Zeitung Heute : Die Kreatur achten

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner hat eine Flitterwoche (nur eine, weil die Frau so viel arbeiten muss) und ist nach Südfrankreich gefahren. Sein Freund Stephan, ein Kurpfälzer, wohnt seit zehn Jahren in Frankreich und ist Deutschlehrer. Er hat also nicht allzu viel zu tun. Stephan ist unlängst nach Nîmes gezogen. In Nîmes gibt es eine Arena, original römisch, perfekt erhalten. Früher wurden dort Christen gebraten. Heute werden nur noch Stiere umgebracht.

Da es Pfingsten ist und dann die wichtigste Corrida veranstaltet wird, hat Stephan zwei Karten besorgt, für sich und den Neuberliner. Stephan instruiert den Neuberliner: Ein befreundeter Südfranzose habe ihm empfohlen, als Corrida-Neuling solle man immer klatschen, wenn die Aficionados klatschten, und sich ansonsten unauffällig verhalten.

Nach dem Tod des ersten Stiers ist dem Neuberliner ein wenig übel. Fünf Stiere hat er noch vor sich. Er sagt zu Stephan, wenn ihm, Stephan, übel sei, würde er mit rausgehen. Aber Stephan sagt, ihm sei nicht übel.

Nach sechs toten Stieren hat der Neuberliner eine Ahnung davon, was der Stierkampf bedeutet. Die Inszenierung des Kampfethos’ zeigt, dass der Mensch zwar Herr über die Natur ist, dass das aber nicht ohne Risiko zu haben ist. Und dass das Wissen hierum seine Kultur ausmacht, unabhängig vom Grad der angeblichen Zivilisiertheit. Der Neuberliner denkt auf dem Nachhauseweg, dass jeder, der Fleisch isst, einmal ein Massenschlachthaus und einmal den Stierkampf besuchen sollte.

Zurück in seiner heimatlichen Großstadt sitzt er mit dem Kurpfälzerstammtisch unter dem Kirschbaum im Volkspark am Weinberg. Der Schriftsteller E. sitzt im Schneidersitz auf dem Rasen und lässt sich die Mai-Sonne auf die Glatze scheinen. Ein kleines Hündchen schnuppert neugierig an E.s Knie. E. sagt: „Geh weg, du kleine, hässliche Kreatur.“ Das Hündchen entfernt sich ein paar Schritte vom Schriftsteller, überlegt es sich anders, tippelt zurück und hebt sein Beinchen an E.s Knie. Der Neuberliner denkt, dass jeder, der Fleisch isst, einmal gründlich über dieses Ereignis nachdenken sollte.

Seien Sie nett zu Stieren und zu kleinen Hunden! Mit letzteren kann man das fantastisch üben im Volkspark am Weinberg.

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