Zeitung Heute : Die Kunst, am Boden zu bleiben

Was muss ein Torwart können – und wer ist nun wirklich besser: Kahn oder Lehmann? Deutschlands bekannteste Torhüter erzählen

Armin Lehmann

Sepp Maier trinkt Weißbier und schaut aus müden Augen ins Leere. Es ist ein Tag Ende März, Mitternacht naht. Maier, das Denkmal, 62 Jahre alt, sitzt nach einer Veranstaltung zur Fußball-WM in Köln an der Bar des Hilton-Hotels. Er redet über Torhüter, ihre Geschichte, ihren Leidensweg. Natürlich erwähnt er jetzt auch Jürgen Klinsmann. „Die Art und Weise, wie der mit Menschen umgeht, ist schlimm.“ Man muss wissen, dass Sepp Maier ein Opfer von Jürgen Klinsmann ist. Im Jahr 2004 hatte ihn der Bundestrainer gefeuert – nach 16 Jahren als Torwarttrainer der Nationalmannschaft. Maier hatte zu sehr Partei ergriffen für Oliver Kahn, den er beim FC Bayern noch immer trainiert. „Der Jens Lehmann kann sich aufhängen, die Nummer eins wird er nie“, hatte Maier gesagt.

Und nun hat Jürgen Klinsmann Sepp Maier noch einmal bestraft, er hat „King Kahn gekillt“, titelt „Bild“. Lehmann wird bei der WM die neue Nummer eins sein.

Was ist eigentlich los im Land? Der Bundestrainer ist ein Killer, ein Psychoterrorist, sagen die Kritiker, das Land ist gespalten, nicht die Vogelgrippe, nicht die Flut, sondern die Torwartfrage wühlt die Deutschen auf. Wo ist der eine besser als der andere? Und wieso? Bedarf das deutsche Torwartspiel einer Reform, oder sind Reformen Teufelszeug? Es sind alte Kontroversen. Man muss wohl mit den alten Torwartlegenden sprechen, zurückblicken auf alte Paraden, auf Traumhüter, um zu begreifen, wo das Torwartspiel herkommt – und wo es hinmuss.

Wir hatten Toni Turek, den „Fußball-Gott“, der Deutschland den WM-Sieg 1954 sicherte, wir hatten Hans Tilkowski, der 1966 das legendäre Wembley-Tor kassierte. Die DDR hatte Jürgen Croy, Bodo Rudwaleit und Dirk Heyne, die Bundesrepublik Sepp Maier und Toni Schumacher. Legendäre Geschichten ranken sich um sie. Doch was wissen wir wirklich über Torhüter? Dass sie immer die Außenseiter sind, die Bekloppten. Aber sie sind auch Sehnsucht nach dem Beweis, dass Unmögliches möglich ist durch eine einzige, außerirdische Parade. Torhüter haben uns aufgewühlt. Radenkovic hat Ausflüge in die gegnerische Hälfte gemacht, Maier hat auf dem Spielfeld Enten gejagt, Schumacher hat den Franzosen Batiston fast zum Krüppel gerempelt, Kahn hat Gegnern beinahe das Ohr abgebissen.

Es gibt ein geflügeltes Wort: Fußball ist so lange ein Mannschaftssport, bis der Torwart einen Fehler macht.

7,32 Meter ist die Entfernung von einem Tor-Pfosten zum anderen, 2,44 Meter hoch über dem Rasen ist die Querlatte montiert. Laien können sich in so einem Tor nicht vorstellen, einen Ball zu halten. Er wirkt so groß, der Arbeitsplatz des Torwarts. Viele denken: Nur durch Fliegen kann der Torwart Bälle erwischen. Aber das stimmt nicht. Die Bewegung in der Luft ist immer langsamer als auf dem Boden. Fliegen, sagen Torhüter wie Toni Schumacher oder Sepp Maier, ist nur das letzte Mittel. Bodenhaftung, Beinarbeit, Stellungsspiel, vorausschauendes Denken sind die Voraussetzungen für Erfolg.

Diese Eigenschaften waren immer modern, nur das Spiel hat sich verändert. An manchen Torhütern ist diese Entwicklung vorbeigegangen.

Sepp Maier redet nicht gern über die Schwächen von Oliver Kahn, er ist seit zwölf Jahren sein Torwarttrainer. Manche, die ein bisschen was verstehen vom Torwartspiel, sagen: Kahn sei kein guter Fußballer, er könne nur mit dem rechten Fuß spielen, er falle zu schnell nach hinten weg anstatt stehen zu bleiben, wenn ein Stürmer auf ihn zukommt und schießt. Als Kaka vom AC Mailand in der Champions League das 4:1 gegen die Bayern aus spitzem Winkel erzielte, über Kahns Hände hinweg, hieß es: unhaltbar. Aber man kann das auch anders sehen.

Sepp Maier nimmt einen Stift und zeichnet die Situation nach, dort Kaka, hier Kahn, der Winkel ist sehr spitz, man kann das auf der Zeichnung gut sehen, wenn Kahn stehen bleibt, schießt Kaka ihn an, aber Kahn schmeißt sich nach hinten weg, der Winkel wird wieder größer und das Tor freier. „Ich rede immer, schmeiß dich vor den Stürmer oder bleib lange stehen“, Maier hebt die Schultern: „Man kann dem Olli nichts mehr beibringen.“

Maier erzählt das nicht, um Kahn bloßzustellen, er will sagen: „Mit 36 kannst du dich nicht mehr verändern.“ Das ist ein überraschender Satz, man hatte von Oliver Kahn immer anderes gehört. Kahn sagt über sich, „ich wollte immer lernen, lernen, lernen“. Er hat mit seiner Besessenheit kokettiert, seinem mangelnden Talent, „es wäre mir zu langweilig gewesen, mehr Talent zu haben“. Oft habe man ihm gesagt, da kommt ein neues Talent, „okay, habe ich geantwortet, dann trainiere ich eben dreimal so viel wie das Talent, und am Ende war das Talent wieder weg“. Vielleicht kam irgendwann kein Talent mehr, um ihn anzutreiben. Maier wird Recht haben, man kann Kahn nichts mehr beibringen.

Jens Lehmann, so alt wie sein Rivale, hat eingestanden, dass er auch einmal aufgehört hatte zu lernen. Da war er schon in London, bei Arsenal, und sein Trainer hatte ihn auf die Ersatzbank gesetzt. Lehmann sagt: „Erst auf der Bank habe ich wieder über mein Spiel nachgedacht.“ Er stellte fest, dass er nur noch auf der Linie klebte, kaum mitspielte, den Anforderungen eines offensiven Spiels nicht nachkam. Lehmann war damals schon über 30.

In den 50er und 60er Jahren wurde man zum Lernen verpflichtet. Damals gab es keine Profis, gute Torhüter schon. Hans Tilkowski stammt aus dieser Zeit. Er ist groß und schlank, sein früher schwarzes Haar glänzt weiß, er ist nun 71 Jahre alt, aber er sitzt da im Dortmunder Rathaus-Café und sieht blendend aus. Er redet über seine Lieblingslehre beim Torwartspiel: Sachlichkeit. Und über den größten Förderer dieser Lehre: Sepp Herberger, der die Deutschen 1954 zum WM-Titel geführt hat. Tilkowski hält Herberger für den ersten „Wissenschaftler des Torwarttrainings“. Herbergers Wort war Gesetz. „Wir taten, was er von uns verlangte.“

Herberger verlangte, der Torwart müsse der erste Aufbauspieler sein, er müsse technisch gut Fußball spielen können, obwohl es die Rückpassregel noch gar nicht gab. Bis Anfang der 90er Jahre konnten die Torhüter den Ball, bekamen sie ihn vom Mitspieler zugespielt, mit der Hand aufnehmen, nun sind sie gezwungen, den Fuß einzusetzen. Tilkowski weiß, dass im heutigen Fußball der mitspielende Torwart als modern gilt, aber das Wort „modern“ benutzt er als Schimpfwort. Was heute modern sein soll, sagt Tilkowski, „hat schon Herberger gepredigt“. Heute könnten die Torhüter einfachste Dinge nicht mehr, Abschläge mit dem Fuß, die auch beim eigenen Mann landen, oder so fausten, dass der Ball direkt auf die Außenbahn gelangt und so den Gegenangriff einleitet.

Herberger hat am Pendel trainieren lassen – an einem Seil hing ein Ball –, penetrant schrieb er den Bewegungsablauf für das Fausten vor. Und er gab Hausarbeiten auf. Stundenlang musste der Torwart den Ball per Dropkick abschlagen, weil Herberger überzeugt war, dass der Ball durch die flachere Flugbahn für die Stürmer besser zu kontrollieren ist als ein Abschlag aus der Luft. Tilkowski war berühmt für seine genauen Abschläge, er verkneift sich nicht den Hinweis, dass Oliver Kahn den Ball immer sehr weit, aber auch sehr steil in die Luft dresche, „da kommt ja der Schnee mit runter“.

