Zeitung Heute : Die Landschaft im Dana-Biosphärenreservat scheint im biblischen Urzustand zu verharren

Thomas Veser

Das zarte Licht der Morgensonne lässt die steil abfallenden Bergschluchten rosarot, hellgrau und braun schimmern. Stellenweise behaupten sich auf den wild zerklüfteten Felsen aus Kalk, Granit und Sandstein dunkelgrüne Bauminseln und üppiges Buschwerk. Schließlich verlieren sich die phantastischen Konturen der Wadis, wie die ausgetrockneten Flusstäler genannt werden, im dichter werdenden Nebelmeer über der Jordansenke. Wind und Wasser schufen in den höchsten Teilen des jordanischen Naturschutzgebiets Dana eine faszinierende Landschaft, die bei Tagesanbruch im biblischen Urzustand zu verharren scheint.

Vor kurzem in den Rang eines Unesco-Biosphärenreservats erhoben, besitzt das Schutzgebiet am Großen Grabenbruch in seinen höchsten Lagen kühl-feuchte Gebirgsabschnitte. Sie gehen westwärts in die glühend heißen Sanddünenwüsten nahe des Jordan über. Zwischen der östlichen Quadesiyya-Hochebene und dem tiefsten Punkt im Flusstal sind rund 1000 Meter Höhenunterschied zu bewältigen. Auf kaum 100 Quadratkilometern Fläche vereint Dana die Biogeografie Europas, Afrikas und Asiens. An die Wüste schließt sich eine subtropische und eine innerasiatische Vegetationszone an; sie gehen schließlich in einen mediterran halb-trockenen Abschnitt über.

Dass diese Region schon früh besiedelt war, beweist die hohe Zahl archäologischer Fundstätten. Dazu gehören die Überreste byzantinischer Kirchen und die Mauern einer römischen Festung, die einstmals die alte Silberstraße bewachte. Was die Natur in Jahrmillionen hervorbrachte, hat die Menschheit allerdings in nur wenigen Jahrzehnten nachhaltig geschädigt: Der Nubische Steinbock, die Arabische Oryxantilope und der Spießbock, die in den tieferen Abschnitten lebten, wurden praktisch ausgerottet. Afghanfüchse und Karakale - eine Luchsart - blieben ebenso auf der Strecke wie Syrischer Wolf, Streifenhyäne und Sandkatze. Viehzüchtende Beduinen benützten Gras- und Buschland als Weidegebiet für ihre Ziegenherden und besorgten sich in den Wäldern Brennholz.

Anfang der neunziger Jahre standen die Zeiger auf fünf vor zwölf: Angesichts zunehmender Schäden im ökologisch wichtigsten Gebiet des haschemitischen Königreichs drängte die "Royal Society for the Protection of Nature" (RSCN) die Behörden, Dana zum Schutzgebiet zu erklären und der Natur eine Ruhepause einzuräumen. Damals entstanden sechs jordanische Naturparks, die den Plänen der Regierung zufolge über acht Prozent des jordanischen Territoriums umfassen sollten. Allerdings hatte man sich mit diesem ehrgeizigen Vorhaben zu viel vorgenommen. Nur ein Prozent des aus Wüste und Steppe bestehenden Landes steht unter Naturschutz.

Dana kommt eine Vorreiterrolle zu, da für die Rettung dieses Naturschutzgebiet seit einem halben Jahrzehnt beachtliche Geldmittel bereitgestellt werden. Aus dem Förderprogramm GEP, das beim Erdgipfel in Rio 1992 beschlossen worden war, erhielt die Nicht-Regierungs-Organisation RSCN eine Summe von 3,3 Millionen US-Dollar. Weltbank, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und Jordaniens Regierung beteiligen sich seither an den Unterhaltskosten des Dana-Naturreservats.

Das Ziel des Projekts besteht darin, den Naturschutz mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Anrainer in Einklang zu bringen. Diese Kompromisslösung entspricht den Richtlinien der Unesco, die 1968 das Förderprogramm "Mensch und Biosphäre" (MAB) gestartet hatte. Auch Dana erfüllt die Kriterien "eines für die jeweilige Lebensgemeinschaft repräsentativen Naturgebiets". Gelten in einem nicht zugänglichen Teil die Bestimmungen des strengen Naturschutzes, werden in ausgewiesenen Gebieten am Rand traditionelle Formen der Bewirtschaftung gefördert.

So einleuchtend diese Trennung erscheinen mag, so schwierig war sie umzusetzen. Als der britische Parkdirektor Chris Johnson im Auftrag der RSCN mit einer Gruppe jordanischer Biologen Dorfbewohner und Nomaden im Distrikt Tafila für die Idee gewinnen wollte, stießen die Vorschläge auf offene Ablehnung. Kein Herdenbesitzer wollte in einem Land mit nur vier Prozent landwirtschaftlich nutzbarer Fläche auf kostenlose Weidemöglichkeiten verzichten.

Ziegenherden sind für die verhältnismäßig armen Familien nicht nur Statussymbol, sie sichern ihnen eine Rücklage für den Fall, dass sich ihre Lage noch weiter verschlechtert. Wie kaum anders zu erwarten, trieben sie ihre Tiere, die nach Johnsons Einschätzung "allmählich ganz Jordanien auffressen", weiterhin unbekümmert in das Naturreservat. Alle Versuche, das offizielle Fahrverbot in einigen Teilen des Reservats umzusetzen, führten anfangs zu regelrechten Kämpfen zwischen Park-Rangern und erbosten Autofahrern, die auf ihren höheren Gesellschaftsrang pochten. Erst mit dem Besuch der populären Königin Noor (Licht), die sich für die Schirmherrschaft über das Dana-Projekt gewinnen ließ, glätteten sich die Wogen der Empörung. Denn selbst die Gattin des verstorbenen Königs Husseins hatte die Kernzone zu Fuß besichtigt. Wie die Beduinen mit weniger Ziegen gleichbleibende oder sogar noch höhere Verdienste erzielen können, betrachtet Johnson als Hauptanliegen; dank verbesserter Zucht- und Fütterungsmethoden weisen die Tiere inzwischen ein größeres Gewicht auf. Außerdem zeichnet sich das Fleisch durch höhere Qualität aus. Das lieferte überzeugende Argumente, die Zahl der Ziegen pro Herde zu reduzieren.

Dann brachte das Team den vernachlässigten Obst- und Heilkräuteranbau wieder in Gang: Trockenfrüchte, Olivenöl und Marmelade, die in einem kleinen Geschäft am Rande des Dorfes verkauft werden, sichern etlichen Bauernfamilien ein bescheidenes Zubrot. Über Fundraising beschaffte man das nötige Geld, um das zerfallende Dorf zu restaurieren und mit Wasser zu versorgen. Strebten früher junge Dorfbewohner in die Hauptstadt Amman, finden sie heute in ihrer Heimatregion immerhin ein bescheidenes Auskommen. Vier Dutzend zusätzlicher Jobs sichert die dorfeigene Pension, zudem werden Privatunterkünfte angeboten. Und in der Silberwerkstatt verfertigen junge Frauen Schmuck, der nach dem Vorbild natürlichen Formen gestaltet und verkauft wird. Seit 1994 hat die Zahl der Besucher, die größtenteils aus Jordanien stammen, beständig zugenommen. Im vergangenen Jahr registrierte man 30 000 Eintritte. Die Erträge aus dem Tourismus und dem Verkauf lokaler Produkte sollen einmal 70 Prozent der Unterhaltskosten decken: "Vom angepeilten Ziel, unser Budget überwiegend selbst zu erwirtschaften, sind wir jedoch noch weit entfernt", räumt der Direktor ein.

Seit der Druck auf das gefährdete Naturreservat nachgelassen hat, können sich die Biologen ungestört der ökologischen Bestandsaufnahme widmen; inzwischen zählte man 1200 Tier-und Pflanzenarten, 25 davon stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Für etliche Tierarten hat sich die vierjährige Verschnaufpause schon ausgezahlt: Kaffernadler, Gänsegeier und Rötelfalke ziehen wieder ungestört ihre Kreise über der Gebüschlandschaft der mediterranen Vegetationszone. Dank rund einer Million Zugvögel, die auf ihrem Flug zu den afrikanischen Winterquartieren eine Zwischenpause einlegen, zählt Dana zu den attraktivsten Beobachtungsgebieten.

Während die Zahl der Nubischen Steinböcke von anfangs 50 Exemplaren inzwischen auf 150 Tiere angewachsen ist, bereiten die jordanischen Forscher ein Projekt zur Wiedereinführung der Arabischen Oryxantilope vor. Die geplante Verbindung des Dana-Naturreservats mit geschützten Gebieten im Westjordanland wird jedoch auf absehbare Zeit nur auf dem Papier stehen: Die stockenden Friedensverhandlungen in Nahost haben den Plan eines grenzübergreifenden Korridors vorerst durchkreuzt.

Immerhin konnte die Königliche Gesellschaft für Naturschutz in den vergangenen Monaten gleich zwei drohende Gefahren abwenden: Eine zum Feuchtgebiet gehörende Oase, deren Wasser für den Betrieb von Hotels abgepumpt werden sollte, bleibt erhalten. Und auch im Kampf gegen ein staatliches Metallschürfunternehmen, das seit Jahren begehrliche Blicke auf die Kupfervorräte im Dana-Gebiet wirft, behielten die Naturschützer mit königlichem Beistand die Oberhand. Auf Bitten der Biologen hatte sich Königin Noor mit dem Hubschrauber erneut nach Dana begeben. Dort bestätigte sie, dass die jordanische Regierung mit der Weltbank in der Tat vertraglich den Verzicht auf die Kupferförderung vereinbart habe. Kurz darauf wurden die Bulldozer abgezogen.



Anreise: Von Frankfurt am Main aus fliegen sowohl Royal Jordanian Airlines als auch Lufthansa nach Amman. Lufthansa bietet entspechende Anschlüsse ab Berlin.

Einreise: Deutsche Staatsbürger benötigen ein Visum. Anträge gibt es bei der Botschaft des Haschemitischen Königreichs Jordanien, Beethovenallee 21, 53115 Bonn; Telefon: 02 28 / 35 40 51. Das Touristenvisum kostet bei einmaliger Einreise 30 Mark, bei zweimaliger Einreise 40 Mark.

Reisezeit: Jordanien besitzt Mittelmeer-Klima. Von Mai bis Anfang November ist es in der Hauptstadt Amman und im Hochland sonnig und wolkenlos, die Durchschnittstemperaturen liegen bei 23 Grad. Im Frühling ist das Wetter optimal, die Landschaft ist grün. Der Herbst ist mild. Im Juli und August ist es heiß und trocken.

Sprache: Man kommt überall mit Englisch, der zweiten Verwaltungssprache, problemlos durch.

Impfungen: Es empfehlen sich vorbeugende Impfungen gegen Kinderlähmung und Tetanus, eventuell gegen Hepatitis. Wasser aus Wasserleitungen ist zu meiden.

Geld: Der Jordan Dinar (JD) ist die Landeswährung. Eine D-Mark entspricht gegenwärtig 0,43 Dinar. Jordanien ist verhältnismäßig teuer. Kreditkarten werden in Hotels im allgemeinen akzeptiert. Für den Geldumtausch Bargeld oder Reiseschecks.

Reisen im Land: Die Qualität der Straßen und Autobahnen ist durchwegs gut, es gilt der Rechtsverkehr. Mietwagen pro Tag zwischen 25 und 80 Dinar.

Dana-Gebiet: Mittlerweile steht das jordanische Schutzgebiet als weltweit vorbildliches Vorhaben auf der Liste der Expo 2000 in Hannover. Dana liegt etwa 200 Kilometer südlich von Amman. Die Übernachtung im Guest House kostet mit Frühstück umgerechnet etwa 60 Mark pro Person. Die Führer bieten, je nach Interessenslage, verschiedene mehrstündige Exkursionen. Dana Guest House, Telefax 009 62 / 3 / 368 49 79. Außerdem gibt die Möglichkeit, in bereit gestellten Zelten zu übernachten.

Auskunft: Fremdenverkehrsbüro Jordanien, Weserstraße 4, 60329 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 923 18 80, Telefax: 069 / 92 31 88 79.

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