Zeitung Heute : Die Krieger sind müde

Seit 17 Tagen herrscht Krieg im Irak. Auf beiden Seiten gibt es Tote und Verletzte. Aber die Militärs haben auch ganz alltägliche Probleme. Die kämpfenden Soldaten gehen bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Und manchmal auch darüber hinaus.

Malte Lehming[Washington]

KRIEG IM IRAK – WIE FIT SIND DIE US-TRUPPEN?

Sie mussten wachsam sein bei Tag und Nacht, haben gekämpft, sich vorgearbeitet und kaum ein Auge zugetan. In 17 Tagen bis Bagdad: Das ist ein langer, beschwerlicher Weg, der in kurzer Zeit zurückgelegt wurde. Geht den US-Soldaten jetzt, da sie vor der entscheidenden Schlacht stehen, die Puste aus? „Wir sind an einem Punkt angelangt, wo die 3. Infanteriedivision dringend eine Pause braucht“, warnte am Sonntag in der „Washington Post“ ein amerikanischer Strategie-Experte. „Wir müssen auf frische Einheiten warten, bevor Bagdad abgeschnürt und erobert werden kann.“ Das ist keine Einzelstimme. Das große Thema in diesen Tagen heißt – Müdigkeit.

Zwei Faktoren kommen zusammen. Da ist, erstens, die relativ geringe Zahl von Soldaten. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat auf Hochtechnologie, Mobilität und wenige Truppen gesetzt. Nur ein Drittel der Streitmacht, die vor zwölf Jahren den Irak aus Kuwait vertrieb, soll diesmal das ganze Land erobern. Die Hauptlast des Bodenkrieges schultert – neben Spezialkräften, den Briten, der „101st Airborne Division“ und den Marines – die 3. Infanteriedivision. Doch deren Einheiten sind nun erschöpft. Die 4. Infanteriedivision, die ursprünglich von der Türkei aus einmarschieren sollte, ist zwar auf dem Wege, aber erst in zwei Wochen vor Ort.

Der zweite belastende Faktor ist die Art des Krieges. An sich sind 17 Tage keine lange Zeit. Der erste Golfkrieg dauerte sechs Wochen, Afghanistan neun Wochen, Kosovo elf Wochen. Doch diese Feldzüge bestanden im Wesentlichen aus Luftangriffen und Dauerbombardements. Erst ganz am Ende wurden Bodentruppen eingesetzt. Jetzt dagegen muss nicht nur eine Armee geschlagen, sondern ein ganzes Land besetzt werden. Luftwaffe und Armee kämpfen gleichzeitig. Das ist weitaus anstrengender und fordert erheblich mehr Koordination und Konzentration. Die hohe Zahl von Toten durch „friendly fire“, wie am Sonntag wieder im kurdisch beherrschten Norden des Landes, zeigt die Gefahren dieser Strategie. Durch Überanstrengung häufen sich „menschliche Irrtümer“.

Dauerhafter Schlafentzug kann verheerende Auswirkungen haben. Das zentrale Nervensystem wird beeinträchtigt, Konzentration, Erinnerung und Koordination lassen nach. Das hat oft tödliche Fehleinschätzungen zur Folge. „In modernen Kriegen müssen immer weniger Soldaten immer komplexere Aufgaben bewältigen“, sagt John Caldwell, der an einer Luftwaffenbasis in Texas an Programmen zur Überwindung der „Kriegsmüdigkeit“ arbeitet. Als Rezept empfiehlt er ein hohes Maß an Automation, so genannte „power naps“ – am besten sind zwei Stunden Kurzschlaf, wirksam sind bereits 45 Minuten – sowie spezielle Aufputschmittel. Die Verabreichung von Medikamenten freilich ist umstritten. Im Irak-Krieg haben die USPiloten weite Strecken zu überwinden. Einsätze von Flugzeugträgern aus werden rund um die Uhr geflogen. Medizinisch erlaubt ist eine tägliche Gesamtdosis von 30 Milligramm Dextroamphetamin. Das ist eine Form von „speed“. Solche Medikamente würden die Fehleranfälligkeit der Piloten erheblich senken, sagt Caldwell. Doch vielleicht steigern sie sie auch? Im Afghanistan-Krieg töteten zwei US-Piloten aus Versehen vier kanadische Soldaten. Die Piloten waren voll gepumpt mit Amphetaminen.

Am schlimmsten jedoch wirkt sich Schlafentzug meistens nicht während der Kampfhandlung, sondern danach aus. In der Schlacht selbst helfen körpereigene Adrenaline. Erst anschließend werden die Soldaten von der Müdigkeit übermannt. Oft schlafen Piloten auf dem Rückflug ein, Panzerfahrer steuern ihr Gefährt in den Graben, auf dem Feld eingenickte Soldaten werden frühmorgens von nachgerückten eigenen Verbänden überrollt. Viele tragische Unfälle geschehen auf diese Weise.

Was ist Schlafentzug? Als normal gelten täglich acht Stunden Schlaf. Wer 24 Stunden lang gar nicht schläft, verliert 25 Prozent seiner geistigen und körperlichen Funktionstüchtigkeit. „Wer in solchem Zustand ein Problem lösen muss“, sagt David Dinges vom Schlaf-Forschungszentrum der Uni Pennsylvania, „versucht es auf dieselbe Weise immer und immer wieder. Ein übermüdeter Mensch sucht nicht mehr kreativ nach Alternativen.“ Derselbe Effekt tritt ein, wenn über einen längeren Zeitraum zu wenig geschlafen wird. Wer indes bestimmte Kurzschlaftechniken beherrscht, kann viele Defizite ausgleichen. Deshalb wird allen US-Soldaten empfohlen: Schlaft so oft und so lange, wie ihr könnt. Jeder Schlaf ist besser als kein Schlaf.

Die Warnung gilt besonders für die kommenden Tage. Denn die Eroberung von Bagdad verlangt den US-Soldaten ein Höchstmaß an Konzentration ab. Schließlich gibt es kaum etwas Komplizierteres als den Häuserkampf. Die Amerikaner wollen erfolgreich sein und die Zahl der eigenen und zivilen Toten niedrig halten. Zu den Schwierigkeiten kommt das weit verzweigte Tunnelsystem von Saddam Hussein hinzu. Ein Teil der Kämpfe wird womöglich unterirdisch geführt werden müssen. Einer der prominentesten irakischen Dissidenten, der ehemalige Nuklearwissenschaftler Hussein Shahristani, hat im Februar in einem CBS-Interview erzählt, das Saddam-Regime könne sich in einem „mehr als hundert Kilometer langen, verbundenen Tunnelnetzwerk“ verschanzen.

Im Pentagon ist man bestrebt, für jedes Problem eine Lösung zu finden – gegen die Bunker die Bunker-Bomben, gegen die Müdigkeit die Erfahrungen aus der Tierwelt. Deshalb wurde die „Defense Advanced Research Projects Agency“ eingerichtet – kurz Darpa. Seit kurzem wird dort eingehend das Gehirn bestimmter Vogelarten untersucht, die auf ihren Wanderungen tagelang ohne Schlaf auskommen. Delfine wiederum lassen jeweils nur eine Gehirnhälfte einschlafen, während die andere wacht. Die Darpa-Wissenschaftler sind optimistisch: Falls es ihnen gelingt, die Schlafgewohnheiten dieser Tiere zu verstehen, könnten US-Soldaten vielleicht eines Tages rund um die Uhr kämpfen, ohne müde zu werden. Vor dem nächsten Krieg ist mit einem Durchbruch allerdings nicht zu rechnen.

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