Zeitung Heute : Die Krisenmeister

Schief gegangen. Ein Weltstadtklub sollte Hertha BSC werden. Jetzt wartet die Mannschaft seit zwölf Spielen auf einen Sieg, und es wird einfach nichts mit dem großen Fußball in Berlin

Sven Goldmann

Acht Fahnen flattern im Wind. Es sind blaue Fahnen, sie tragen den Schriftzug „play berlin“ und das Emblem von Hertha BSC. Sie wehen auf dem Alexanderplatz, eine gute Wahl, denn nirgendwo sonst in Berlin ist es so zugig, die Fahnen sind immer in Bewegung. Es nimmt sie nur niemand zur Kenntnis. Auf dem Alexanderplatz wird gebaut, seit Jahren schon und noch für Jahre, die Passanten hasten mit gesenktem Blick vorbei zur S-Bahn, denn wer verweilt schon gern zwischen Baumaschinen, Sandhaufen und Absperrgittern.

Vor jedem Heimspiel werden die acht Fahnen auf der Baustelle gehisst. Vorab bezahlte Werbeplätze, Überbleibsel einer Werbekampagne, mit der Hertha BSC sich zu Beginn des Jahrtausends als kommender Weltstadtklub inszenieren wollte. Damals war Hertha der Fußballverein der Hauptstadt und trat in der Champions League gegen Barcelona, Chelsea und Mailand an. Heute geht es in der Bundesliga gegen das Abrutschen in die Bedeutungslosigkeit. Hertha BSC und Berlin, das ist immer noch keine Einheit wie Schalke und Gelsenkirchen oder München und der FC Bayern. Der Berliner Fan identifiziert sich nur mit dem Erfolg, und davon hat Hertha zurzeit wenig zu bieten. Seit zwölf Spielen wartet die Mannschaft auf einen Sieg. Heute kommt der Tabellenletzte 1. FC Köln ins Olympiastadion. Wenn Hertha nicht gewinnt, wird ein Tornado der Kritik und Empörung alle Erklärungsversuche von Trainer, Mannschaft und Vorstand durcheinander wirbeln. Fans und Medien werden mal wieder die Sinnfrage stellen, ob es denn je etwas werde mit großem Fußball in dieser Stadt.

Was läuft hier schief?

Falko Götz stellt sich diese Frage oft in diesen Tagen. Im Oktober vergangenen Jahres war der Fußballtrainer Falko Götz noch ein Volksheld. Die Fans im Olympiastadion feierten ihn für den attraktiven Fußball seiner Mannschaft, für die vielen jungen Spieler, die er in die Bundesliga geführt hatte. Als Hertha dem Spitzenteam von Werder Bremen nach einem mitreißenden Spiel 1:2 unterlag, verabschiedeten die Berliner ihre Mannschaft mit stehenden Ovationen.

Fünf Monate später fordern die gleichen Fans auf Transparenten die Entlassung des Trainers, im Forum auf der Hertha-Seite im Internet hagelt es wüste Beschimpfungen. Falko Götz sucht nach Erklärungen, er findet sie in der Unerfahrenheit seiner Spieler, in den vielen Platzverweisen, im Verletzungs- und in anderem Pech. Ja, vielleicht hat er Fehler gemacht, aber warum ihm auf einmal der Hass aus der Kurve entgegenschlägt, das versteht er nicht. Das trifft ihn noch härter als die Schlagzeilen der Boulevardblätter, die Tag für Tag seine Entlassung fordern. Die Zeitungen muss er nicht lesen, aber den Sprechchören und Transparenten muss er sich stellen. „Götz raus!“

Falko Götz ist ein junger Trainer, gerade 43 Jahre alt. Weil er ganz gut aussieht, eilt ihm der böse Ruf voraus, der Föhn sei ihm wichtiger als die Taktiktafel. Dass er eine Mannschaft sehr wohl motivieren kann, hat Götz vor vier Jahren gezeigt, als er Hertha als Aushilfstrainer in den Europapokal führte. Später hat er ein Debakel bei 1860 München erlebt und ist wieder nach Berlin zurückgekehrt. Im zweiten Jahr bei Hertha macht er jetzt seine erste Krise durch. „Wenn wir ihn nicht für geeignet hielten, diese Situation zu meistern, dann würden wir auch nicht mehr zu ihm stehen“, sagt Dieter Hoeneß. „Es ist ja nicht so, dass wir das Geschäft nicht verstehen.“

