Zeitung Heute : Die Landflucht

Sie wohnen in der Willinger Straße. Das ist dumm. Denn die Straße gehört zu Hessen. Bontkirchen aber, ihr Wohnort, zu Nordrhein-Westfalen. Eine Grenze geht durchs Dorf – und der Mensch wird zum Störfall der Verwaltung. Damit hat es nun ein Ende

Kerstin Decker[Bontkirchen]
307650_0_aaf9b175.jpg
Grenzüberschreitung. Wie aus Hessen Westfalen wurden: 16 der 22 Überläufer von Bontkirchen vor der Landesfahne von NRW. Foto:...

Heute fällt eine innerdeutsche Grenze. Genauer: Sie rückt ein Stück weiter. Hessen wird kleiner, Nordrhein-Westfalen wird größer. Die Leipziger waren einst 70 000, die Bontkirchener sind 22. Ein neuer Staatsvertrag musste her. Wegen 22 Seelen?

Wie verschiebt man eine Landesgrenze?

Früher Nachmittag in Bontkirchen. Das kleine Dorf hält sich gut versteckt hinter den sieben sauerländischen Bergen. Mit unverkennbarem Wille zur Idylle liegt es da, hügelan. Und still ist es. Niemand auf der Straße, kein Laut dringt aus den Häusern. Das ist so, tagsüber in Orten wie diesem. Man hört nichts als das Gurgeln eines kleinen Baches. Aber sein beschwichtigendes Rauschen täuscht. Die Itter ist ein mächtiger, bis eben unüberwindlicher Grenzfluss, ihm folgt die Landesgrenze zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen. Nur in der Schützenhalle nebenan verläuft sie direkt durchs Damenklo. Wie oft hat Marion Vogtland schon auf der Brücke gestanden, hinunter auf die Itter geschaut und gedacht: Würde ich doch auf der anderen Seite wohnen!

Zum ersten Mal dachte sie das, als sie zur Schule ging. „Hesse! Hesse!“, riefen die anderen. Marion Vogtland wusste genau, was das bedeutete: Hessen haben viereckige Köpfe. Jeder Westfale weiß das. Natürlich war sie eine Bontkirchnerin wie die anderen, also eine Westfälin. Und ihre Eltern waren Bontkirchner, also Westfalen. Aber es half nichts, schon das Nummernschild ihres Autos sagte etwas anderes. Alle ordentlichen Bontkirchener Schilder fangen mit HSK für Hochsauerlandkreis an, das ihre begann mit KB für Korbach, Hessen. Nummernschilder können so peinlich sein.

Marion Vogtland wohnt noch immer auf der falschen Seite des Flusses. Heute ist sie 47 Jahre alt und Mitinhaberin der „Original Willinger Glasmanufaktur“. Die liegt, wie ihr Name verrät, im hessischen Nachbarort Willingen. Dorthin führt auch die Willinger Straße, an der die sieben Häuser der 22 Heimatvertriebenen im eigenen Dorf stehen. Das Weltcup-Ski-Willingen kennen viele, Bontkirchen kennt keiner. Spricht das nicht irgendwie doch für Hessen? „Aber nein!“, antwortet die deplatzierte Westfälin. Wir betreten die Gastwirtschaft ihrer Mutter an der Willinger Straße.

Bunte Herbstwaldtapete an den Wänden, aber gegen das Bunt der Wälder draußen hat sie keine Chance. Hinter dem Tresen steht eine ältere Dame mit weißer Perlenkette, die ersten Biertrinker des Nachmittags sind schon eingetroffen. Das Radio spielt einen Schlager aus längst vergangen Tagen: „Kopf hoch, Baby, lehn dich an mich, es wird schon irgendwie geh’n …“ Das hat sich die 77-Jährige auch immer gesagt. Zum Beispiel, als sie eines Morgens hinunterkam in ihre Gaststätte und sofort merkte, dass vor ihr schon jemand dagewesen war. Einbrecher! Die Kasse – leer. Und sie hatten oben ruhig geschlafen. Mit bebenden Händen wählte sie die 110.