Tilkowski sagt, ein guter Torwart müsse „sachlich, nüchtern, mannschaftsdienlich“ sein. Was er hasst: Show. Geht Tilkowski ins Stadion, ärgert er sich. „Alles Show, alles Selbstdarsteller.“ Herberger verabscheute Selbstdarsteller, für Tilkowski ist die Show die Ursache für den Niedergang des spielenden Torwarts. Die Show habe im Prinzip mit dem Abgang Sepp Herbergers 1964 begonnen. Und mit dem Aufstieg eines jungen Torwarts, der Sepp Maier hieß.

Die „Katze von Anzing“, wie man Maier nannte, war geschmeidig, sicher in der Strafraumbeherrschung, reaktionsschnell. Bei der Nationalhymne aber erlaubte er sich, in die Kamera zu zwinkern, und in der Bundesliga baute er mitten im Spiel Sandburgen. Herberger hätte ihn gerügt, aber es gab ihn nicht mehr als Autorität, und die Aufmerksamkeit für den Torwart im Training nahm ab.

Sepp Maier trinkt sein Weißbier aus, es ist fast ein Uhr nachts, die Schale mit Nüssen hat er nicht angerührt. Er wirkt eingefallen, aber das liegt an der aschfahlen Haut. Maiers Körper ist noch drahtig, er achtet auf sich. Vielleicht ist das Maiers größte Kunst: auf sich zu achten. Er konnte sein eigenes Torwartspiel analysieren, er lernte, minimierte seine Fehlerquote. Maiers kleine Schwäche war sein Stellungsspiel, aber in seinem wichtigsten Spiel brachte er die beste Leistung: Im WM-Finale von 1974 zog Maier die Bälle magisch an, die Holländer verzweifelten an ihm, egal, wo sie den Ball auch hinspielten, Maier stand schon da und fing, als hätte er sechs Arme.

„Wissen Sie, wie ich bis Mitte der Siebziger trainiert wurde“, fragt Maier und wartet eine Antwort nicht ab, „die Trainer haben mir Bälle sinnlos draufgeschossen, links, zack, rechts, zack“, Maier verdreht die Augen, „kaputt gemacht haben die uns, die Ahnungslosen“. Maiers Erfahrung trifft sich mit den Erzählungen anderer Torhüter seiner Zeit, in West wie Ost. Sepp Maier sagt, der Torhüter habe sich gefühlt wie das fünfte Rad am Wagen. Der Torwart musste das volle Kraft- und Konditionstraining mitmachen, und danach hat man ihm die Bälle um die Ohren geknallt. Show zu machen im Spiel war Kompensation für das geschundene Ego. Tilkowski hätte sich das nie getraut, auch deshalb verabscheut er die Show.

Später als Torwarttrainer beim FC Bayern hat Sepp Maier aus seiner Kenntnis heraus Übungen erfunden, weiterentwickelt, Lehrbücher verfasst, 1988 holte Franz Beckenbauer ihn als Torwarttrainer zur Nationalmannschaft. Bis dahin gab es dort keinen Torwarttrainer, der wirklich Ahnung vom Torwartspiel hatte, weder in der Bundesrepublik noch in der DDR. Und so hat Maier das gemacht, was Maier für richtig befand. Andere deutsche Torhüter haben es anders gemacht. „Jeder hat für sich gewurschtelt“, sagen ehemalige Aktive. Es war die große Zeit der Autodidakten.

Toni Schumacher, nicht katzengleich, sondern bärenstark, war so ein Autodidakt. Tilkowskis Dreiwortepredigt hört sich bei Schumacher anders an. „Fleiß, Selbstbewusstsein und Fanatismus“ würde Toni Schumacher, der eigentlich Harald heißt, einem Talent ins Stammbuch schreiben. Schumacher weiß, dass diese Beschreibung in erster Linie auf ihn zutrifft, er grinst, er liebt es noch immer zu provozieren. Schumacher, heute 42, 76 Länderspiele, hat die Torwartklamotten gegen feinen Stoff getauscht, er führt nicht mehr die Abwehr an, sondern das 15-köpfige Team einer Sportmarketingfirma. Im ICE von Köln nach Hannover kaut er an den Fingernägeln, seine krummen Hände sehen aus, als wären sie aus Gummi. Schumachers Selbstbewusstsein ist intakt, er sagt: „Wäre ich Journalist geworden, hätte ich Watergate aufgeklärt.“

Toni Schumacher wollte nicht weniger als der Beste sein, „ein Held“. In seinem wichtigsten Spiel, beim WM-Finale 1986, hat er keine Bestleistung gebracht. Er unterlief eine Flanke wie ein Anfänger, und Deutschland lag schnell 0:1 gegen Argentinien zurück. Im Zug, Erste Klasse, sagt Schumacher ohne rot zu werden: „Die Luft in Mexico-City ist so dünn, die Bälle fliegen ganz anders.“

Schumacher liebte die Show, manchmal, erzählt er, zeigte er dem Schiedsrichter Ecke für den Gegner an, obwohl er den Ball nicht berührt hatte. „Ich wollte den Ball.“ Schumacher bewunderte Maier wegen seiner Berufseinstellung, „weil der auch verletzt auflief“. Schumacher hat auch oft verletzt gespielt. Aber von Maiers Torwartspiel hat er sich wenig abgeguckt. Sein Torwarttrainer in Köln war 16 Jahre lang ein Speerwerfer, und so wurde Schumachers Paradedisziplin das weite, präzise Abwerfen, Maier dagegen hatte Geschmeidigkeit trainiert, mit viel Gymnastik. Hanteln hat er verabscheut, Schumacher ist oft in den Kraftraum gegangen: „Als Torwart muss man was darstellen.“ Schumacher neigt deshalb eher zu Kahn als zu Lehmann.

Als Toni Schumacher zum Ende seiner Karriere mit 36 beim FC Bayern aushalf, zeigte ihm Sepp Maier ein paar Übungen. „Fragen Sie Toni mal, ob die Übungen ihm gefallen haben“, hatte Maier gesagt, Schumacher erinnert sich: „Es ging um Wendigkeit, hätte ich sie früher gekannt, hätte ich sie gemacht, um perfekt zu sein.“ Aber er kannte sie nicht. Es geht also doch nicht ganz allein, ein perfekter Torwart wird man nicht ohne perfektes Training. Bis heute aber hat der DFB, mächtigster Verband der Welt, keine systematische Torwartausbildung. Nur Autodidakten.

Oliver Kahn hat seinen Beruf erlernt, als es noch keine Viererkette in Deutschland gab und er den Rückpass noch mit der Hand aufnehmen durfte. Damals spielten die Deutschen noch mit Libero und vernachlässigten die Talentförderung. Sie legten auch keinen Wert mehr darauf, dass der Torwart gut Fußball spielen kann, sie legten noch nicht einmal Wert darauf, dass Verteidiger gut Fußball spielen können.

Lehmann ging ins Ausland und wurde besser. Kahn blieb und dachte, er sei eine Art Nummer eins auf Lebenszeit. Er drehte Werbespots, in denen er als Godzilla auftrat und Feuer spie, er verließ seine Frau, und irgendwann hörte er auf, sein Haar zu gelen, vielleicht war ihm selbst die Eitelkeit zu viel geworden. Für die Generation Tilkowski ist er eine „Ich-AG“. Kahn, sagt Tilkowski, sei kein Mannschaftsspieler mehr.

In London begann Jens Lehmann anders zu reden und kehrte von der Ersatzbank wieder ins Tor zurück. Große Paraden? „Brauch ich nicht, Hauptsache, die Mannschaft gewinnt.“ Er lernte, sich zurückzuhalten, sich einzufügen. Er entdeckte nicht nur alte Tugenden neu, sondern lernte die Art von Fußball, die auch Jürgen Klinsmann bevorzugt: schnell von hinten raus, den Gegner früh attackieren. Im Prinzip ging es darum, das Handwerk des Torwarts täglich zu perfektionieren: Beinarbeit, Bodenhaftung, Stellungsspiel. Die Zeit in London, die Selbstreflexion, Kahns ursprüngliche Stärke, hat Lehmann zur Nummer eins gemacht.

„Alles, was ich hineinrufe“ – ins Spiel, meint er – „muss ich später nicht halten“, hat Jens Lehmann einmal über das vorausschauende Spiel des Torwarts gesagt. Hans Tilkowski gefällt dieser Satz, und Sepp Herberger wäre mit dieser Einstellung sehr einverstanden gewesen.

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