Es ist ja nicht so. Dieter Hoeneß beginnt viele Sätze mit dieser Einleitung. „Es ist ja nicht so, dass wir hier in den letzten neun Jahren nicht einiges geschafft haben“, sagt der Mann, der in der Öffentlichkeit immer noch als Manager von Hertha BSC durchgeht und doch weitaus mehr ist, nämlich „Vorsitzender der Geschäftsführung der Kommanditgesellschaft auf Aktien Hertha BSC“. Das findet auch Hoeneß ein wenig umständlich, so dass er sich mit der Berufsbezeichnung Manager abgefunden hat. Äußerlich ist er das Gegenteil von Falko Götz: wuchtig und massiv, der Föhn spielt für ihn angesichts seines kahlen Schädels eine untergeordnete Rolle. Hoeneß nimmt für sich in Anspruch, dass er Hertha BSC 1997 quasi neu erfunden, aus einem Verein mit skandalträchtiger Vergangenheit ein respektiertes Unternehmen gemacht hat.

Es ist aber nicht so, dass seitdem alles nach Plan gelaufen ist.

Hertha BSC ist mit knapp 35 Millionen Euro verschuldet. Der Aufbau des Trainingsgeländes hat viel Geld verschlungen. Weil das Olympiastadion für die Weltmeisterschaft saniert wurde, musste Hertha für ein paar Jahre auf einer Baustelle spielen. Das hat den Zuschauerschnitt und die Einnahmen gedrückt. Dazu hat sich der Verein zu Beginn des Jahrtausends, als er sich auf dem Sprung zum Weltklub wähnte, ein paar teure Fehlgriffe geleistet. Den Brasilianer Alex Alves etwa, der für 15 Millionen Mark Ablöse kam und die Klubführung mit seinen Eskapaden zur Weißglut trieb. Oder dessen Landsmann Luizao, der 2002 zur Weltmeistermannschaft gehörte, aber bei seinem Berliner Engagement gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe war. Nein, Dieter Hoeneß hat in den vergangenen Jahren nicht immer ein gutes Händchen bei der Personalpolitik gehabt. Er hat die Mannschaft zusammengestellt, die jetzt führungslos in die Krise getrudelt ist, und deshalb fordern immer mehr Fans auch seinen Rückzug. „Es stimmt, auch ich habe Fehler gemacht“, sagt Hoeneß. „Aber die Gesamtbilanz ist und bleibt positiv. Leider wollen sich heute manche Leute nicht mehr daran erinnern, wie es vor neun Jahren um den Verein stand.“

Damals stand Hertha vor dem Abstieg aus der Zweiten Bundesliga und wohnte zur Untermiete in Büroräumen an der Heerstraße, die der Taxifahrer nicht fand, als Hoeneß im Herbst 1996 seinen Antrittsbesuch machte. Die Geschichte mit dem Taxifahrer erzählt er oft und gerne, um herauszustellen, „was hier in den letzen Jahren geleistet wurde“.

Heute ist Hertha ein etablierter Bundesligist. Der Klub residiert im Sportforum am Olympiastadion, einer riesigen Anlage mit allein acht Fußballfeldern. Das Sportforum ist in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden, nach dem Zweiten Weltkrieg war hier das Hauptquartier der britischen Streitkräfte. Seit Mitte der 90er Jahre ist der Senat Eigentümer.

Vor dem Trainingsplatz der Bundesligamannschaft verkündet eine große Tafel: „Hertha BSC investiert in die Zukunft.“ Der Verein hat viel Geld in das Sportforum gesteckt, in beheizte Rasenplätze, moderne Kabinen und ein Fußballinternat. Der zweiten Mannschaft wurde ein kleines Stadion für die Spiele in der dritten Liga hingestellt. Während des Trainings wacht ein Ordnungsdienst über möglicherweise aufdringliche Fans. Die Profis fahren in dunklen Autos, vorzugsweise aus dem Hause Mercedes vor, Trainingsanzug und Schuhe liegen schon in der Kabine bereit. Es geht den Spielern gut. Manche sagen: zu gut.

Einer der Kiebitze, die den Profis seit Jahren beim Üben zuschauen, erzählt von einem Zwischenfall aus dem vergangenen Jahr. Ein junger Fußballspieler sei vorgefahren. Vor der Kabine habe er den schweren Wagen abgestellt und einem Ordner, gut doppelt so alt wie er, die Schlüssel in die Hand gedrückt. Der Ordner sei dann zum Tanken gefahren und habe später noch die Felgen geputzt, gerade noch rechtzeitig, bis der junge Herr Fußballspieler vom Training zurückkehrte, frisch geduscht und gegelt, versteht sich. Da ist dem Kiebitz aufgegangen, dass etwas nicht stimmt im Unternehmen Hertha BSC.