Die Polizei kam schnell, natürlich die westfälische, denn auch die sieben Häuser auf der hessischen Seite des Baches sind an das westfälische Telefonnetz angeschlossen. Ihr Abwasser bekommt Westfalen auch. Nur der Müll wird östlich und westlich der Itter an verschiedenen Tagen geholt, aber von derselben Firma. Den prüfenden Blicken der Westfalen-Polizei entging kein Detail des Tatorts, sie setzte ein sorgfältiges Protokoll auf, und prüfte – nur eine Formalität – den Ausweis der Geschädigten. Da erstarrte ihr Blick vor Unglaube, und Marion Vogtlands Mutter vernahm die sachlich-kühlen Sätze, deren Sinn ihr erst langsam aufging: „Es tut uns leid, Frau Lange, wir sind nicht für Sie zuständig. Melden Sie sich bitte bei den Korbacher Kollegen!“ Sprach es und verließ den Tatort so schnell, wie sie gekommen war. Die Wirtin verharrte irritiert neben ihrer leeren Kasse.

Kafka auf dem Land. Der Mensch als Störfall der Verwaltung. Frank Farian singt noch immer „Kopf hoch, Baby, lehn dich an mich …“. Ja, aber an wen denn? Sie waren hier offenbar Bewohner eines Niemandslands. Kein Navigationssystem findet sie bis heute. Und nur in einem Niemandsland kommt die Post grundsätzlich drei Tage später an. Weil sie im hessischen Nachbarort Diemelsee, zu dem die sieben Häuser, eine Schützenhalle, ein Sportplatz und eine Zimmerei offiziell gehören, erst neu adressiert werden muss.

Etwas stimmt nicht in Maria Langes Kneipe „Zum Wiesengrund“, und plötzlich weiß man auch, was: Aschenbecher auf den Tischen! Heute ist das legal, wenn der Inhaber ganz allein einen Gastraum von unter 75 Quadratmeter bewirtschaftet. Und das macht Maria Lange, schon weil der Mensch so lange wie möglich tun sollte, was er schon immer getan hat. Und vorher, als es nicht legal war, hatte sie die Aschenbecher auch nicht weggenommen. In Niemandsländern muss der Mensch zumindest rauchen dürfen!

Wenn Marion Vogtland Ämterpost öffnete, lagen das Bewerbungsgespräch des Sohnes oder der eigene Vorstellungstermin auf dem Amt meist in der jüngsten Vergangenheit. Das Korbacher Arbeitsamt besah Anfang der 90er sehr streng seine neue Arbeitslose Marion Vogtland. Man weiß schließlich, wie solche sind. „Ich sagte dem Amt, wenn es einfach 59929 Brilon auf seine Briefe schreibt, würde es schon sehen, wie schnell ich da bin.“ Kurz darauf hielt sie tatsächlich einen Umschlag mit der richtigen falschen Adresse in den Händen. So flexibel-unkonventionell kann also sogar eine Behörde sein!, dachte anerkennend Marion Vogtland, und ihr Weltvertrauen wollte schon wachsen, als sie las, was man ihr mitzuteilen hatte: Da die Antragstellerin offenbar umgezogen sei, sei man nicht länger für sie, Marion Vogtland, zuständig. Ihre Augen werden nun ganz schmal: „Und dann habe ich mich abmeldet!“

Marion Vogtland besaß, das sah sie ein, kein Talent zum Mündel eines Arbeitsamts. Wer schon zu Hause in der Diaspora lebt, hat nur eine Schulter, an die er sich lehnen kann: seine eigene. Anfang der 90er ahnte noch kein hessisches Amt, welch mächtiger Gegner ihm bald gegenübertreten würde. In Marion Vogtlands Glasofen herrschen 1200 Grad. Sie hatte noch nie Angst, sich die Finger zu verbrennen.

Ab Sonntag früh 0.00 Uhr wird ganz Bontkirchen zur nordrhein-westfälischen Stadt Brilon gehören. Nur Tage vorher bekommt im Briloner Bürgerhaus ein älterer Herr Blumen. Reden werden auf ihn gehalten – er selbst hält auch eine –, und der Mann lächelt. Es ist der Ortsvorsteher von Bontkirchen, Bundesverdienstkreuzträger Albert Brüne, 73 Jahre alt. Es ist sein letzter Tag im Amt. Ab sofort ist er ein Ruheständler, nach 34 Jahren. In seinem Blick steht eine leise Panik, ob er dieser neuen Herausforderung des Lebens auch gewachsen sein wird. Aber das, was er immer gewollt hat, ist am Ende noch wahr geworden: Es wächst zusammen, was zusammengehört!

82 Jahre und neun Versuche hat es gebraucht, die Ländergrenze aus dem Damenklo der Schützenhalle verschwinden zu lassen.

Hätte jeder andere nicht schon vorm neunten Versuch aufgegeben? Sehe ich aus wie ein Aufgeber?, antwortet Brüne. Anfang der 90er, als Marion Vogtland mit dem Korbacher Arbeitsamt konferierte, war Albert Brüne dazu übergegangen, der hessischen Nachbargemeinde attraktive Tauschangebote zu machen: 43 Hektar Wald gegen die 14 Hektar an der Willinger Straße? Brilon wollte helfen, die Stadt besitzt Wald in Hessen. Aber der Nachbarbürgermeister sagte nur: „Ich tausche keine Menschen gegen Bäume!“

Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Bontkirchener einen Platz für eine neue Schützenhalle gesucht. Es blieb nur eine Möglichkeit: die Wiesen am anderen Ufer des Baches. Eine Schützenhalle ist im Sauerland mindestens so wichtig wie eine Kirche, weshalb viele Dörfler es längst als Kränkung empfanden, dass ihre Schützenhalle in Hessen liegt. Bereits in den 20er Jahren meinte man sich eines alten Grenzverlaufs jenseits der Itter zu erinnern, doch die behördliche Auskunft lautete, dass die kurkölnische Grenze bereits seit 1666 durch das Ittertal geführt habe.

Maria Lange und ihrem Mann, beide mitten im Dorf geboren, war das ohnehin egal gewesen, als sie sich nach dem Krieg ein Haus bauten. Die Wiese am Bach gehörte ihnen, also bauten sie, die hessische Genehmigung kam acht Jahre später. Behördenzeit ist keine Menschenzeit. In diesem Haus sind ihre Kinder geboren, in diesem Haus steht sie Tag für Tag seit 50 Jahren in der Gaststube. Und das Stück Wiese nebenan gehört ihr auch. „Da wollten mein Mann und ich bauen“, sagt Marion Vogtland, „also schrieb ich wieder Anträge.“ Das Bauamt schrieb „Antrag abgelehnt“ zurück. Denn es handele sich um eine Splittersiedlung, und Splittersiedlungen dürften keinesfalls verfestigt werden. Die 1200-Grad-Glashüttenfrau antwortete, es handele sich keinesfalls um Verfestigung einer Splittersiedlung als vielmehr um Baulückenschließung.

Die 22 Südwestitterer sind längst Virtuosen des Antragswesens. Damit ihre Kinder in Nordrhein-Westfalen zur Schule gehen können – nach Hessen fährt ohnehin kein Schulbus –, füllen sie das Formular „Antrag auf Zuweisung in eine andere als die zuständige Schule“ aus. Sie wurde meist „unter Vorbehalt“ erteilt – solange die Schulen auf hessischer Seite genug Kinder haben. Auf dem Friedhof Bontkirchens sind die Exilanten in der Heimat „geduldet“, denn eigentlich müssten sie sich in Diemelsee begraben lassen.

Niemals!, rief auch der einzige Wiedervereinigungs-Skeptiker, dem vor allem missfiel, dass er jetzt ein neues Nummernschild bezahlen muss.

Manchmal scheinen Verwaltungen nur der Spezialfall einer Diktatur zu sein. Und der Einzelne erfährt hier wie da vor allem eins: Ohnmacht. Lange hielt sich der Diemelseer Widerstand. Keine Antwort auf Marion Vogtlands Unterschriftensammlung. Keine Antwort auf Marion Vogtlands fünffache Erinnerungen an die Unterschriftensammlung. Dann endlich die erzwungene Kenntnisnahme. Fünf Monate später traf die Absage ein.

Vor zwei Jahren wurde in Diemelsee ein neuer Bürgermeister gewählt. „Wir, in unserer Eigenschaft als Hessen, wählen dich auch“, sprach Marion Vogtland zum Kandidaten, „aber nur wenn du uns hilfst, Nordrhein-Westfalen zu werden.“

390 000 Euro hat die Stadt Brilon an Diemelsee überwiesen. Als Ausgleich für den Gebiets- und Steuerkraftverlust. Den Wald wollte die Gemeinde nicht mehr, nachdem ein Orkan sowie der Borkenkäfer ihn überfallen hatten.

Heute Nachmittag werden die 22 Neubürger Nordrhein-Westfalens feierlich über die Itterbrücke ziehen und dann in die nunmehr nordrhein-westfälische Schützenhalle. Jürgen Rüttgers kommt im Hubschrauber. Im Frühjahr sind Wahlen in Nordrhein-Westfalen. 22 Erstwähler-Stimmen stehen auf dem Spiel.

„Moment mal“, sagt Albert Brüne, „dürfen die eigentlich schon wählen? Muss man nicht erst eine gewisse Zeit in einem Bundesland gelebt haben, um wahlberechtigt zu sein?“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben