Zeitung Heute : Die Kunst der Etikette

Künstler, die sich auf Flaschen verewigen – Das ist mehr als ein reines Marketinginstrument

Stilvoll. Die Flaschen von Klaus Zimmerling zieren Skulpturen seiner Frau, der Künstlerin Malgorzata Chodakowska. Das Weingut Graf von Bentzel-Sturmfeder beauftragt seit 2002 Künstler mit der Gestaltung des Etiketts. Einzige Bedingung, die Axt – die Sturmfeder, nach der sich das fränkische Adlesgeschlecht genannt hat, muss auf dem Etikett erkennbar sein. Unser Bild zeigt eine Arbeit von Dagmar Zemke, Chemnitz, von 2008. Fotos: promo
Stilvoll. Die Flaschen von Klaus Zimmerling zieren Skulpturen seiner Frau, der Künstlerin Malgorzata Chodakowska. Das Weingut Graf...

Kunst und Wein passen seit jeher zusammen, befruchten sich gegenseitig und gehen auch gerne mal Symbiosen ein. So etwa auf den Etiketten von Weinflaschen. Bekanntester Vertreter der „Kunst am Wein“-Winzer ist sicherlich Baron Philippe de Rothschild und sein Weingut Mouton-Rothschild. Seit 1945 ziert jedes Jahr – bis auf zwei Ausnahmen – das Werk eines anderen Künstlers das Etikett. Eine Tradition, die heute Baronin Philippine de Rothschild ganz im Sinne ihres Vaters weiterführt. Dabei ergänzen sich Winzer und Künstler auf höchstem Niveau und es nimmt nicht Wunder, dass zu den beauftragten Künstlern so illustre Zeitgenossen zählen wie Pablo Picasso, Marc Chagall, Henry Moore oder Salvadore Dali. Gemeinsam zelebrieren sie den Wein als lukullischen Genuss und Muse der Kunst.

Auch wenn Baron Rothschild gemeinhin als „Erfinder“ der Künstleretiketten gilt, nahm diese Idee bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland ihren Anfang. Künstler gestalteten im Auftrag von Winzern bebilderte Flaschenetiketten. Bekanntere Maler und Grafiker verliehen dabei dem Wein einen zusätzlichen Glanz, während weniger bekannte Kollegen durch ihre Etikettenkunst auf die Entdeckung durch Kunstkritiker hofften. Ihre beliebtesten Vorlagen bildeten dabei dem Zeitgeist entsprechend Heldensagen, Dramen oder Landschaften. Später prägten Motive des Jugendstils die deutsche Etikettenkunst.

Manch eine Vorlage aus dieser Zeit ist noch gut erhalten. Das Deidesheimer Weingut „Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan“ ist etwa im Besitz einer solchen wunderschönen Jugendstilvorlage und nutzt sie heute für alle trockenen Rieslinge, während ein Wappenetikett von 1925 alle Weine mit Restsüße und das sogenannte 1811er-Etikett, eines der ältesten deutschen Weinetiketten überhaupt, die seit 1997 angebauten Burgunder ziert.

Traditionsbewusste, historische Wappenetikette sind beliebt und wirken für viele Weingüter markenbildend. So auch für den Eltviller Riesling des Freiherrn Langwerth von Simmern oder das Deidesheimer Weingut Reichsrat von Buhl. Hier kommt noch immer das prunkvolle Wappenetikett zum Einsatz, das Franz von Stuck 1887 entwarf. Ein formidables Beispiel für die klassische Bildsprache des späten 19. Jahrhunderts.

Ob historisch oder zeitgenössisch, Künstleretiketten machen eine Weinflasche für manche Sammler noch begehrenswerter. Welcher Kunstkenner hätte schließlich nicht gerne ein handsigniertes Etikett von Elvira Bach, das sie 1983 für die Riesling Spätlese des Weinguts Wittmann kreierte. Das opulente, sinnliche Gemälde, das hier als Vorlage diente, kann man getrost zu den schönsten Beispielen moderner Kunst am Wein zählen. Ein Fest für Auge und Gaumen gleichermaßen.

Etwas Besonderes sind auch die Jahrgangsetiketten des sächsischen Weinguts Klaus Zimmerling. Hier erhält die Symbiose von Kunst und Wein eine ganz persönliche Note, denn die Ehefrau des Winzers ist die Künstlerin, deren Skulpturen auf den Etiketten des Weinguts gezeigt werden. Malgorzata Chodakowska, seit 1991 freischaffende Künstlerin, ist dabei keine Unbekannte in der Kunstszene. Und so kommt hier zusammen, was zusammengehört.

Persönlich geht es auch bei Ulrich Stein zu. Der Moselwinzer ist nicht nur dafür bekannt, dass er sich für den Erhalt des Weinbaus an der Mosel einsetzt, sondern auch für seine beliebten Kulturevents. In seinem Haus auf dem Weinberg sind seit 25 Jahren namhafte Künstler und Musiker zu Gast und begeistern das treue Publikum immer wieder aufs Neue. Auch wenn er es selbst nicht so sieht, ist Stein ein Mäzen, der Künstleretiketten nicht zu Marketingzwecken einsetzt, sondern als Symbol seines kulturellen Engagements und zur Ehre des Rieslings. Zu allen Künstlern, die seit 1999 seine Etiketten gestalten, gibt es eine sehr persönliche Geschichte. Im Falle von Robert Gernhardt, der das erste Künstleretikett für das Weingut entwarf, pflegte Ulrich Stein eine lange, intensive Freundschaft. „Irgendwann kam Robert auf die Idee, ein Etikett mit dem Namen ‚Engelchen und Teufelchen' zu entwerfen. Das war der Anfang“, erzählt Stein.

„Danach kamen Greser und Lenz, zwei wunderbare Gauner, Karikaturisten bei der FAZ. Sie haben sich meinen Liter-Wein für ihr Etikett ausgesucht und erhalten, wie alle unsere Künstler, ein jährliches Künstlerkontingent ihres Weins als Gegenleistung.“ Der neueste Zugang unter den Stein-Wein-Künstlern ist kein geringerer als Loriot, der aus Liebe zu diesem Wein eine ganz besondere Steinlaus entwarf. Sie ziert ab jetzt die Flaschen mit dem besten trockenen Riesling aus dem Hause Stein. So hat fast jeder Wein von Ulrich Stein sein eigenes Künstleretikett und einen zusätzlichen Wiedererkennungswert.

„Bei unseren Künstleretiketten geht es um Freundschaft, Vertrauen und Passion. Keine Flasche darf teurer werden, nur weil ein Künstler das Etikett gestaltet hat und der Druck mehr kostet als bei einem üblichen zweifarbigen Etikett“, sagt Stein bestimmt. „Natürlich verdient jeder gerne Geld, aber eben nicht um jeden Preis.“ Die Künstleretiketten seien Ausdruck der Wertschätzung für den Wein und für die Kulturlandschaft Mosel – ganz nebenbei sind sie auch eine Reklame für die Stein-Weine, aber das sei wirklich nebensächlich, wie der engagierte Winzer betont. Am Ende trinke schließlich keiner einen Wein, der ihm nicht schmeckt.

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