Zeitung Heute : Die leeren Stühle von Beirut

Der Tagesspiegel

Von Andrea Nüsse, Beirut

Es sollte ein historischer Tag werden. Im vornehmen Phoenicia-Hotel an Beiruts Corniche, der Strandpromenade, wollte die Arabische Liga ein Zeichen setzen. Einigkeit wollten die Führer der 22 Mitgliedsstaaten demonstrieren und eine klare Botschaft an die Welt richten: Frieden für Israel, wenn es sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückzieht, ein palästinensischer Staat mit Hauptstadt Ost-Jerusalem geschaffen und die Flüchtlingsfrage gelöst wird.

Es kam ganz anders: Der mit vielen Vorschusslorbeeren bedachte arabische Gipfel wurde zum Gipfel der leeren Stühle. Dass der kranke saudische König Fahd nicht kommen würde, war schon zuvor klar; auch dass der libysche Revolutionsführer Gaddafi und einige Golf-Monarchen zu Hause bleiben würden, war keine Überraschung. Und an Jassir Arafats Kommen hatte in Beirut schon seit Tagen keiner mehr geglaubt. Aber dass auch der jordanische König Abdullah II. fehlte und Mubarak nicht kommt, damit hatte niemand gerechnet. Doch der erste Konferenztag sollte noch weitere Überraschungen bereithalten.

Warum Mubarak und Abdullah, die beiden Hauptalliierten der USA, zu Hause gebliebenwaren, ist am Mittwochmorgen im Pressezentrum, das im Kindermuseum neben dem Phoenicia-Hotel eingerichtet wurde, das Hauptthema. Die Gerüchteküche kocht. Auch die erfahrensten Nahost-Experten sind ratlos. Zunächst hieß es, man habe nicht für die Sicherheit der beiden Führer, deren Länder bereits Friedensverträge mit Israel haben, garantieren können. Denn der Flughafen Beiruts liegt mitten in der Stadt in Armenvierteln, in denen die Hisbollah ihre Hochburg hat, die einen Frieden mit Israel strikt ablehnt. Nach Ansicht von Experten könnte die Organisation jedes Flugzeug vom Himmel holen, wenn sie wollte. Besonders glaubwürdig scheint diese These allerdings niemandem.

Karussell der Gerüchte

Dann berichten jordanische Journalisten, aus Amman werde gemeldet, der König habe Grippe. Aber auch das nehmen ihnen hier nur wenige ab. Ebenso wie die Behauptung ägyptischer Journalisten, Mubarak sei verärgert, weil er im Hotel Phoenicia Quartier beziehen sollte, während der syrische Staatspräsident Bashar al-Assad in der Residenz des libanesischen Staatspräsidenten Emile Lahoud schlafen darf und der saudische Kronprinz Abdullah bei Ministerpräsident Rafik Hariri unterkommt. Kurzzeitig sieht es so aus, als hätte man es hier mit bockigen Kindern statt mit Staatschefs zu tun.

Das Gerüchtekarussell dreht sich weiter: Plötzlich ist zu hören, Mubarak und Abdullah seien verärgert darüber, dass die USA nicht mehr Druck auf Israel ausgeübt haben, damit Arafat nach Beirut fliegen und anschließend nach Ramallah zurückkehren darf. Damit, immerhin, hätte der überraschende Gipfel-Boykott der beiden arabischen Führer wenigstens eine politische Komponente.

Während die Journalisten noch versuchen, die Psyche Mubaraks und Abdullahs zu ergründen, beginnen die angereisten Staatschefs fast pünktlich mit ihrer Eröffnungszeremonie. Der jordanische Premierminister Abu Ragheb verliest die Rede von König Abdullah und gibt den Vorsitz des Gipfels an den libanesischen Präsidenten Emile Lahoud. Niemand erwähnt die Abwesenden. Und dann nimmt der Gipfel trotz aller Widrigkeiten einen historischen Verlauf: Erstmals darf ein EU-Ratspräsident, der Spanier José Maria Aznar, eine Rede vor dem arabischen Forum halten. Anschließend ist UN-Generalsekretär Kofi Annan dran. Kronprinz Abdullah hält in seiner kurzen Rede an seinem Friedensangebot fest. Auch wenn er darüber verärgert sein muss, dass der ägyptische Präsident und der jordanische König bei der Präsentation seiner Initiative nicht anwesend sind – er lässt es sich nicht anmerken.

So friedlich und freundlich, wie der Gipfel begonnen hat, bleibt er jedoch nicht. Es kommt zu einem weiteren Eklat: Die geplante Videoschaltung zu Arafat nach Ramallah wurde plötzlich zum Problem. Eigentlich hätte er nach dem syrischen Präsidenten sprechen sollen, doch auf einmal bricht Lahoud die Sitzung abrupt ab. Man will die Rede nicht live übertragen, sagt er, weil man befürchte, die Israelis könnten die Satellitenverbindung manipulieren. Eine Erklärung, die die palästinensische Delegation nicht abhält, unter Protest den Gipfel zu verlassen. Kurz danach ergreift Arafat dennoch das Wort. Über den Fernsehsender „Al Dschasira“. Auch er sagt, er wolle Frieden mit Israel schließen. Damit hat der Sender aus Katar die „Scharte“ vom Vortag wieder ausgewetzt. Denn da wollte „Al Dschasira“ ein Interview mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon ausstrahlen. Doch um 17 Uhr, zum Zeitpunkt der geplanten Ausstrahlung, überreichten drei arabische Journalisten einen schriftlichen Protest gegen die Sendung. 148 ihrer Kollegen hatten unterschrieben. „Wir sind für Pressefreiheit, aber dem Kriegsverbrecher Scharon dürft ihr nicht das Wort erteilen.“

Prophetischer Auftakt

Gleichzeitig verkündete ein Moderator von „Al-Dschasira“, dass dieses erste Interview Scharons mit dem katarischen Sender nicht zustande komme, weil der israelische Ministerpräsident auf einem Interview in seinem Büro in Jerusalem bestanden und eine Videoschaltung nach Katar abgelehnt habe. Zu den Ausführungen des Moderators wurde der leere Schreibtisch Scharons mit der israelischen Flagge im Hintergrund eingeblendet. Ein prophetischer Auftakt zum arabischen Gipfel der leeren Stühle.

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