Zeitung Heute : Die Last der Mutter

Über ihre Kindheit redet sie ungern, sie hat Melanie A. krank gemacht. Auch der Mann, den sie liebte, ist krank. Er tötete das gemeinsame Baby in einem Anfall. Trotz Warnzeichen hatte sie ihn nicht verlassen. Nun spricht sie darüber, warum

Sie möchte nicht mehr wie eine Geistergestalt durch die Straßen laufen. Als ein Wesen, das alle in der Nachbarschaft anstarren. Melanie A., 31 Jahre alt, hat sich entschlossen, zu reden. Die kleine, korpulente Frau lässt sich auf einen Stuhl in ihrem Wohnzimmer fallen. Sie ist angespannt, wuschelt sich mit den Händen durch die kurzen, dunklen Haare. Auf ihren Unterarmen kommen zwei Tattoos zum Vorschein. Das eine zeigt eine geschlängelte Ethno-Rune. Das andere den Namen ihres Sohnes, des Kindes, das ihr noch geblieben ist. Sie holt Luft. Wie spricht man über das Unfassbare?

Melanie A. ist die Mutter von Amélie. Amélie ist tot. Sie wurde sieben Monate alt. Ihr Vater hat sie von ihrer Wickelkommode im Bad genommen und gegen einen Schrank geworfen, dann gegen das Waschbecken, dann gegen die Waschmaschine. Schließlich fiel das Mädchen auf die Fliesen. „Als ich Amélie im Arm hielt, war sie schon tot“, sagt Melanie A. Es sei alles so schnell gegangen, dass sie in diesen Sekunden nichts mehr tun konnte, um ihre kleine Tochter zu retten. Das war am 29. Februar.

Melanie A. lebt in einem Zweizimmer-Appartement der Caritas, einer betreuten Mutter-Kind-Einrichtung in Berlin-Reinickendorf. Sie ist nicht zufällig hier. Die Familie hatte Probleme, das war allen klar, zudem leidet Melanie A. am Borderline-Syndrom, ebenso wie ihr Freund Philippe B., 41, der Vater von Amélie. Borderline gilt unter Psychiatern als „emotionale Regulationsstörung“. Betroffene haben ihre Gefühle nicht im Griff, brausen schnell auf, neigen zu Depressionen oder werden aggressiv – so wie Philippe B.

An dem Morgen, an dem die kleine Amélie starb, war er zu Besuch in die Wohneinrichtung gekommen. Melanie A. und er stritten, es ging um eine Belanglosigkeit. Während sie dem Baby auf der Wickelkommode im Bad gerade einen Overall anziehen wollte, rastete er aus. Er griff sich seine kleine Tochter und schleuderte sie so lange umher, bis sie starb. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

In manchen Zeitungen war danach vom „Fliesen-Baby“ die Rede und vom „Psycho-Killer“. Als sie die Artikel las, sagte Melanie A., habe die Wut sie gepackt und seitdem kaum den Griff gelockert. Die privaten Fotos, die ohne ihre Erlaubnis veröffentlicht wurden, die Vorverurteilungen hätten sie fertiggemacht. Melanie A. will nun reden – wohl auch, um zu rechtfertigen, warum sie diesen Mann nicht früher verlassen hat, um zurechtzurücken, „was die Leute da draußen nicht verstehen“. Sie weiß nicht, ob andere es überhaupt verstehen können. Manchmal bezweifelt sie sogar, ob sie es selbst versteht. Sie möchte es versuchen.

Es gab Anzeichen, dass in der Familie von Melanie A. schon längst etwas schief lief. Den Platz in der Reinickendorfer Kriseneinrichtung hatte ihr das Jugendamt im August 2007 vermittelt. Den Betreuern war Philippe B. als vorbestrafter Gewalttäter bekannt. Auch, dass er am Borderline-Syndrom litt, wussten sie. Sogar Melanie A. hatte er schon geschlagen. Trotzdem durfte der psychisch gestörte Mann sein Kind unbeaufsichtigt sehen, es sogar alle 14 Tage übers Wochenende zu sich nach Hause nehmen, ganz offiziell. Es sind Tatsachen, die Unverständnis hervorrufen, bei den Ermittlern der Kriminalpolizei zum Beispiel. Hätte diese Tragödie nicht verhindert werden können? Vielleicht sogar verhindert werden müssen?

Im Nachhinein fällt das Urteil leicht. Möglicherweise zu leicht, wenn man außen steht. Melanie A. sagt, sie habe gekämpft. Um ihr Familienglück. Und sie sagt: „Ich habe ihn geliebt.“ Um das ganz zu verstehen, muss man vieles wissen, wahrscheinlich sogar mehr als sie im Moment erzählt.

Die Wurzeln ihrer psychischen Störung lägen in ihrer Kindheit, sagt Melanie A. knapp. Sie wuchs in einer Pflegefamilie auf. Das Verhältnis zur Pflegemutter sei noch heute schwierig. Mehr will sie nicht sagen. Doch entscheidend ist womöglich schon, dass damals ein Wunsch in ihr entsprang, den viele Menschen kennen, nur vielleicht nicht ganz so unbedingt: der Wunsch nach einer heilen Familie.

„Dafür möchte ich mich nicht rechtfertigen müssen“, sagt Melanie A. Kurz streift ihr Blick die Bilderrahmen mit den Fotos ihrer kleinen Tochter an der Wand. Ein lächelndes Baby mit dunklen Löckchen und braunen Knopfaugen. „Philippe und ich waren schon auf dem Weg, es gemeinsam zu schaffen.“ Sogar eine Paartherapie hätten sie zusammen angefangen. „Glauben Sie mir“, – ihre Stimme wird energisch –, „er hat die Kleine abgöttisch geliebt.“ Nie zuvor habe er sie grob angefasst. Nur war das eben nicht alles.

Melanie A. lernte Philippe B. vor zwei Jahren kennen, in einer psychiatrischen Klinik. Die Lebenswege der beiden ähneln sich. Philippe B., der aus der Nähe von Paris stammt, war vor dem Mauerfall als französischer Soldat nach Berlin gekommen. Nach der Wende blieb der gelernte Koch hier – wegen der Beziehung zu einer Frau, die allerdings bald scheiterte. Auch Melanies erste Ehe mit einem Nigerianer war schnell in die Brüche gegangen. Als ihr erster Sohn Ugonna zur Welt kam, war sie 19 Jahre alt.

In der Klinik dann verliebt sich Melanie A. in Philippe B. Er sei so gewesen, wie sie sich einen Franzosen vorstellte: charmant, witzig, liebevoll, „der es liebte, zu kochen“. Die beiden ziehen zusammen, Melanie A. wird kurz darauf schwanger. Sie weiß, dass ihr neuer Freund vorbestraft ist: Betrunken hat er im Streit einen Bekannten verprügelt. Im November 2006 schlägt er auch Melanie A. das erste Mal. Sie ruft die Polizei, die Beamten schreiben eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt. Doch Melanie A. will den Traum von der heilen Familie nicht aufgeben. „Ich bin zur Polizei und wollte die Anzeige wieder zurückziehen“, sagt sie. Doch das ging nicht. Denn wenn einmal der Verdacht besteht, dass eine Straftat vorliegt, ist die Polizei verpflichtet, weiter zu ermitteln.

Melanie A. bleibt bei ihrem Freund. Sie denkt: „Mit der richtigen Therapie wird er sich ändern.“ Im Sommer 2007 kommt Amélie zur Welt. Ein paar Wochen später rastet Philippe B. erneut aus. Das Neugeborene schläft, der zwölf Jahre alte Ugonna spielt mit dem Gameboy. Philippe B. hat Angst, dass das Baby von dem Gedudel wach wird. Da nimmt er seinen Stiefsohn in den Schwitzkasten. Melanie A. versucht, den Mann zu beruhigen. Doch sie fühlt sich bedroht. „Ich bin von heute auf morgen mit den Kindern in die Kriseneinrichtung gezogen. Philippe war da gerade bei seiner Arbeitstherapie“, sagt sie. Doch trennen wollte sie sich nicht. „Er sollte lernen, meine Grenzen zu respektieren.“

Sowohl Philippe B., als auch Melanie A. machen schon seit mehreren Jahren Therapien. Bei ihr meint man das auch zu hören. Denn bei manchen Sätzen scheint es, als hätte sie sie einfach von ihrer Psychologin übernommen. „Es gab zu viel Nähe. Wir brauchten erst einmal unsere Freiräume, um wieder frei atmen zu können“, sagt sie. Trotz der „räumlichen Trennung“ wollte sie weiter mit ihm „als Familie leben“. Das Jugendamt erhebt dagegen keine Einwände. Auch ein psychisch gestörter Vater habe das Recht, sein Kind zu sehen, heißt es in einer Stellungnahme, die das Amt kurz nach dem Tod von Amélie herausgibt. Eine Mitschuld am Tod des Säuglings weisen die Verantwortlichen des Jugendamtes zurück. Im Behördenjargon heißt das: Eine Kindeswohlgefährdung sei zu keiner Zeit abzusehen gewesen. Es habe weder Fehleinschätzungen noch Versäumnisse gegeben.

„Das ist ein empfindliches Thema“, sagt Thorsten Kienast. Er ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité. Am Telefon betont er, dass er „nur im Allgemeinen“ über diesen Fall sprechen könne. Er wägt jedes Wort. Schließlich dürfe man nicht eine „ganze Menschengruppe“ brandmarken. „Borderliner sind keine Monster, keine eiskalten Killer“, sagt Kienast. Trotz der Krankheit schafften es viele, damit alt zu werden, damit zu leben und andere leben zu lassen. „Das in den Griff zu bekommen, ist mit jahrelangem Training, mit Therapien verbunden.“ Ein emotional ausgeglichenes Familienleben sei dabei förderlich. Und: „Man darf diesen Menschen nicht die Möglichkeit nehmen, so ein Leben anzustreben.“ Selbstverständlich bleibe immer ein Risiko, das nicht vorhersehbar sei. Borderliner könnten ihre Aggression auch gegen die Menschen richten, die sie am meisten lieben. „In der Regel ist es so, dass die Erkrankten ihre Ausraster bitterlich bereuen.“ Dennoch, es gebe keine Statistik, die besagt, dass Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung häufiger gewalttätig werden als andere. Kienast macht eine kurze Pause und schickt dann hinterher: „Natürlich macht diese Erklärung das Kind nicht wieder lebendig.“

In der Wohnung von Melanie A. geht die Wohnzimmertür auf. Ugonna ist von der Schule gekommen. Er ist ein schlanker Junge mit großen dunklen Augen und unverschämt langen Wimpern. Die Mutter fragt, wie der Englisch-Vokabeltest war. „Gut“, sagt der Zwölfjährige. Nur bei einem Verb habe er die Vergangenheitsform nicht gewusst. „Mensch, ist doch super. Da hat sich unser Lernen gestern gelohnt“, sagt die Mutter. Der Junge setzt sich an den Tisch. „Ugonna, können wir in dein Zimmer gehen, um ungestört weiterzureden?“ Der Sohn nickt.

Empfindet sie Wut oder gar Hass auf Philippe B.? „Nein, das nicht“, sagt Melanie A. Doch sie wisse jetzt, dass es mit ihm kein gemeinsames Leben geben kann.

Irma Leisle kennt diese Ambivalenz, in der Frauen wie Melanie A. stecken. Sie ist Leiterin der „Big-Hotline“, ein Krisentelefon für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Pro Jahr gehen mehr als 7000 Anrufe ein. Etwa 13 000 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zählte die Polizei im vergangenen Jahr. Und obwohl diese Frauen von ihren Partnern oft fast zu Tode geprügelt werden, sei es dennoch „nicht ungewöhnlich“, dass sie sich nicht trennten, sagt Leisle. Sie haben die Hoffnung, dass es wieder gut werden wird. „Denn fast immer gab es ja zuvor eine Zeit, in der sie glücklich waren.“ Leisle sagt, immerhin habe Melanie A. schon einiges unternommen. „Hier war ja etwas in der Entwicklung. Die Paartherapie, das betreute Wohnen.“ Leisle sagt, es sei in solchen Fällen sinnvoller, nicht von Schuld zu sprechen. „Eher von Verantwortung.“ Aber nach der müsse in erster Linie der Täter gefragt werden.

Melanie A. selbst denkt noch nicht in Kategorien von Schuld oder Verantwortung. Sie sagt, sie habe erst langsam verstanden, dass „Philippe in seiner Krankheit gefangen ist“. Sie sucht weiter nach Antworten, die sie verstehen lassen, wie es so weit kommen konnte. Deshalb hat sie ihm Briefe ins Gefängnis geschrieben, ihm immer wieder die gleichen Fragen gestellt: „Warum hast Du das getan? Warum hast Du unsere Familie zerstört?“ Er hat nicht geantwortet. Einmal möchte Melanie A. ihn noch sehen, ihn im Gefängnis besuchen. Um endlich Antworten zu bekommen. „Um mit ihm abzuschließen“, sagt sie. Allein ihr Sohn Ugonna gebe ihr noch Kraft. „Ugonna sagte mir einmal: Mama, irgendwann wirst du einen lieben Mann finden und vielleicht noch mal ein Kind haben“, sagt Melanie A. Sie schluckt. „Ich habe doch auch ein Recht glücklich zu werden.“ Es klingt, wie eine Frage.

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