Zeitung Heute : Die Krise der Reporter - "Peace-Journalists" tagten in Berlin

Caroline Fetscher

Unter Kriegsreportern erzählt man sich den Witz von dem Kollegen, der ins Flüchtlingslager stürmt, ein Kamerateam im Schlepptau. Das Mikro in der Hand, ruft er: "Anybody here who was raped and knows English?!" (Ist hier jemand, der vergewaltigt wurde und englisch spricht?).

Weltweit verändert sich der Charakter von Kriegen und Krisen und mit ihm ändert sich die Rolle der Medien. Kriege und Krisen erscheinen nach dem Zerfall des Ostblocks eruptiver, regionaler und unübersichtlicher, weniger von Ideologien getrieben, man spricht von "Patchwork-Krisen". Den Medien, die immer industrialisierter werden, geht es beim globalen Krisen-Hopping mehr und mehr um Bilder, die wie Blitze über den Bildschirm gejagt werden. Analysen verkümmern, ethnische und religiöse Klischees über "Stammeskämpfe" in Ruanda, "Muslims" in Bosnien oder Kosovo, "Katholiken" in Indien oder Nordirland verhüllen die politischen und historischen Hintergründe der Ereignisse.

Die Krise wird Ware. Und der Krisenjournalismus selbst ist in der Krise. Das fanden die Veranstalter der internationalen Konferenz "Medien im Konflikt - Mittäter oder Mediatoren?". Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte in Berlin zum Thema geladen, einen ganzen Tag lang, in großzügigem Rahmen, mit exzellenten Wissenschaftlern und Reportern aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa.

Hannes Siefert, Journalist aus Johannesburg, erläuterte die Verantwortung der Medien, die in kriegerischen Konflikten, - dann wenn die Parteien nicht mehr kommunizieren -, oft die einzige Quelle der Information übereinander sind. Diese Macht ist kaum zu überschätzen. Ihretwegen war das Hören des "Feindsenders" BBC während der NS-Zeit ein Kapitaldelikt.

Siefert und andere Gäste bemühen sich um einen Paradigmen-Wechsel bei der Berichterstattung, der in anglophonen Medien wie dem Londoner "Guardian" als "Peace-Journalism" bezeichnet wird. Peace-Journalism ist der bewußte Versuch, Konflikte präziser zu benennen, lösungsorientiert, langfristig und selbstreflexiv. Um den Prozess soll es gehen, weniger das singuläre "Event", wie es der sogenannte "Parachute-Journalism" oder "Body-count-Journalism" feiert, mit seiner gängigen Dynamik: Hinfahren, Flammen filmen, Leichen zählen, wegfahren. Leser und Zuschauer sollen sich ein Bild auch positiver Entwicklungen machen, sie sollen auch nach der Krise ("Was ist inzwischen eigentlich los in Mosambik?" fragte einer) Informationen über Prozesse der Konflikbewältigung erhalten. In den Medien sei "das Ausland ohne Alltag", erklärte ARD-Korrespondentin Sonia Mikich.

Jake Lynch, aktiver "Peace-Journlist" und Korrespondent des britischen Fernsehsenders Sky-News, berichtete über die Manipulationen der Medien durch die Nato während des Kosovo-Krieges, den er aus Brüssel verfolgte. Freimütig bekannte Lynch, wie er zwar darauf hereinfiel, zugleich aber versuchte, die Implikationen der typischen indirekten Sprache ("In Nato-Kreisen heißt es... ") zu umschiffen, einer Sprache, die Distanz vortäuscht, in Wahrheit aber sowohl die Positionen einer Konfliktpartei als richtige suggeriert, wie den Sprecher als "dicht an der Quelle". Eindringlich riet Lynch dazu, dem Publikum größtmögliches Misstrauen gegenüber "News" beizubringen.

Annabel McGoldrick war als Nordirland-Reporterin beim "Economist". Sie warnt vor der Suggestivkraft bösartiger Fragen in Interviews ("Würden Sie gern ein Haus anzünden?"), während man mit Fragen nach den persönlichen Vorstellungen friedlichen Zusammenlebens mit dem jetzt verhassten Nachbarn oder Feinden Blick über den Konflikt hinaus erweitern kann, und die emotionalen Gräben nicht noch vertieft.

Was sollen wir Journalisten noch alles leisten? Bettina Gaus, langjährige Afrika-Korrespondentin, fand den Anspruch der anglophonen Kollegen "nahezu hochmütig". Es ginge nur darum, guten, professionellen Journalismus zu machen, den Job dürfe man nicht mit Mittlerfunktionen überfrachten; noch dürfe man dem Aufzeigen guter Ereignisse die Bilder der Opfer opfern.

Hannes Siebert beendete den Tag mit einem Vortrag, der Friedensforschern den Atem nahm. Ein lokales Experiment mit Medien: In einem Township in Südafrika gab er zwei Gruppen, die miteinander im Bürgerkrieg lagen, jeweils eine Kamera, und ließ sie ihr Leben filmen. Zugleich unterzogen sich Jugendliche beider Gruppen separat einem Peace-Training. Die Filme verband Siebert zu einem und lud beide Gruppen zur Premiere - "eine riskante Sache." Verblüfft und bewegt erkannten die Zerstrittenen einander, wie im Spiegel. Sie schlossen Frieden.

Übrigens: Wo wart Ihr, Kollegen aus der Pressestadt Berlin? Die "großen" Medien fehlten als Gäste auf dieser Tagung. Geladen waren sie alle. Ist da niemand, der im Krisengebiet war, und drüber nachdenken will, was wir da machen?

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