Zeitung Heute : „Die Krebsmedizin muss verbessert werden“

Der Tagesspiegel

Professor Weißbach, Sie haben vor zwei Jahren die Leitung der Deutschen Krebsgesellschaft übernommen. Damals haben Sie öffentlich kritisiert, dass die Krebsbehandlung in Deutschland Mängel hat. Sie haben darauf hingewiesen, dass Krebs bald die Todesursache Nummer eins sein wird, wenn nicht mehr unternommen wird. Welche Bilanz ziehen Sie heute, nach Ihrer Präsidentschaft und am Ende des 25. Deutschen Krebskongresses?

Dass Krebs zur häufigsten Todesursache wird, hat damals ungläubiges Staunen ausgelöst. Aber wir konnten uns auf die Hochrechnungen von Epidemiologen, auf Krankheitsforscher berufen. Rolf Kreienberg, mein Nachfolger, hat diese Zahl aufgegriffen und nochmal dringlich gemahnt, dass sich in der Krebstherapie, vor allem Ihrer Organisation und Qualität, einiges ändern muss.

Sie haben Ihre Kritik in acht Thesen zusammengefasst. Hat sich etwas zum Positiven verändert, zum Beispiel bei der von Ihnen angeprangerten mangelnden Zusammenarbeit der ärztlichen Fachgruppen?

Wir haben damals fachübergreifende Kongresse zu Brustkrebs und zu Prostatakrebs organisiert. Diese Zusammenarbeit zwischen den Fachgruppen hat sich in der Praxis ganz gut bewährt. Es wird also nicht mehr von einer Gruppe die Therapierichtung festgelegt, sondern interdisziplinär. Das breitet sich aus. Aber: Ich sehe mit Sorge, dass auf diesem Kongress Veranstaltungen stattfinden, die nicht fachübergreifend besetzt sind. Es ist nicht einfach, über die Grenze seiner Disziplin hinauszublicken.

Wie hat denn die Krebsmedizin überhaupt auf Ihre Äußerungen reagiert? Es ist ja alles andere als üblich, dass der Präsident einer deutschen medizinischen Fachgesellschaft von sich aus Selbstkritik in der Öffentlichkeit übt.

Die Kollegen waren verschreckt und zunächst eher ablehnend, haben aber noch auf dem Kongress vor zwei Jahren das Ruder herumgeworfen und sich zumindest bei zwei Themen zu einer Diskussionsrunde zusammengefunden. Das eine waren die Tumorzentren und das andere die Früherkennung. Meinen Nachfolgern muss ich das Kompliment machen, dass sie meine Thesen aufgegriffen und zur Arbeitsgrundlage gemacht haben.

„Tumorzentren sind in der jetzigen Form ohne Zukunft", haben Sie damals gesagt. Dabei sollen diese Zentren die Patientenbehandlung und die Forschung enger zusammenbringen.

Die Deutsche Krebshilfe hat meine Kritik aufgegriffen und die Unternehmensberatung Roland Berger beauftragt, zunächst fünf Tumorzentren zu begutachten. Das ist nun geschehen, auch wenn es zunächst mit Argwohn betrachtet wurde. Jetzt sind auch alle anderen bereit, sich begutachten zu lassen.

Was kann man denn zur Qualität dieser Tumorzentren sagen?

Das Ergebnis ist vertraulich. Aber es haben sich deutliche Qualitätsunterschiede gezeigt. Da gab es auch Leistungseinbrüche. Man wird in Zukunft bei den Tumorzentren strengere Bewertungsmaßstäbe anlegen müssen, um sie zu der Qualität zu bringen, die notwendig ist, um in der Bevölkerung das zu bewirken, was sie von einem Tumorzentrum erwartet – nämlich ein qualitätsorientiertes Behandlungs- und Informationsangebot.

Zu teuer und nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert, haben Sie über die Krebs-Früherkennung geurteilt.

Das betraf bei der Frau die Mammografie zur Brustkrebsvorsorge und beim Mann die Früherkennung des Prostatakrebses. Man muss sagen, dass eine flächendeckende Diskussion zur Mammografie eingesetzt hat, dass kritisches Bewusstsein entwickelt wurde. Beim Prostatakrebs haben sich die Fachgesellschaften zusammengesetzt und eine Leitlinie entwickelt. Die ist wissenschaftlich begründet und hat verbindlichen Charakter. Wir empfehlen, die Tastuntersuchung der Prostata durch eine Blutuntersuchung, den PSA-Test, zu ersetzen. Jetzt hoffen wir, dass die Krankenkassen mitziehen.

