Zeitung Heute : Die Kunst zum Sprechen bringen

In der Zahl wertvoller Leihgaben zeigt sich der Erfolg der Verhandlungen mit den russischen Museumspartnern

Sie standen einst prachtvoll vor dem Berliner Schloss mit Blick zum Lustgarten, und sie verdämmern ihre Tage seit dem Zweiten Weltkrieg im Kleistpark: die beiden Rossebändiger-Gruppen des Bildhauers Pjotr Clodt von Jürgensburg, deren Erstguss seit 1841 in St. Petersburg das Stadtbild prägt, während ein zweiter Guss seit 1843 das Portal IV des Berliner Schlosses flankiert. Nun ist das Berliner Duo Blickfang im Lichthof des Martin-Gropius-Baus.

Es dauerte Monate, das zuständige Berliner Bezirksamt zur Ausleihe der Rosse zu bewegen. Nichts Besonderes also, dass Leihgaben erst nach intensiver Verhandlungstätigkeit zugesagt werden. So auch im Austausch mit den acht Museen und Sammlungen aus St. Petersburg, die annähernd die Hälfte der rund 460 Objekte der Ausstellung beisteuern. Die Eremitage, eines der fünf weltgrößten Universalmuseen mit um die drei Millionen Sammlungsstücken, schickte immerhin 52 Werke auf die Reise, um den wohl freundschaftlichsten Abschnitt in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen lebendig werden zu lassen.

Und doch bleibt ein Hauch des Bedauerns. Denn die ursprünglich erhoffte, vollgültige Kooperation von Eremitage und Schloss Peterhof auf der russischen und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auf der deutschen Seite kam nicht zustande. So bleibt die Schlösserstiftung der alleinige Ausrichter, und eine Übernahme nach St. Petersburg entfällt.

Das schmälert weder den Wert der Ausstellung noch auch – glücklicherweise – den Reichtum ihrer Schaustücke. Zwischen dem Staatlichen Museum Peterhof und den Schlössern in Potsdam-Sanssouci bestand aus DDR-Zeiten eine Kooperationsvereinbarung, die die Zeitenwende nicht recht überdauert hat. Die als Gemeinschaftswerk geplante Ausstellung sollte die Zusammenarbeit – einschließlich jener mit der Eremitage – kraftvoll voranbringen. Der Umgang der russischen Museen mit dem deutschen Leihnehmer ist immer noch von Misstrauen geprägt, ablesbar allein schon an den auf alle Eventualitäten abgestellten, umfangreichen Leihverträgen. Andererseits gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Kuratoren, die von St. Petersburg aus mit ihren Schätzen auf die Reise gingen, überaus kollegial. Einmal mehr zeigte sich, dass die Zusammenarbeit auf der fachlichen Ebene stets besser funktioniert als auf der Ebene hochpolitischer Verträge. Für Museumsleute überwiegt die Freude, zusammengehörige und einander ergänzende Objekte auszustellen und sie, wie gerade in dieser Ausstellung, in ihrem historischen Zusammenhang zum Sprechen zu bringen.

Von den Schwierigkeiten hinter den Kulissen wird der Besucher nichts bemerken. Allenfalls eine leise Melancholie mag aufkommen bei dem Gedanken, dass zahlreiche Objekte der Ausstellung als wechselseitige Geschenke zwischen den zu dieser Zeit verwandtschaftlich so eng verbundenen Herrscherhäusern hin- und hergegangen sind, Berliner Gemälde nach Petersburg, Porzellane der dortigen Manufaktur nach Potsdam. Ein Europa ohne Grenzen.

Die Eremitage will sich der Person der Prinzessin Charlotte und späteren Zarin Alexandra Fjodorwona in einer späteren Ausstellung eigens widmen. Nicht nur über das Zarenhaus ist die Eremitage mit Deutschland eng verbunden: Ihr eigener Erweiterungsbau der „Neuen Eremitage“, das erste als Museum errichtete Gebäude des weitläufigen Komplexes, stammt von der Hand eines deutschen Architekten – doch aus München. Leo von Klenze war mit der parallel zum Alten Museum seines Berliner Antipoden Schinkel errichteten Alten Pinakothek zum führenden Museumsbaumeister Europas aufgestiegen. 1837 erhielt er von Nikolaus I. den Auftrag zum Museumsanbau, der nach 15-jähriger Bauzeit 1852 eröffnet werden konnte und noch heute die Museumskonzeption der Ursprungszeit widerspiegelt.

Doch wäre es ein Irrtum zu glauben, die Zeit sei in der Institution Eremitage stehen geblieben. Das Gegenteil ist der Fall. Direktor Michail Piotrowski ist ein weltgewandter Museumsmanager, der sein Haus international längst an vorderer Stelle positioniert hat. Für ihn ist es kein Widerspruch, mit der Potsdamer Schlösserstiftung zusammenzuarbeiten und gleichwohl Stücke aus dem „Trophäen“-Schatz der von der Roten Armee abtransportierten Beutekunst zu zeigen, die einst in preußischen Schlössern beheimatet waren. Zahlenmäßig fallen die Beutestücke in der Riesenkollektion der Eremitage nicht ins Gewicht.

Die Ausstellung steht außerhalb dieser Problematik. Sie zeigt Werke, die nach dem Kunstgeschmack ihrer herrscherlichen Auftraggeber zusammengehören. Die Verhandlungen mögen schwierig gewesen sein. Dass sie erfolgreich abgeschlossen wurden – das ist es, was zählt. Ein Zeitalter tut sich auf.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!