroffenheit auf seine Stimme, er wird langsamer und leiser. Er macht wie immer keine eindeutige Koalitionsaussage. Die FDP will mitregieren. Am Ende klatschen die Delegierten, manche stehen auf. Westerwelle verharrt kurz im Applaus, streckt die Arme nach oben, dann verschwindet er sofort. Im Verschwinden ist er wirklich gut.

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