Sie haben angeprangert, dass viel zu wenige Patienten bereit sind, an Therapiestudien mit neuen Medikamenten teilzunehmen.

Diese Kritik schloss auch die Ärzte ein. Es hat sich daraufhin eine Patienteninitiative gegründet, die heute für die Teilnahme an wissenschaftlichen Studien wirbt. Dank der guten Zusammenarbeit mit der Presse ist die Negativdarstellung, was klinische Studien angeht – Kranke werden zu Versuchskaninchen geldgieriger Ärzte – nicht mehr aktuell. Die Betroffenen wissen heute, dass es nur über klinische Studien möglich ist, an neue wertvolle Produkte zur Krebsbehandlung heranzukommen.

Wie bewerten Sie neue Therapien?

Auch auf dem jetzt beendetetn Krebskongress ist glücklicherweise die ganze Gen-Euphorie herausgelassen worden. Wir sind in der Gentherapie nicht sehr viel weiter, außer dass wir Todesfälle in den USA hatten. Aber in der molekularbiologisch begründeten Therapie gibt es sehr wohl Fortschritte.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Das Medikament Glivec. Auf dem letzten amerikanischen Krebskongress wurde berichtet, wie das Mittel bei einer finnischen Patientin mit einem metastasierten Magentumor, der normalerweise innerhalb von Monaten tödlich ist, eingesetzt wurde. Die Patientin wurde geheilt. Glivec ist innerhalb von drei Monaten in den USA zugelassen worden, Deutschland hat nachgezogen. Die Tumoren schmelzen zusammen, und das geht so schnell, dass wir manchmal Probleme mit Blutungen haben. Aber die Patienten sterben nicht mehr, jedenfalls nicht in dem Zeitraum, den wir bisher überblicken.

Glivec ist hauptsächlich für eine bestimmte Form von Blutkrebs entwickelt worden.

Ja, aber es wird auch bei einer Reihe anderer Krebsformen erprobt. Etwa bei bestimmten Magen-Darm-Tumoren und beim Prostatakrebs. Es ist zu erwarten, dass weitere Substanzen folgen, die ähnlich wie Glivec gezielt gegen bestimmte Eigenschaften des Tumors wirken. Auch bei einem Impfstoff gegen Nierenzellkrebs gibt es erste Erfolge.

Werden die Sorgen der Patienten heute ernster genommen?

Daran hat es ja lange Zeit gefehlt. Es ist das Verdienst der regionalen Krebsgesellschaften und der Deutschen Krebshilfe, dass sie Beratungsstellen eingerichtet haben, um solche Patienten aufzufangen. Innerhalb der Deutschen Krebsgesellschaft ist eine eigene Sektion für Selbsthilfegruppen gegründet worden, und manche Fachgruppen laden die Selbsthilfegruppen inzwischen zu ihren Kongressen ein. Andere tun sich noch schwer damit. Aber der Prozess ist in Gang gekommen.

Was erhoffen Sie sich von der Politik?

Die bisherigen Versorgungsstrukturen müssen verändert werden. Es fehlt nur an Mut, diesen Stukturwandel zu vollziehen. Wir sprechen seit fünf Jahren von der besseren Vernetzung zwischen Krankenhaus und Arztpraxis, und es hat sich überhaupt nichts getan.

Was heißt das konkret?

Wir haben zuviele Fachärzte, die eine kostspielige und nicht qualitätsgesicherte Medizin machen. Der Hausarzt sollte der Lotse des Patienten werden, die Fachärzte sollten sich in Ambulatorien zusammenschließen oder an Krankenhäuser anbinden und so zu besserer Qualität gelangen.

Was kritisieren sie an Fachärzten ganz besonders?

Wir haben erwartet, dass sie nach wissenschaftlich begründeten Leitlinien behandeln. Das tun sie oft nicht. Viele haben Angst, juristisch belangt zu werden, wenn sie eine bestimmte Untersuchung nicht anordnen, obwohl die gar nicht nötig ist. Die Leitlinien werden durchbrochen, und dann wird die Diagnostik ausgeweitet, ohne dass das begründet wäre. Zu uns kommen Patienten in den frühen Stadien des Prostatakrebses, die schon ein Knochenszintigramm oder eine Positronenemissionstomografie hinter sich haben. Es wird alles gemacht, was teuer ist.

Was kann die Deutsche Krebsgesellschaft tun, um die Situation zu verbessern?

Wir wollen vor allem eine Zertifizierung der Fachärzte, um auf diese Weise die Qualität zu verbessern. Ich selbst glaube, dass wir zuviele Medizinstudenten haben. In anderen europäischen Ländern wird dagegen nur nach Bedarf ausgebildet.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

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