Zeitung Heute : Die Lage kann nicht besser sein

In der Konkurrenz der Standorte bevorzugen viele Händler den Ku’damm

Regina-C. Henkel

„Das ist ja toll“, sagt Tanja Siegmund und zeigt auf die riesige 360-Grad-Luftbildaufnahme der City-West, die als fassadenhohe Fotoleinwand eine von Berlins berühmtesten Innenstadt-Brachen umspannt: das so genannte Zoofenster an der Joachimstaler Straße zwischen Kant- und Hardenbergstraße. Der Touristin aus dem hessischen Fulda gefällt, was ihr bei der Ankunft am Bahnhof Zoo als erster Eindruck der Stadt geboten wird: eine vom Europa-Center aufgenommene Rundumsicht der Straßenzüge und Gebäude. Ihretwegen ist die 26-Jährige für ein verlängertes Wochenende nach Berlin gekommen: um zu bummeln, zu shoppen und ins Kino oder Theater zu gehen.

Wer in Berlin zu Hause ist, betrachtet die Plakatwand mit anderen Augen. Immerhin bewegt das Filetgrundstück schräg gegenüber dem Bahnhof Zoo bereits seit 1991 die Gemüter. Immer wieder wurden neue Architekturentwürfe und Nutzungspläne vorgestellt, um dann doch nicht realisiert zu werden. Schon lange gilt das Grundstücksdreieck als schlimmster Schandfleck der westlichen City. Dass die neue Rund-um-Plakatierung aus der Brache einen Hingucker im positiven Sinn werden lässt, glaubt wahrscheinlich nicht einmal der Senat. Immerhin erntet die bis zur Brandmauer des Schimmelpfennig-Hauses reichende Gerüstarchitektur, mit der die riesige Fotoleinwand verankert werden musste, immer wieder Respektsbekundungen. Ansonsten wird die Fotoinszenierung vor allem als Werbeumfeldgestaltung identifiziert, mit der eine misslungene Stadtentwicklung sogar noch festgeschrieben wird. Zahlreiche „Wir schließen“-Schilder an den Schaufenstern alteingesessener Geschäfte und Schnäppchenparadiese, die an besten Kurfürstendamm- und Tauentzien-Adressen als Zwischenmieter einziehen, lassen bei der einheimischen Bevölkerung noch Schlimmeres befürchten: Dass die City-West ihre Attraktivität für Touristen und in der Folge auch für die Einheimischen vollends verliert.

Immobilien- und Marketing-Experten sehen das Shopping- und Amüsier-Areal rund um den Breitscheidplatz indes nicht in Gefahr. Für Jan Hübler, Leiter der Vermietungsabteilung Berlin beim Immobilien Consulting-Unternehmen Jones Lang Lasalle, steht fest: „Gekauft wird am Ku’damm“. Die alte Westberliner City bleibe „die Nummer eins beim Einzelhandel“, eine Ablösung durch Friedrichstraße oder Steglitzer Schloßstrasse sei „überhaupt nicht in Sicht“.

Hüblers Branchenkollegen von Atisreal sehen das genauso. Deren „City Report Berlin 2006“ zeigt für den Büromarkt einen Trend „zurück in die Citylagen“, wobei Charlottenburg davon besonders profitiert. Von 189 000 Quadratmetern im ersten Halbjahr neu vermieteter Bürofläche insgesamt entfielen 16 000 auf Charlottenburg, 8500 auf Wilmersdorf/Schöneberg und ebenfalls 8500 auf die Top-City-West. Gegenüber 30 000 Quadratmetern in der Top-City-Ost mag das auf den ersten Blick bescheiden wirken, relativiert sich aber, wenn die Leerstände gegenübergestellt werden: Die Zahlen am Ende des ersten Halbjahres 2006 besagen nämlich, dass in der Top-City-West „nur“ 89 500 Quadratmeter (bei einer durchschnittlichen Nettokaltmiete von 11,20 Euro pro Quadratmeter) derzeit unvermietet sind – gegenüber 182 500 Quadratmetern in der Top-City-Ost (wo 14, 50 Euro pro Quadratmeter gezahlt werden).

Bei Ladengeschäften wird die Situation ähnlich eingeschätzt. Die Gewerbemakler Werner und Sabine Sauer beispielsweise beobachten bei großen Flächen von mehr als 1000 Quadratmeter in 1A-Lagen wie an der Tauentzienstraße, dass Mieter „teilweise auch bereit sind, die Verkaufsflächen in die tendenziell unbeliebten Obergeschosse auszudehnen“ und auch dafür „gute Preise“ zu bezahlen. Kein Wunder: Die Ladenflächenbörse auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft City hat mitunter gerade einmal zehn Objekte im Angebot.

Touristen wie Tanja Siegmund können solche Details egal sein. Sie interessiert sich für das Großstadtflair und teilt die Meinung der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM): „Mehr als 90 Prozent der Berlin-Touristen wollen wiederkommen“, sagt BTM-Sprecherin Natascha Kompatzki, „mit einem Besuch ist diese spannende Kulturmetropole mit mehreren Zentren und ganz unterschiedlichen Facetten nicht zu erfassen.“

Weitere Informationen im Internet:

www.agcity.de

www.btm.de

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