Die Krise : Kurs Frieden

Der Blick in den Abgrund, er ist an den Finanzmärkten beinahe zur Gewohnheit geworden in diesen Tagen. Aktien werden wahllos verschleudert, Milliardensummen verschwinden einfach, die Zukunft wird schwarz. In einer solchen Zeit erinnert der Friedensnobelpreis für Finnlands Ex-Präsidenten Martti Ahtisaari daran, dass es noch andere Werte im Zusammenleben der Völker gibt.

Carsten Brönstrup

Der Blick in den Abgrund, er ist an den Finanzmärkten beinahe zur Gewohnheit geworden in diesen Tagen. Aktien werden wahllos verschleudert, Milliardensummen verschwinden einfach, die Zukunft wird schwarz. In einer solchen Zeit erinnert der Friedensnobelpreis für Finnlands Ex-Präsidenten Martti Ahtisaari daran, dass es noch andere Werte im Zusammenleben der Völker gibt. Kein Sterben mehr im Kosovo, ein unabhängiges Namibia nach Jahren der Besatzung durch Südafrika, Vermittlung zwischen den Konfliktparteien in Nordirland und im Irak – vor der Lebensleistung Ahtisaaris verblassen die Aktiencrashs und Bankenpleiten dieser dramatischen Woche für den Moment.

Und doch haben die Bewahrung des Friedens und die Bekämpfung der Finanzkrise mehr miteinander zu tun, als uns allen angenehm ist. Wie der Krieg das Leben der meisten Beteiligten ruiniert, so steckt auch in dieser Finanzkrise die Gewalt des Zerstörerischen. Bisher hat niemand ein Mittel gefunden, das dem Schrecken ein Ende setzen könnte – weder global abgestimmte Zinssenkungen noch milliardenschwere Hilfspakete für die Finanzindustrie oder Garantien von Politikern für das Ersparte der Bürger. Nicht einmal die Verstaatlichung von Banken, ein Schritt, der in den meisten Ländern bislang als sicherer Weg in den Marxismus galt, scheint den Orkan aufhalten zu können. Alles verpufft, Panik regiert, und jeder neue Rettungsversuch wird als Zeichen gewertet, dass die Lage noch dramatischer ist als zuvor befürchtet. Die Angst nährt die Angst, Politiker und Zentralbanker bringen Unruhe, wo sie doch Stabilität wollen. Ein Teufelskreis.

Längst beunruhigt die Finanzkrise deshalb auch Menschen, für die Termingeschäfte und Spekulationsgewinne aus einer anderen Welt sind. Sie fürchten um die Stabilität ihrer Bank, um den Wert des Geldes, um den Arbeitsplatz, um die Zukunft. Daraus erwächst zwar noch kein Krieg, zumindest aber Unfrieden – wenn Bürger gegen verantwortungslose Banker wettern und die Armen sich noch weiter ausgegrenzt fühlen.

Die großen Industriestaaten und die wichtigsten Wirtschaftsorganisationen der Welt haben es an diesem Wochenende in der Hand, ein Zeichen zu setzen gegen diese Angst. Bei ihrem Gipfeltreffen in Washington müssen sie mehr als nur den Anschein erwecken, dass sie sich gemeinsam gegen das Unheil stemmen – und dass sie von dem Versuch ablassen, den längst globalisierten Turbulenzen mit Rettungspaketen auf nationalstaatlicher Ebene zu begegnen. Damit können sie den Unterschied machen, auch zu 1929. Der damalige Börsenkrach ist auch darum zur Weltwirtschaftskrise eskaliert, weil jede Regierung für sich allein kämpfte, jeder Staat versuchte, seine Unternehmen mit Zöllen schützen.

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und seine Kollegen müssen beweisen, dass sie daraus gelernt haben. Allen muss klar sein, dass die Aufräumarbeiten gerade erst begonnen haben. Und dass ein gemeinsames Vorgehen nicht billig wird, schon gar nicht für Deutschland. Reicht es in Washington nur zu einem Formelkompromiss, drohen anders als in den Jahren nach 1929 keine Kriege oder Eiszeiten. Eine schlimme Rezession wäre aber so gut wie sicher. Sie würde das wachsende Misstrauen zwischen den Großmächten noch verstärken, ebenso wie die Blockbildung in der Welt, nationale Egoismen und die Konflikte um knappe Rohstoffe. Das ist die Alternative, die am Wochenende zur Wahl steht – die aber niemand wollen kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben