Zeitung Heute : Die Kulissen der Zukunft kommen aus dem Rechner und finden Platz auf einer Kassette

Lars Törne

Noch sind zeitaufwendige Vorarbeiten erforderlich - doch bald schon kann das Studio auch in München "stehen", während der Moderator in Köln sprichtLars von Törne

Die Illusion ist fast perfekt: Mitten im Studio stehen Stellwände mit großen Fotos darauf, links zwei glänzende Säulen aus Aluminium, die das Logo der Sendung tragen. Am rechten Rand des Raumes hängen bunte, dreidimensionale Symbole, die auf das jeweils folgende Thema hinweisen: ein dreidimensionaler Autoreifen, ein Computer, ein Rechenschieber. Zwischen diesen Kulissen präsentiert Moderator Tilman Achtnich "Saldo", das Wirtschaftsmagazin des Südwest-Fernsehens. Ein Fernsehstudio wie jedes andere auch, sollte man meinen, stimmig bis hin zu den Schatten, die die Studioscheinwerfer machen. Doch der Raum, den der Fernsehzuschauer am Bildschirm sieht, existiert nur im Computer. Real ist nur der Moderator, der in Wirklichkeit in einem "Blauraum" steht, einer optisch neutralen Kulisse. Willkommen im virtuellen Studio, Funkausstellung, Halle 6.3.

So sieht also die Fernseh-Welt von morgen aus - "Star Wars" lässt grüßen: George Lucas und seine Computerdesigner geben im Kino einen Vorgeschmack darauf, wie die Fernseh-Kulissen der Zukunft aussehen könnten. "Diese Art der Programmproduktion", so erwartet Hubert Graf vom Institut für Rundfunktechnik, "dürfte in naher Zukunft bei den Rundfunkanstalten zunehmend Anwendung finden", so bei Nachrichtensendungen, Interviews, Magazinsendungen, Spielshows oder Sportsendungen. Von der pompösen Filmarchitektur des Kinos sind die virtuellen TV-Studios der Gegenwart zwar noch weit entfernt, das Prinzip ist jedoch ähnlich: Designer entwerfen an extrem leistungsfähigen Rechnern künstliche Räume, Dekorationen und Requisiten, reale Darsteller agieren vor neutralem Hintergrund, eine Spezialkamera verknüpft beide Welten mittels Stanzverfahren und schafft am Bildschirm eine dreidimensional wirkende Einheit. "Mixed Reality" nennen das die Computergrafiker.

"Die Verknüpfung von Realbildern und am Computer erzeugten 3-D-Kulissen wird in den kommenden Jahren zunehmend zum Standard bei Fernsehproduktionen gehören", sagt Oliver Bunsen. Er koordiniert an der Kölner Kunsthochschule für Medien ein Forschungsprojekt zum virtuellen Studio. Bei einem Vortrag auf dem Technisch-Wissenschaftlichen Forum der IFA entwickelte er das Szenario weiter. Derzeit sei immer noch ein großer technischer Aufwand nötig, um erst das virtuelle Studio am Computer entstehen zu lassen, dann den realen Moderator in einem "neutralen" Umfeld aufzunehmen und das alles hinterher miteinander zu verknüpfen.

Außerdem sei es aufgrund der zu geringen Bandbreite der vorhandenen Datennetze bisher kaum möglich, gleichzeitig an verschiedenen Orten zu arbeiten und die Bilder zeitgleich per Internet miteinander zu verbinden. In Zukunft, so Bunsen, können virtuelle 3-D-Fernsehstudios in Echtzeit erzeugt werden, parallel zur laufenden Sendung. Und das gleichzeitig an verschiedenen Orten: Der Moderator spricht in Köln, das "Studio" steht in München, und die bewegten, dreidimensionalen Grafiken kommen aus Berlin, übertragen durch das derzeit in der Testphase befindliche Breitbandnetz. "Eines Tages können alle Funktionen des virtuellen Studios in einem Rechner vollzogen werden, ohne dass man dafür aufwendige Vorbereitungen braucht", sagt Bunsen.

Für Dietmar Krepper, Redaktionsleiter von "Saldo", ist das virtuelle Studio in erster Linie eine effiziente, kostengünstige Alternative zur realen TV-Kulisse: "Unsere gesamte Studiodekoration hat auf einer digitalen Kassette Platz", sagt er. Das spart Kosten für das vor einem Jahr gestartete Wochenmagazin: Kein Möbelstück muss gelagert werden, der Aufbau der Kulissen geschieht per Mausklick. "Und wenn man hinterher eine Tiersendung oder eine Spielshow machen will, wechselt man einfach die Kassette - und schon hat man ein anderes Studio." Drei Monate haben die Grafikdesigner am "Saldo"-Studio gearbeitet und programmiert, sagt Krepper. Noch habe das Studio aus dem Rechner enge Grenzen. "Perspektivwechsel und Kamerafahrten zum Beispiel sind bisher nur sehr eingeschränkt möglich."

Jeder Kameraschwenk durchs virtuelle Studio erfordert ungeheure Rechenleistungen, um die Umgebung perspektivisch korrekt darzustellen. Deswegen sind die Kameramänner bei der Aufnahme des realen Moderators auf wenige, vorberechnete Positionen festgelegt. Auch dauert es immer noch Tage, bis neue 3-D-Grafiken berechnet sind. "Alleine für den sich drehenden Autoreifen im Hintergrund zeichnet der Grafiker zwei Tage lang am Bildschirm", sagt Krepper, "und der Computer rechnet dann sechs bis sieben Stunden lang, um das Bild realistisch aussehen zu lassen."Auf der IFA gibt es tägliche Vorführungen im virtuellen Studio in Halle 6.3, Stand 4.
© 1999

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben