Zeitung Heute : Die Last mit den Lädierten

Der Tagesspiegel

Stuttgart (dpa). Die hohe Zahl von verletzten und angeschlagenen Nationalspielern bringt Teamchef Rudi Völler sechs Wochen vor der Fußball-WM in Bedrängnis. Mittlerweile steht sogar der geplante Nominierungstermin für seinen 23-köpfigen WM-Kader am 6. Mai zur Disposition. „Es kann den einen oder anderen geben, den ich aus der Hinterhand zaubern muss“, sagt Völler. Aber noch versucht der Teamchef Ruhe zu bewahren: „Wir müssen zum jetzigen Zeitpunkt nicht hektisch werden oder in Panik verfallen. Es trifft uns im Moment allerdings härter als andere Nationen.“

Sebastian Deisler und Mehmet Scholl führen die Liste der Wackelkandidaten an, die als jüngsten Fall um Christian Ziege (Sprunggelenk-Operation) erweitert wurde. Marko Rehmer (doppelter Bänderriss) und Gerald Asamoah (Muskelbündelriss) kämpfen wie Deisler (Knieoperation und Muskelfaserriss) sowie der vom Pech verfolgte Scholl (Sprunggelenk-Operation, Muskelfaserriss, Bandscheibenvorfall) in der Rehabilitation um ihre WM-Chance. Oliver Neuville schlägt sich mit einem angebrochenen Zeh herum, Jens Nowotny plagt ein lädiertes Sprunggelenk. Torsten Frings will eine Leisten-Operation bis nach der WM aufschieben.

Längst rätselt Völler, wie viele lädierte Profis er am 22. Mai mit nach Japan nehmen kann. „Natürlich geht es, angeschlagene Spieler mitzunehmen. Aber wo ist die Grenze? Wie viele angeschlagene Spieler verträgt ein Kader?“ Immerhin darf ein WM-Kader in diesem Jahr erstmals 23 statt 22 Spieler umfassen. „Im Zweifel entscheidet man sich dann eher für einen 22-Jährigen als einen 32-Jährigen, da bei dem in der Regel der Heilungsprozess schneller geht“, meinte Teamarzt Josef Schmitt.

Völler weiß aus eigener Erfahrung um die Probleme, nach längerer Spielpause noch in den WM-Rhythmus zu finden: „Bei der WM 1986 in Mexiko konnte ich nur 80 bis 90 Prozent meines Leistungsvermögens bringen.“ Damals war auch noch Karl-Heinz Rummenigge mit einer nicht auskurierten Verletzung dabei. Doch das Beispiel macht gleichzeitig Mut. Immerhin wurde Deutschland mit drei Völler-Toren noch Vize-Weltmeister. Jüngstes Gegenbeispiel aber war Thomas Helmer bei der WM 1998. Der durfte trotz großer gesundheitlicher Probleme mit zur WM 1998 nach Frankreich, wurde nicht fit und blockierte als besserer WM-Tourist einen Platz im deutschen Aufgebot.

Mit bangem Blick sieht Völler den entscheidenden Wochen der Saison entgegen: Leverkusen ist noch in Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal gefordert und spielt im Extremfall bis zum 15. Mai. Borussia Dortmund steht bis zum Uefa-Cup-Endspiel am 8. Mai unter Hochspannung. Drei Tage später treffen Leverkusen und Schalke im DFB-Pokalfinale aufeinander. Reichlich Zeit, sich noch zu verletzten.

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