Zeitung Heute : Die lehrreichen Gesten

Joschka Fischers Auftakt als US-Gastprofessor

Christoph von Marschall[Washington]

Der Herr kratzt sich am Ohr, er verdreht die Augen, er blickt genervt zur Seite.

Als „Politiker der offenen Sprache“ hatte Princeton-Professor Andrew Moravcsik den Herrn Joseph Fischer vorgestellt. Der Ex-Außenminister wird Gastprofessor an dessen Eliteuniversität, südlich von New York gelegen. Und dies ist ein Diskussionsabend in Washington – zum Thema Amerika und Europa fünf Jahre nach 9/11 – und zugleich der Auftakt zu Fischers neuem Job in der Neuen Welt. Der Grund für Fischers offene Körpersprache sitzt auch auf dem Podium: Kurt Volker, Abteilungsleiter Europa im US-Außenministerium, eine Generation jünger als Fischer. Volker hat gerade die Absichten seines Präsidenten erklärt: George W. Bush wolle keinen Krieg gegen die muslimische Welt. Überhaupt gehe es nicht um militärische Mittel, sondern um einen Wettbewerb der Ideen. Den müsse der Westen gewinnen, das sehe er wie Fischer. Der blickt zur Decke und faltet die Hände vor dem inzwischen wieder unübersehbaren Bauch wie zum Stoßgebet.

„Ich kämpfe noch mit meiner Rolle“, sagt Fischer schließlich. Sieben Jahre habe er die „diplomatische Ausdrucksweise“ geübt. Nun als Gast in den USA wolle er auch nicht … Doch, ermutigt ihn Moravcsik. „Sprechen Sie offen!“ Es falle ihm „schwer, Rhetorik und Realität in Einklang zu bringen“, sagt Fischer künstlich- höflich. Gestik und Mimik haben längst verraten, was er von Volker hält. Und als erfahrener Redner weiß Fischer, dass die meisten der 150 Zuhörer gekommen sind, um Kritik an ihrer Regierung zu hören.

Seine Rolle für das Gastjahr in Princeton hat Fischer zuletzt bei mehreren Auftritten getestet und verfeinert: Empathie für die angegriffene Nation, Bewunderung für Kultur und Dynamik in den USA, Distanz zur Regierung. Einen Anti-Amerika- Wahlkampf hat er nie geführt; wenige Tage nach 9/11 stand er am Krater von Ground Zero und blickte auf die rauchenden Trümmer der Türme. Die Bilder seien unauslöschlich in seinem Kopf – so hat er den Abend begonnen. Es sei richtig gewesen, Afghanistan anzugreifen, wo Al Qaidas Ausbildungslager standen. Richtig sei auch die Kooperation von Geheimdiensten und Polizei. Irakkrieg, Abu Ghraib, Guantanamo – da trennen sich Bushs und Fischers Wege.

Die Wurzeln der Gewalt orten sie ähnlich. Wahre Ursache des muslimischen Terrorismus sei nicht die Politik der USA. Sondern die fehlende Modernisierung der arabischen Welt. Volker sagt es laut, Fischer erst nach der Debatte: „Auch ohne Israel und USA hätten wir die Konflikte. Aber das heißt nicht, dass man sie durch Fehler noch verschlimmern muss.“

Und dann probt der Autodidakt in Englisch ein Wortspiel in seiner neuen Arbeitssprache. „To defeat the beast, don’t feed the beast.“ Wer die Bestie des Terrors töten will, darf sie nicht füttern.

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