Die Berliner werden für ihre Nachwuchsarbeit gelobt, sie gilt als die beste im ganzen Land. Im Kader der Bundesligamannschaft stehen neun Spieler, die schon als Jugendliche für den Klub spielten. Auf diesem Weg ist dem Verein die Balance ein wenig verloren gegangen. Vor allem jetzt, da viele erfahrene Kräfte verletzt sind. Die jungen Leute merken, wie wichtig sie geworden sind. Damit kommt nicht jeder klar.

Es gibt ein Foto, aufgenommen im Trainingslager in Marbella, auf dem posiert die Berliner Nachwuchsfraktion mit Basecaps, Goldkettchen, Brillanten im Ohr. Dieter Hoeneß hat einmal gesagt, viele der Berliner Talente kämen aber aus Gegenden, wo es auf der Straße ein wenig rauer zugehe. „Aber Hertha BSC ist keine Rapper-Gang, sondern ein Sportverein.“ Mit einer Rapper-Gang ist in der Bundesliga wenig zu gewinnen.

Der Verein will gegensteuern. Ein in der Bundesliga einmaliges Projekt soll den Nachwuchs zu verantwortungsbewussten Repräsentanten des Vereins heranziehen. Für die jungen Fußballspieler wird ein Persönlichkeitstraining aufgelegt. „Wir wollen nicht bessere Menschen aus den Jungs machen, wir wollen ihnen gewisse Werte vermitteln“, sagt Hoeneß. Die Persönlichkeitsschulung sei sozusagen eine zusätzliche Trainingseinheit, die Teilnahme ist obligatorisch.

Die sorgfältige Hege hat ihren Grund. Finanzielle Zwänge verpflichten die Berliner auch für die Zukunft, verstärkt auf eigene junge Spieler zu setzen. In den kommenden Jahren wird es um bescheidene Mittelfeldplätze gehen. Von der Champions League redet nur noch der Aufsichtsratsvorsitzende Rupert Scholz, aber der hat vor ein paar Wochen auch schon mal laut über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr nachgedacht. Als Scholz im November im Fernsehen nach dem Schuldenstand des Vereins gefragt wurde, verrechnete er sich mal eben um 15 Millionen Euro. Herthas Finanzchef Ingo Schiller musste ihn am nächsten Tag korrigieren. Es gilt als wenig wahrscheinlich, dass Rupert Scholz noch lange dem Aufsichtsrat vorsteht.

Dieter Hoeneß wird bleiben, trotz aller Kritik. Im vergangenen Sommer hat er seinen Vertrag bis 2010 verlängert. Immer wieder mal wird darüber spekuliert, ob Hoeneß vielleicht seinen Zuständigkeitsbereich aufsplittet und etwa dem früheren Hertha-Profi Michael Preetz mehr Verantwortung zukommen lässt. Preetz ist beliebt bei den Fans, die ihn in seinem derzeitigen Job als Assistent der Geschäftsführung für überqualifiziert halten. Sie sähen ihn gern als Verantwortlichen für den sportlichen Bereich. Hoeneß spricht von „Gesprächen, die wir gerade führen“, Ausgang offen.

Zur neuen Saison laufen elf Verträge aus. Hertha muss eine neue Mannschaft aufbauen. Eine, in der die Hierarchie stimmt. Das geht beim Kapitän los, bei Arne Friedrich, der nicht bei allen Kollegen gut ankommt. Vielen gilt der Nationalspieler als kickende Ich-AG, mehr am eigenen Wohl interessiert denn an dem der Mannschaft. Als Hertha am vergangenen Sonntag 1:2 beim Abstiegskandidaten Duisburg unterlag, lief Kapitän Friedrich kommentarlos zum Mannschaftsbus. Es waren die Nachwuchsspieler Kevin Boateng, Sofian Chahed und Thorben Marx, die sich den Fragen der Reporter stellten. Das ist ungefähr so, als hätte Gerhard Schröder nach der verlorenen Landtagswahl in NRW Heidemarie Wieczorek-Zeul in die Berliner Elefantenrunde geschickt.

Falko Götz stellt sich der Kritik, Woche für Woche, auch heute wird der Trainer wieder die gehässigen Transparente ertragen und die Sprechchöre, wenn es nach 20, 30 Minuten immer noch nicht gut laufen sollte: „Götz raus!“ Es könnte ein ungemütlicher Nachmittag werden, im Olympiastadion wie am Alexanderplatz, wo einsam die blauen Fahnen im Wind flattern.

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